VISION 20003/2017
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Ein demütiger Kirchenlehrer

Artikel drucken Benedikt XVI. zum 90. Geburtstag

Peter Seewald hat seit 1996 meh­rere In­terview-Bücher mit Josef Ra­tzinger/Benedikt XVI. ver­öffen­tlicht. Er kennt ihn wie kein an­derer Journalist. Im Fol­genden würdigt er den Jubilar.

Herr Seewald, was wissen Sie aus eigener Anschauung, wie es Papst Benedikt XVI. aktuell geht?
Peter Seewald: Ich habe ihn im Dezember das letzte Mal gesehen und besuche ihn jetzt im Mai. Ich weiß, dass es ihm gut geht, natürlich dem Alter von 90 Jahren entsprechend. Er ist in allem etwas langsamer geworden. Er hat mit dem Gehen Probleme, spricht langsamer und hört auch schlechter. Natürlich leidet er auch unter der gewaltigen Glaubenskrise, die selbst viele Verantwortliche in der Kirche noch nicht richtig erkannt haben. Er ist ja kein Pensionist, der sich zum Rosenzüchten zurückgezogen hat. Er hat bei seinem Rücktritt erklärt, dass er die Last dieser Kirche im Gebet mit­trägt. Auch als Papa emeritus nimmt er regen Anteil daran, was in der Kirche und in der Welt passiert. Ansonsten freut er sich darüber, dass er in der Ruhe seines Klosters sonnige Tage mit Freunden erleben kann.

Öffentlich wurden mehrfach sehr unterschiedliche Bilder vom Menschen Joseph Ratzinger gezeichnet. Sie kennen ihn aus drei Lebensphasen persönlich, als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation, als Papst und schließlich als „Papa emerito“. Was zeichnet ihn denn wirklich aus?
Seewald: Ich habe ihn jetzt ein Vierteljahrhundert als Journalist begleitet und habe unter seinen vielen Wegbegleitern, die ich gesprochen habe, außer Hans Küng noch niemanden getroffen, der das Bild des finsteren, machtbe­flissenen, harten, einsamen und rückwärtsgewandten Mannes, das ja von Ratzinger in manchen Medien noch immer gepflegt wird, teilen würde. Ich habe ihn als wirklichen Mann Gottes, als beispiellosen Intellektuellen kennengelernt, der durch seine brillanten Analysen, durch die Nachhaltigkeit seiner Prognosen besticht, und als Theologen des Volkes, der nie vergessen hat, woher er gekommen ist, der immer bemüht war, den Glauben vor allem auch den einfachen Menschen zu vermitteln.
In der persönlichen Begegnung ist er ein sehr herzlicher Mensch, mit dem man auch viel lachen kann, mit dem es immer spannend ist, und der es einem leicht macht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er ist alles andere als kontaktscheu und besticht durch seine Demut. Ich habe mich immer um journalistische Distanz bemüht, und natürlich ist auch ein Joseph Ratzinger nicht frei von Fehlern. Aber es ist eigentlich unmöglich, wenn man sich mit Person und Werk beschäftigt, nicht auch Sympathie für diese Person und dieses Werk zu empfinden.

Vom persönlichen Eindruck zum Urteil der Geschichte: Was wird, Ihrer Prognose zufolge, seine bleibende Bedeutung prägen?
Seewald: Noch nie stand jemand so lange wie Joseph Ratzinger – mehr als drei Jahrzehnte lang – an der Spitze der größten und ältesten Institution der Welt. Er ist durch seine Beiträge zum Konzil, die Wiederentdeckung der Väter und die Verlebendigung der Lehre als ein Erneuerer des Glaubens, der Kirchenlehre zu sehen. Was Benedikt XVI. von anderen Päpsten unterscheidet, ist ein Werk, das ganz unabhängig vom Pontifikat bereits groß und bedeutend ist. Ich denke, der Tag ist nicht mehr fern, an dem man von Papst Benedikt allgemein als den Kirchenlehrer der Moderne sprechen wird. Ich schließe mich da den Worten von Papst Franziskus an, der sagte: „Sein Geist wird von Generation zu Generation immer größer und mächtiger in Erscheinung treten.“

