VISION 20003/2017
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Mitten unter Muslimen Jesus Christus bezeugen

Artikel drucken „Die Leute spüren, dass uns die Liebe Christi antreibt“

2001 hat Gott sie gerufen: „Mach mein wahres Antlitz  unter Muslimen erfahrbar!“ Sie tritt aus ihrem Orden aus und bricht 2006 mit einer zweiten Schwester in den Niger auf – zu den Ärmsten der Armen. Heute sind sie 40, helfen, wo die Not am größten ist – und bezeugen die Liebe Christi mitten unter den Muslimen…

Du und Deine Schwestern, Ihr missioniert unter Muslimen. Geht das überhaupt? Und wie macht Ihr das?
Mutter Marie-Catherine Kingbo: Vor allem, indem wir für die Not der Menschen da sind. Sie sind hier äußerst arm. Die beiden letzten Ernten waren eine Katastrophe. Bei unserem letzten Treffen mit den Imamen, den Dorfältesten und Vertreterinnen von Frauenorganisationen, etwa 170 Personen, hat einer der Imame festgestellt, dass es in den Dörfern fast keine Männer mehr gibt. Sie haben sich auf die Suche nach Nahrung begeben. Es bleiben nur Frauen und Kinder zurück. Und die Frauen pflücken die Blätter von den Bäumen, um sie zu kochen und zu essen. Es fehlt einfach an Nahrungsmitteln. Und wir helfen, so gut wir können, vor allem den unterernährten Kindern.

In welcher Form geschieht das?
M. Marie-Catherine: Wir halten etwa 300 unterernährte Kinder pro Woche über Wasser. Früher konnten wir bis zu 800 Kindern helfen. Damals hat uns das Welternährungsprogramm unterstützt. Weil die Mittel nun aber auf die Flüchtlinge vor Boku Haram im Norden Nigerias umgelenkt worden sind, bekommen wir von dort nichts mehr. Jetzt versuchen wir eben dank privater Spenden unser Ernährungszentrum am Leben zu erhalten. Oft kommen so viele, dass wir gezwungen sind, sie wieder wegzuschicken, weil uns die Mehlvorräte ausgegangen sind. Und dabei verlangen wir für zwei Kilo Mehl ganze drei Cent. Das Mehl erzeugen wir selbst…

Kinder sind Euch also ein besonderes Anliegen…
M. Marie-Catherine: Seit zwei Jahren haben wir mit deutscher, französischer und österreichischer Hilfe eine Vorschul-Ausbildung gestartet. Dort haben wir auch fünf körperlich behinderte Kinder ab vier Jahren aufgenommen. Sie werden von den Eltern meist schlecht behandelt und zum Betteln geschickt. Die Kinder bekommen ein Mittagessen und gehen abends wieder nach Hause. Weil die Eltern der Kinder so arm sind, können sie keinen finanziellen Beitrag leisten. Wir tragen die gesamten Kosten. Darüber hinaus haben wir 14 etwas ältere Mädchen ins Internat aufgenommen. Sie wohnen in zwei Räumen, die wir ursprünglich für Gäste vorgesehen hatten. In der Obsorge der Mäd­chen wechseln sich deren Mütter ab. Sie werden bei uns unterrichtet und in die Verrichtung von dem Alter entsprechenden Tätigkeiten eingeführt. Für sie sind wir auf der Suche nach Paten. Insgesamt betreuen wir 62 Kinder im Vorschulalter. Unterrichtet werden sie von unseren Schwestern, aber auch von zwei Lehrkräften. Nun wollen wir auch eine Volksschule einrichten.
Eines unserer Hauptanliegen ist der Kampf gegen die Frühehe. Deshalb wollen wir ein Internat bauen, in das wir 150 Mädchen aufnehmen können. Das Fernziel wäre, sie von der Vorschule bis zur Matura zu führen. Die Sache ist mit den Imamen und den Dorfältesten abgesprochen. Sie unterstützen das Projekt.

