VISION 20004/2016
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Wozu beweisen, was offenkundig ist?

Artikel drucken Wenn Familie infrage gestellt wird:

Wenn es um das Thema Familie geht, ist man heute oft herausgefordert, Selbstverständliches argumentativ zu verteidigen.  Wie unsinnig diese Forderung ist, erläutert der folgende Beitrag:
Sie haben geschrieben: „Es ist schwierig jenen, die sich gegen die Familie verschworen haben, wirksam entgegenzutreten.“ Warum?
Fabrice Hadjadj: Wie soll man beweisen, dass die Sonne strahlt, das Wasser nass macht, dass die Welt rund um uns existiert? Mit der Familie ist es ähnlich. Sie entstammt der geschlechtlichen Dualität und Fruchtbarkeit: Von daher kommt das Leben. Wie soll man da beweisen, dass dies für das Leben gut ist? Das ist eben offenkundig. (…). Es ist recht einfach zu beweisen, dass ein Kind erzogen werden muss, aber schwierig ist es zu zeigen, dass es einen Vater und eine Mutter braucht. Sobald man das zu beweisen hat, wird deutlich, dass man blind geworden ist. Ähnlich problematisch sind Argumente, die erklären sollen, dass der Mensch von einem Mann und einer Frau abstammt: Das braucht man nicht zu erklären, das ist eine Grundgegebenheit. Unser Hochmut verleitet uns dazu, unsere Erklärungen dem Evidenten vorzuziehen, und das, was wir geschaffen haben, dem, was uns geschenkt ist. Wir sind stolz auf unsere Taschenlampen und danken nicht für das Licht der Sonne.
(…)
Ist es daher, Ihrer Meinung nach, unmöglich eine rationale Erklärung für die Familie zu liefern?
Hadjadj: Damit landen wir in der Ideologie und bald auch im Technischen. Denn so beginnt man mit Pädagogen und Reagenzgläsern eine rationalisierte „Familie“ aufgrund einer abstrakten Theorie zu konstruieren. Die Konzeption (im Sinn von Empfängnis im Bauch einer Frau) geht stets den Konzepten (in unseren Köpfen) voraus. Will man mit einer Definition eine Realität vollständig erklären – ja, dann gibt es tatsächlich keine Erklärung für die Familie. Bedeutet es hingegen, einen Raum abzustecken, indem diese Realität in ihrer Besonderheit und in ihrem Geheimnis in Erscheinung treten kann, ja, dann kann und soll man eine Definition der Familie geben, um sie zu bewahren.
(…)
Würde Sie nun ein junger Mann fragen, wie man gegen die Gender-Ideologie an­kämpft, was antworten Sie dann?
Hadjadj: „Probieren Sie es mit der ,Theorie du gendre’ (der Theorie des Schwiegersohnes, Anm.). Heiraten Sie, bekommen Sie Kinder und eine Schwiegerfamilie, dann werden sie schon sehen – da kommt es zu einem echten, schönen Kampf, der Sie mit der ganzen Vergangenheit verbindet und für die Zukunft öffnet!“ Es besteht die Gefahr, über die Familie zu reden und nicht mehr in Einheit mit der eigenen Familie zu leben. Ja, man muss kämpfen, sicher – aber mittels Ausstrahlung vom eigenen Heim. Es genügt nicht, große Publicity für eine Idee zu machen.

Setzen Sie deswegen den Familientisch dem elektronischen Tablett entgegen?
Hadjadj: Ich betone, dass der Esstisch als technisches Gerät dem Tablett weitaus überlegen ist. Hier entsteht Nähe mit Leib und Seele, hier wird das Familiengewebe geflochten, hier findet die Weitergabe von einer Generation zur nächsten statt. (…) Wenn die Familie heute immer stärkeren Angriffen ausgesetzt ist und sich langsam auflöst, so weniger wegen militanter Lobbys als wegen einer technischen Entwicklung, die in unseren Häusern Einzug gehalten hat, ohne dass man deren Folgen bedacht hätte. Der Fernseher, die Computer, die Smartphones haben den Esstisch ruiniert. Jeder sitzt vor seinem Bildschirm. (…) Man lebt zwar unter demselben Dach, aber die Familie ist schon zersplittert. Die Folge: Wenn die Mitglieder sich nun trennen, registriert man im Grunde genommen nur, dass sich eigentlich nichts geändert hat.

Schlussendlich, was ist nun die Familie?
Hadjadj: Sie ist der Ort des Fleisches, des Empfangens und Schenkens von Leben – und sie ist dessen Angelpunkt. Genaugenommen ist sie das, was uns geschenkt ist, uns durchdringt, uns übersteigt: sei es nun das Begehren, das den Mann einer Frau zuwendet oder die Ankunft von Kindern, die weder geplant oder maßgeschneidert, noch nach den momentanen Vorurteilen produziert worden sind. (…) Eines ist jedenfalls sicher: Die Familie ist älter als jede Ideologie, als jeder Vertrag, älter als der Staat. Sie entspringt jener geheimnisvollen Quelle, die nie ganz zu beherrschen ist, aus der die Geschichte und die Abfolge der Generationen hervorgeht, aus jener von Scham geprägten Quelle, die man Sexualität nennt und die das Echo jenes ersten göttlichen Gebots ist: „Seid fruchtbar und vermehrt euch!“ (Gen 1,28). Genau deswegen überragen uns die familiären Beziehungen immer.

Interview von Luc Adrian mit dem Philosophen, Mitglied der Kongregation für die Laien. Autor des Buches Que’est ce qu’une famille? Verlag Salvator, 256 Seiten, 20 Euro, in Famille Chrétienne v. 22.9.14

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