VISION 20004/2016
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Gebt den Kindern ihre Mütter zurück!

Artikel drucken Plädoyer für die gesellschaftliche Aufwertung der Mutter (Alexa Gaspari)

Was habe ich da unlängst gelesen? Laut einer Lehrlingsbefragung wollen wieder mehr Mädchen Kinder bekommen und vom Mann versorgt werden. Es ist eigentlich ein deutliches Zeichen an die Politiker.
Hurra!“ sollte nun die Frauenministerin rufen, und „wunderbar!“, wenn ihr unser Land und unsere Kinder ein Anliegen wären. Dem ist leider nicht so. Sabine Oberhauser nimmt diese Mädchen offenbar nicht ernst, wenn sie meint, dass mehr Einkommen und Fremdbetreuungsplätze dieses „Problem“ lösen könnten.  Als ob Kinder in Krippen liebevoller und erfolgreicher betreut würden als von den Müttern daheim!
Was wirklich zu tun wäre? Das, was Christa Meves schon seit langem vorschlägt: eine ausreichende  finanzielle Unterstützung der Frauen, statt aufwändig Krippen- oder Kindergartenplätze um ca. 1.500 Euro pro Kind zu finanzieren. Überfällig ist auch eine gesellschaftliche Anerkennung dieser essenziell wichtigen Aufgabe, also eine Trendumkehr bei der Kinderbetreuung: weg von der  viel zu frühen Fremd- zurück zur Betreuung durch die eigene Mutter – und das so lange wie möglich!
Heute scheint es notwendig, die selbstverständlichsten Dinge zu rechtfertigen und zu erklären: dass ein Mann ein Mann ist und eine Frau eine Frau bleibt, dass Kinder ihre leiblichen Mütter und Väter brauchen, dass auch ungeborene Kinder ein Recht auf ihr Leben haben, dass eine Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau sein kann, dass Familie nicht ein Zusammenschluss irgendwelcher Menschen ist, sondern aus einem Vater, einer Mutter und deren Kindern besteht.
Ebenso selbstverständlich erscheint mir, dass es für Kinder nichts Besseres gibt, als von ihren eigenen Müttern betreut zu werden. Es ist fast so, als müsste man erklären, warum der Mensch essen, trinken, atmen, sich bei Kälte ankleiden muss, die Augen vor der prallen Sonne schützen muß. Wer das nicht tut, der verhungert, verdurstet, erfriert, erblindet eben. Doch die stetig steigenden Folgen mangelnder Kinderbetreuung durch die Mutter sind leider nicht so offensichtlich – obwohl mittlerweile genügend Therapeuten, allen voran Christa Meves, sie seit Jahrzehnten aufzeigen: psychische Störungen, gestörtes Essverhalten, Aggressivität, Lernprobleme, Drogen- und Alkoholmissbrauch, immer öfter Suizide… Was muss noch alles geschehen, damit dass Muttersein endlich aufgewertet wird?
Machen wir es einfacher: Fragen wir doch einmal die Generation der Mütter, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, Kinder bekamen und diese selbst großgezogen haben: War das schlimm, dass ihr bei euren Kindern geblieben seid? Wie habt ihr das erlebt? Wie habt ihr euch selbst dabei entwickelt? Was hat euch Freude gemacht? Habt ihr euch tatsächlich so unterdrückt gefühlt? Was ist aus euren Kindern geworden?  Diese Mütter hatten natürlich wesentlich weniger Ansprüche und Bedürfnisse als heute.
Ich habe viele Freundinnen und Bekannte meines Alters, die gar nicht bzw. erst als ihre Kinder fast erwachsen waren, außerhäuslich berufstätig geworden sind. Ehrlich gesagt, wären wir gar nicht auf die Idee gekommen, unsere kleinen Kinder fremden Personen, über deren Lebens- und Glaubenseinstellungen wir nichts wissen, anzuvertrauen.
Was haben diese Mütter nun erlebt? Zunächst die Freude, ihre Kinder täglich bei sich zu haben,  sie behüten und auf ihre jeweiligen Bedürfnisse reagieren zu können. Sie standen ihnen bei ihren ersten Erkundungen der Welt zur Seite, teilten Freude und Kummer mit ihnen – und zwar sofort und nicht erst Stunden später.