Ihr bemüht Euch vor allem auch um die Frauen…
M. Marie-Catherine: Ja. Unser Programm mit den Mikrokrediten läuft gut. Es verschafft den Frauen Zusatzeinkommen und wertet sie dadurch auf. Nur haben wir weitaus mehr Nachfrage nach solchen Krediten, als wir Mittel haben. Einmal in der Woche, am Sonntag, fahre ich in eines der 15 Dörfer, die wir betreuen. Da komme ich dann mit den Frauen zusammen. Sie erzählen über ihre Tätigkeit, wie die Dinge mit dem Mikrokrediten laufen. Wir helfen eben, wo Hilfe gebraucht wird: So haben wir vor Jahren Lepra-Kranken, denen sonst niemand hilft, Ziegen verschafft. Nur haben wir nicht genug Zeit, um uns regelmäßig um sie zu kümmern. So besuchen wir sie eben einmal jährlich, meist zu Weihnachten und versorgen sie da auch mit Lebensmitteln. Lebensmittel bringen wir auch weiterhin ins Gefängnis. Einmal haben sie mich auch um Medikamente gebeten. Damals habe ich um Spenden gebeten und habe Medikamente im Wert von 2000 Euro besorgen können. So versuchen wir auf die Bedürfnisse der Menschen hier zu antworten. So lernen uns die Leute kennen. Auf diese Weise begreifen sie, dass uns die Liebe Christi antreibt. Ihretwegen sind wir ja hier.

Du hast früher erzählt, dass es Muslime gibt, die Christen werden wollen. Wie sehen die Dinge da aus?
M. Marie-Catherine: In einem der Dörfer hat uns z.B. der Dorf­älteste gesagt, er möchte Christ werden. In dieser Sache haben uns allerdings die Ereignisse von 2015, nämlich die muslimischen Ausschreitungen im Anschluss an die Publikation von Mohammed-Karikaturen in Charlie Hebdo, einen Strich durch die Rechnung gemacht und uns gezwungen, in Warteposition zu bleiben.

Was hat sich denn 2015 bei Euch in Maradi abgespielt?
M. Marie-Catherine: Am 16. Jänner nach dem Freitagsgebet haben sich Muslime hier ganz in der Nähe auf den Weg gemacht, um die Kirche, ein Kloster und die Schule der Schwestern, die Autos der Priester und der Schwestern und das französische Kulturinstitut in Maradi niederzubrennen und zu zerstören. Die Schwestern und die Priester konnten sich verstecken, sonst wären sie umgebracht worden. In der Hauptstadt Niamey war es ganz schlimm. Dort wurden mehrere Kirchen, Schulen, kurzum alles, was Christen gehörte, zerstört. Insgesamt gab es im Niger neun Tote. Uns haben Polizisten beschützt. Wir waren aber wirklich traumatisiert, und das hat unsere Aktivitäten zurückgeworfen. Mittlerweile hat sich, Gott sei Dank, wieder alles beruhigt. Wir werden jedoch weiterhin von zwei Polizisten bewacht.

Also keine Bekehrungen mehr?
M. Marie-Catherine: Im Februar kamen die Verantwortlichen einiger Dörfer zu mir, um mir mitzuteilen, dass sie Christen werden wollen. Wir sollten in ihr Dorf kommen, um ihnen das Wort Gottes zu verkünden. Allerdings wohnen sie weit weg. Was wir durchgehend gemacht haben, ist, Frauen und Mädchen, aber auch Burschen auszubilden, damit sie verantwortungsvoll miteinander umgehen. Das hat schon Früchte getragen und es lässt sich eine veränderte Mentalität in der Bevölkerung feststellen. Wir haben also viel zu tun. Aber Dank Gottes Gnade klappt alles recht gut.
Noch ein Beispiel: Die Familie eines muslimischen Würdenträgers schätzt einfach unsere liebevolle Zuwendung zu den Menschen hier, erkennt darin die Liebe Gottes. Sie haben uns ihre siebenjährige Tochter zur Betreuung übergeben mit dem ausdrücklichen Wunsch, sie möge katholisch werden. Sie hat sich sehr gut bei uns eingelebt. Es zeichnet sich also ab, dass die Muslime, die mit uns in Kontakt stehen, nichts dagegen haben, wenn ihre Kinder Christen werden.