Sein Nachfolger Papst Franziskus hat ein katholisches Selbstbewusstsein neu gestärkt. Dies gab es auch unter Benedikt XVI., zusammengefasst in der Schlagzeile „Wir sind Papst“. Warum ist dies so schnell eingebrochen?
Seewald: Von „schnell eingebrochen“ kann nicht die Rede sein. Wir vergessen allzu leicht, wie die ersten vier Jahre des Pontifikats ausgesehen haben. Man hat von einem „Benedetto-Fieber“ gesprochen, das man nicht für möglich hielt. Er hat Millionen von Menschen mit seinen Schriften bewegt, Millionen von Menschen versammelt. (…)  Dann gab es den Bruch durch die Williamson-Affäre. Diese Schnittstelle hat das Pontifikat in zwei Teile geteilt. Nach dem Hosianna in der ersten Hälfte wurde es nun mühsam.
Er hat aber nie einen Holocaust-Leugner wieder zum Bischof der katholischen Kirche gemacht. Diese Überschrift hat dem Pontifikat einen Schlag versetzt, aber sie ist falsch. Dann kam der Miss­brauchsskandal, der nun ausgerechnet dem Papst angelastet wurde. Dabei hat Ratzinger schon als Präfekt soviel wie möglich getan, um solchen Verbrechen nicht nur vorzubeugen, sondern die Fälle aufzuarbeiten, die Täter zu bestrafen und die Opfer zu würdigen. Diese Linie hat er als Papst konsequent fortgeführt. Selbst seine Kritiker mussten anerkennen, dass Benedikts Management maßgeblich dazu beitrug, dass sich eine der gewaltigsten Krise der Kirchengeschichte nicht zu einem Fanal für die ganze katholische Kirche auswirkte.
Wenn wir durch den zunehmenden zeitlichen Abstand auf das Pontifikat und die Diskussion darum wieder einen freieren Blick auf Person und Werk bekommen, wird man auch die gewaltige Leistung erkennen können, die sich damit verbindet. Wir haben im deutschen Papst nicht nur eine Jahrhundertbiografie, sondern auch eine echte Jahrhundertgestalt, einen der brillantesten und charismatischsten Figuren unserer Zeit.

Von einem seiner Schüler wurde der emeritierte Papst Benedikt einmal als Dissident bezeichnet. Sie arbeiten ja an seiner Biographie: Können Sie sich vorstellen, inwiefern diese Bezeichnung passend ist?
Seewald: Er hat sich immer mutig eingemischt, gegen Tendenzen gestellt, von denen er überzeugt war, dass sie den Menschen, der Welt oder der Kirche schaden. Ratzinger ist immer auch eine Art Widerstandskämpfer gewesen: Aus der Erfahrung der atheistischen Diktatur heraus hat er dafür eine besondere Sensibilität. Er hat es aber nie beim Widerspruch belassen, sondern immer auch Lösungen angeboten. Er hat sich in schwierigen Situationen als Knotenlöser erwiesen, der mit Kopf und Herz den Menschen Orientierung geben kann. Joseph Ratzinger träumte davon, als Professor ein theologisches Werk zu schaffen, das unserer Zeit wieder Christus zeigen kann. Aber er hat sein Lebensglück ganz dem Dienst für die Kirche geopfert. Die Berufungen zum Erzbischof und zum Präfekten waren alles andere als seine persönlichen Sternstunden.

Waren Sie überrascht, als er die Tiara erstmals aus dem päpstlichen Wappen entfernte?
Seewald: Wenn man ein wenig vom Lebensweg und von der Persönlichkeit Ratzingers kennt, dann sieht man, dass er immer ein modern denkender Mensch gewesen ist, dass er bereit ist, Dinge zu tun, die niemand zuvor getan hat. Er ist einerseits ein Liebhaber und Verfechter der Tradition, der sich bemüht, das Erbe mitzudenken, gleichwohl aber neue Impulse zu entwickeln und den Gegebenheiten unserer Epoche gerecht zu werden. Die Entfernung der Tiara aus dem Wappen, als Zeichen auch für die weltliche Macht des Papstes, zeigte den Weg an. Der historische Akt seiner Demission war die konsequente Folge dieser Linie. Benedikt XVI. hat damit das Petrus­amt verändert, wie es in der Neuzeit noch nie verändert wurde. Die bis dahin gültige, nahezu mystische Tradition, dass ein Papst in seinem Amt zu sterben habe, hatte seine Größe, für die heutigen Anforderungen aber auch gewisse Fesseln, und die hat Benedikt XVI. gesprengt. „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe“, ist der Auftrag an den Nachfolger Petri. Und dazu braucht es gerade in der globalisierten Welt alle Kräfte eines Papstes. Sind diese nicht mehr gegeben, sollte er das Amt in jüngere Hände legen.

Was erkennen Sie als Leitmotiv im Wirken Joseph Ratzingers/ Papst Benedikts XVI.?
Seewald: Er steht einerseits für die Symbiose von Vernunft und Glaube. Er wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Religion und Wissenschaft, Beten und Denken, sich nicht ausschließen, sondern einander bedingen. Durch sein Bischofsmotto, „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu sein, ist er der Anti-Populist schlechthin, weil er nicht nach der Mode der Zeit fragt, sondern danach, was Gott will, wie die Ordnung des Alls gestaltet ist, nach der wir leben müssen. Die Hauptüberschrift ist vielleicht der ‚Pontifex of love‘. Liebe ist das zentrale Moment seiner Lehrtätigkeit vom Anfang bis zum Ende. Den Ausdruck dafür gefunden zu haben, was es heißt, dass Gott die Liebe und diese der Grundkern der gesamten Schöpfung ist, ist ein Geschenk für die ganze Welt, faszinierend und buchstäblich ansteckend. Da ist ein Erbe entstanden, das weit in die Zukunft hinein wirken wird.

Das Gespräch hat Michaela Koller für Zenit.org v. 14.4.17 geführt.

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