VISION 20004/2017
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Fest in der Hoffnung

Artikel drucken Zum Tod von Kardinal Joachim Meisner (Kardinal Joachim Meisner †)

2003 hatten wir Gelegenheit, ein Interview mit Kardinal Meisner zu führen. Zur Erinnerung an diesen bedeutenden, glaubensstarken Bischof  der folgende Auszug aus diesem Gespräch:

Ich habe in meinem Bischofswappen das Wort stehen: Spes nostra firma est pro vobis – unsere Hoffnung für Euch steht fest. Das bewegt eigentlich auch mein ganzes Dasein als Bischof. Dazu muss ich Ihnen eine längere Geschichte erzählen. Ich bin praktisch überfallen worden mit der Nachricht: „Du musst Dich über Nacht, also bis morgen früh, entschieden haben - Du sollst Weihbischof werden.“ Ich durfte mich nur mit meinem geistlichen Berater besprechen. Und der war nicht aufzufinden. Eigentlich hatte ich keinen Mut zu diesem Schritt.
Da habe ich das Neue Testament zur Hand genommen und gesagt: „Heiliger Geist, Du bist ja der eigentliche geistliche Begleiter. Ich schlage jetzt blind die Bibel auf. Gib Du mir einen Hinweis!“ Ich habe damals Johannes 6, das berühmte Kapitel der wunderbaren Brotvermehrung, aufgeschlagen. Und da habe ich mich in dieser rührenden Randfigur entdeckt, dem kleinen Jungen. Er lässt sich vom Herrn in die Mitte rufen und das Wenige, das der Bub hat, händigt er dem Herrn aus und wird damit ein Hungerleider wie die anderen auch.
Er gibt das wenige nicht irgendwohin, sondern in die Hände des Herrn. Und da wird aus dem Mangel die Fülle. Die Überfülle wird dann in den zwölf Brotkörben eingesammelt. In ihnen ist der nie aufzubrauchende Überfluss Gottes in der Kirche enthalten. Darum habe ich mir einen Brotkorb in mein Bischofswappen gesetzt. Das heißt: Meine Hoffnung nährt sich vom Überfluss Gottes in Seiner Kirche und in meinem Leben.
Ich lebe sozusagen immer über die Verhältnisse. Als ginge ich einkaufen und kaufte immer mehr, als ich Geld in der Tasche habe. Das mache ich im Vorgriff auf die Fülle Gottes, der mich nicht hängen lässt.
*
Als ich noch Bischof in Berlin war und vorher Weihbischof in Erfurt, durfte ich der tschechischen Kirche sehr viel helfen. Ich habe damals gesagt: „Ihr könnt immer zu mir kommen, wenn Ihr mich braucht.“ Mein Sekretär sagte mir darauf: „Hoffentlich kommen die nicht zu viel zu Ihnen.“
Als Weihbischof hat man ja keine Priesterweihen. Und als Bischof in Berlin hatte ich sehr wenige. In dieser Zeit aber habe ich 60 jungen Männern, die heimlich in Tschechien auf die Priesterweihe vorbereitet worden waren, die Priesterweihe gespendet. Bevor ich Erzbischof von Köln wurde, habe ich mehr geheime Priesterweihen gehabt als öffentliche. Ich hatte kein Seminar mit Theologen und doch so viele Priesterweihen. Ich habe sie immer nachts in Berlin gespendet. Da hatten wir einen ganz bestimmten Geheimcode.
Die DDR war damals nämlich die einzige offene Tür, durch die Tschechen außer Landes gehen konnten. Polen war schon verschlossen. Damals ist mir klar geworden: Ich hatte eigentlich leere Taschen und trotzdem volle Hände.

Das ganze Interview ist nachzulesen in Vision 4/03

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