Was bereitet Dir eigentlich die größte Freude?
M. Marie-Catherine: Als ich heute im Dom in der Heiligen Messe war, habe ich dem Herrn gesagt: Das größte Geschenk meiner Eltern war, dass sie mich taufen ließen. Und dann mein Eintritt in den Orden – beides Schlüssel für mein jetziges Glücksgefühl: Die Freude, den Menschen durch Werke dienen zu können. Es ist eine ansteckende Freude. Das erfahren wir – und die Leute sagen uns das. Für sie stellen wir die Kirche dar, Jesus Christus mitten unter uns. Die Menschen bitten uns um Hilfe, lösen damit unsere Aktivitäten aus, aber sie machen bei ihnen auch mit. Und sie merken, dass wir anders sind als die NGOs. Ja, das ist – trotz meiner Armut und Unfähigkeit – meine Freude.
Noch etwas macht mich glücklich: Die Sehnsucht der Menschen, voranzukommen. Und sie rechnen damit, dass wir ihnen dabei helfen. Trotz der Hitze (50 Grad), der Armut, der vielen Arbeit – ich bereue in keiner Weise, in den Niger gegangen zu sein. Vor allem mache ich immer wieder die Erfahrung, dass der Herr uns führt, uns in Notsituationen rechtzeitig hilft. So bekamen wir etwa im Jänner, als wirklich totale finanzielle Ebbe herrschte, kein Geld für Nahrungsmittel da war, 5.000 Euro. Die Vorsehung wirkt Wunder. Jedenfalls sind wir froh, im Einsatz für Christus zu stehen. Die Leute sehen, dass genau das unsere Motivation ist und dass wir für sie da sind: für die Frauen, die Kinder, die ganze Bevölkerung. Und daher treten sie auch sehr für uns ein.

Fühlt Ihr Euch bedroht?
M. Marie-Catherine: Es gibt immer wieder Attentate. Ihnen fiel auch mehrere Soldaten zum Opfer. Zuletzt im Februar waren 14 Soldaten Opfer bei Überfällen von Boko Haram. Auch in unserer Gegend hat man drei bewaffnete Boko-Haram-Mitglieder aufgegriffen. Wir passen daher immer gut auf. Aber wir fürchten uns nicht und nehmen es aus Liebe zu Christus in Kauf. Schließlich werden wir ja bewacht. Immer wieder schauen auch Streifen in Fahrzeugen vorbei. 2015, als die Brandschatzungen stattfanden, habe ich meinen Mädchen gesagt, sie könnten gehen, wenn sie zu große Angst hätten. Aber alle sind geblieben. Und dabei sind wir mittlerweile 40, wenn ich neben den Postulantinnen und Novizinnen die Aspirantinnen dazurechne. Sie alle muss ich durchfüttern. Wenn ich dann noch die Schülerinnen hinzuzähle, müssen wir täglich – außer am Wochenende, da sind die Schüler daheim – für mindestens 100 Personen Essen zubereiten.

Wie ganz anders ist doch Euer Leben!
M. Marie-Catherine: Ja, oft hat man den Eindruck, es sei wie Tag und Nacht. Ihr seid Euch nicht bewusst, wie gut es Euch geht. Bei uns geht es oft um das nackte Überleben, weil die Leute buchstäblich nichts haben. Die Frauen legen 20 Kilometer zurück, um bei uns zwei Kilo Mehl für ihre unterernährten Kinder zu bekommen. Vor Jahren haben wir einmal von neun bis 22 Uhr Essen ausgegeben. Aber es waren immer noch Leute da, die nichts bekommen hatten. Schickt sie doch weg, hieß es dann. Nein, sagte ich – und dachte an die wunderbare Brotvermehrung. Und plötzlich erklang aus dem Kreis jener, die weggeschickt werden sollten, der Ruf: „Mutter, da stirbt gleich ein Kind!“ Wir sind hingestürzt und konnten gerade noch das Schlimmste verhindern. Hätten wir sie weggeschickt, wäre das Kind gestorben. Leider müssen wir jetzt diese Hilfe einschränken. Aber wir hoffen auf „Brotvermehrung“ durch steigende Spenden.

Das Gespräch hat Alexa Gaspari geführt. Siehe auch Portrait 1/09


Spenden

Mit Spenden auf das Konto IBAN: AT92 3628 1000 3008 0972   BIC: RZTIAT22281,  Kennwort Sparbuch Maradi kann man die weitere Missionsarbeit von M. Marie-Catherine Kingbo unterstützen.

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