Sie waren bei ihren Kindern, wenn sie krank waren, haben ihre ersten Worte gehört und sie bei ihren ersten Schritten freudig aufgefangen, haben mit ihnen gespielt, gesungen, ihnen vorgelesen und Geschichten erzählt, ihrem Geplauder während des Kochens, Bügelns usw. zugehört. Sie haben die beginnende Selbstständigkeit der Kinder gefördert, mit ihnen die Natur bewundert, Schulprobleme bewältigt und vielleicht bei ersten Wettkämpfen mitgefiebert.
Später konnten sie die gemeinsamen, gemütlichen Plauderstunden und Teestunden nach der Schule genießen, ihre Freunde kennenlernen und wuss­ten, mit wem ihr Nachwuchs Umgang hatte. Natürlich haben sie auch den ersten – und zweiten – Liebeskummer der Jugendlichen miterlebt und mitgelitten…
Und wir alle, die wir jetzt im Großmutteralter sind, erinnern uns voll Freude an das, was uns geschenkt wurde: an die vielen spontanen Liebesbeteuerungen, Zärtlichkeiten, Freudensausbrüche unserer Kleinen. Mütter, die zu Hause sind, können außerdem die Zeitfenster, in denen die Entwicklung ihrer Kinder stattfindet, nun einmal wesentlich besser beachten als das, verständlicherweise, bei Fremdbetreuung, wo man nicht im selben Maß auf das einzelne Kind eingehen kann, möglich ist.
Und was für Folgen hat das für die Persönlichkeit der Mütter selbst? Auf ganz selbstverständliche Weise entwickeln sie eine Menge an Charaktereigenschaften, die zwar für jeden Menschen vorteilhaft und in jedem Beruf nötig wären, die sich aber nirgendwo so selbstverständlich erlernen lassen wie im Umgang mit den eigenen Kindern, die ja von ihren Müttern geliebt werden: Geduld, zuhören und mitleiden können, Spontaneität, das Zeigen von positiven Gefühlen, das Hintanstellen eigener Bedürfnisse, Selbstbeherrschung, Streitschlichtung, Verantwortung übernehmen…
Und noch etwas: Mütter, deren Kinder dann im Kindergarten (nicht zu früh!) oder in der Schule sind, haben die Möglichkeit, selbst ihre Zeit einzuteilen und zu gestalten: Sich in Kursen weiterzubilden, Austausch in Frauenrunden zu pflegen usw.  Vor allem gibt es ein großes Potenzial von Frauen, die ihre Mütterlichkeit entwickelt haben und bereit sind, sich spontan außerhäuslich zu engagieren, sich um Menschen zu kümmern, die Sorgen haben, in Not, krank, alt oder einsam zu Hause sind. Wie viele dieser Frauen  kümmern sich heute um ihre Enkelkinder und ihre alten Eltern!
Man kann nur hoffen, dass dieses Potenzial nicht ganz verkümmert, weil es unseren Politikern und – in diesem Fall bestehe ich auf den Politikerinnen – gelungen ist, alle Frauen in die Berufswelt zu drängen. Natürlich gibt es auch genügend schwere Zeiten und Frust, wenn man sich dazu entscheidet, zu Hause bei der Familie zu bleiben. Keine Frage!
Es ist aber an der Zeit, dass das Verklären der Arbeitswelt einem realistischen Bild weicht.  Denn berufstätige Frauen gehen nicht  immer halb so erfüllt, zufrieden und glücklich heim, wie es gern dargestellt wird.
Wer spricht von den Intrigen, dem Mobbing,  den nicht erfüllten Aufstiegs­chancen,  dem vielleicht immer gleichen Trott, den unangenehmen Kunden oder anzüglichen Vorgesetzten, ganz zu schweigen von der Doppelbelastung, die den Frauen das Leben erschweren! Von all dem ist viel weniger die Rede als von der scheinbar unerträglichen, eintönigen  Tätigkeit im Haushalt und der Last der eigenen Kinder.
Wollen wir eine Welt, in der jeder Handgriff von bezahltem Personal ausgeführt werden muss, in der jeder Ferientag, jede Erkrankung des Kindes zum schier unlösbaren Problem wird?


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