VISION 20003/2017
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Ein Wunder der Vergebung

Artikel drucken Weil für Gott nichts unmöglich ist (Alexa Gaspari)

Es gibt Fälle, in denen  menschlich gesehen Vergebung un­mög­lich erscheint. Das Schicksal von Tim Guénard ist so ein Fall – ja, wenn es da nicht auch die Vorsehung Gottes gäbe…
Nachdem ihn seine Mutter ausgesetzt hatte, kommt Tim mit drei Jahren zu seinem Vater, der mittlerweile mit einer anderen Frau zusammenlebt und dem Alkohol sehr zugetan ist. Für die Stiefmutter, die fünf eigene Kinder hat, ist der Bub ein unerwünschter Parasit. So bekommt der kleine Tim statt erhoffter Umarmung täglich Prügel. Fährt die Familie am Wochenende fort, wird der Vierjährige in den Keller gesperrt – nur der Hund schleckt an seinen Fingern, die er durch das winzige Kellerfenster streckt.
Tim ist fünf, als ihn Stiefmutter und Vater mit einem Holzprügel fast erschlagen. Eine Fürsorgerin war dagewesen und hatte mit dem Buben gesprochen. Nun vermutet der Vater, Tim habe von den Misshandlungen erzählt. Bald bricht der vor Angst erstarrte Kleine zusammen. Der Vater prügelt weiter und stößt ihn schließlich die Kellertreppe hinunter. Als Tim wieder zu sich kommt, zerrt ihn die Stiefmutter – Tim kann nicht gehen – die Treppe hinauf und oben bricht der Orkan neuerlich los: Ein wuchtiger Schlag zerreißt ein Augenlid, ein zweiter sein Trommelfell und zerfetzt sein Ohr. Dann ist schwarze Nacht um ihn.
Nach drei Tagen im Koma erwacht Tim im Spital, wohin ihn die zurückgekehrte Fürsorgerin gebracht hatte. Dem Vater wird die elterliche Gewalt entzogen. Tims Beine sind zermalmt. Man muss sie wie ein Puzzle wieder zusammensetzen. Viele qualvolle Operationen muss er erdulden. Fast drei Jahre bleibt er im Spital.
Klar, dass eine solche Geschichte zu einem Absturz in der Jugendzeit führt: Selbstmordversuche, Erziehungsheim, Gewalttaten, Diebstähle, Obdachlosigkeit, Prostitution, wieder Erziehungsheim, Flucht, Jugendgericht…
Endlich ermöglicht ihm eine Richterin eine Lehre. Er besucht eine technische Schule und hat einen Bewährungshelfer. Ein hartes Leben, doch Tim ist zufrieden. Erstmals macht er positive Erfahrungen: mit den Kollegen am Bau und den Mitschülern in der Berufsschule.
Das ändert aber nichts daran, dass seine Gewalttätigkeit leicht entflammbar bleibt. In dieser Zeit lernt er boxen. Es wird nicht der einzige Kampfsport sein, den Tim erlernt, ist er doch von der Idee besessen, stärker zu werden als sein Vater, um ihn umzubringen. So wird aus ihm ein sehr guter Boxer. Denkt er nämlich beim Boxen an seinen Vater, so ist der Kampf auch schon gewonnen.
Die Bekanntschaft mit einem Arbeitskollegen, der Christ ist, leitet einen langjährigen Prozess der Umkehr – durchaus mit Rückfällen durchsetzt – ein. Die Stationen dieses Neubeginns: Taizé, eine Begegnung mit Mutter Teresa auf der Straße in Rom, ein Trappistenkloster in Kanada, die Arche von Jean Vanier, Begegnungen mit der Mystikerin Marthe Robin, schließlich die Ehe mit einer gläubigen Frau.
In diesen Jahren wächst in ihm auch das Bewusstsein, er müsse dem Vater vergeben. Menschlich gesehen ausgeschlossen. Wie es dennoch dazu kam, erzählt Tim so: „Das ging nicht schlagartig. Zunächst möchte man vergeben, kann es aber nicht. Dann wenn Kopf und Herz sich einig sind, bleiben noch die Erinnerungen, die an die Oberfläche steigen. Jahre später musste ich mich wegen der Verletzungen durch meinen Vater noch an den Beinen operieren lassen. Da fällt das Verzeihen schwer. Das Vergeben der Erinnerungen kann lange dauern.“
Aber dann schafft er den Durchbruch. Er versöhnt sich mit seinem Vater, und es entsteht im Laufe der Jahre eine neue Beziehung zwischen beiden.
Vor Jahren habe ich Tim hier in Wien als einen der berührendsten und überzeugendsten Zeugen für Vergebung kennengelernt. An seiner Geschichte wird deutlich, wie sehr ein Mensch sich zu ändern vermag, wenn er menschliche Zuwendung erfährt und der Liebe Gottes begegnet. Nur so ist das Wunder der Versöhnung zwischen Tim und seinem Vater erklärbar.

Siehe auch Portrait Vision und Das Boxerkind. Von Tim Guenard

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