VISION 20006/2000
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"Ich, Rosenkranz beten?!"

Artikel drucken Unterwegs zu Maria (Christof Gaspari)

Der Papst weiht die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens: Noch nie seit dem 2. Vaticanum waren so viele Bischöfe in Rom versammelt wie an diesem 8. Oktober. Ein Anlaß über die Bedeutung der Marienverehrung nachzudenken.

Taucht sofort die Frage auf: Welchen Stellenwert hat die Gottesmutter in meinem Leben?

Als ich als 30jähriger zum Glauben fand, konnte ich offengestanden nicht viel mit der Marienverehrung anfangen. Sie schien mir irgendwie suspekt. Ich assoziierte sie mit monoton in der Kirche geleierten Rosenkranzgebeten, süßlichen Bildchen und kitschigen Verkaufsbuden in den Wallfahrtsorten.

Der Impuls zu meiner Umkehr ging von einer Begeisterung für Jesus Christus aus, vor allem von Seiner Lehre. Sie war eine interessantere Wegweisung als das, was ich bisher zu hören bekommen hatte. “Christus und du - absolute Mehrheit!", hatte man mir auf den Weg mitgegeben. Was sollte da Maria? Schließlich hatte ich ja einen direkten Draht zum Herrn.

Eines Tages brachte ich einen Freund mit dem Auto nach Hause. Er war ebenso wie ich ein Neubekehrter - aber schon länger unterwegs im Glauben. Und plötzlich erzählt er mir - ich traute meinen Ohren nicht -, daß er gerne Rosenkranz bete. Unfaßbar! Der Hans, ein nüchterner Mensch, der sich in der Betreuung Strafentlassener bis zum Umfallen einsetzte, betet Rosenkranz!

Was ihm das gäbe? Es bringe ihm innere Ruhe, stärke ihn, war die Antwort. Unglaublich! Immer wieder dasselbe herunterzuleiern. Ich konnte es nicht fassen. Aber sein Zeugnis hat mich verfolgt. Und bald begann ich, es auszuprobieren. Was dem Hans guttut, könnte doch auch an mir nicht spurlos vorübergehen.

Und so begann ich, zögernd und mit Unterbrechungen Rosenkranz zu beten. Und im Zuge des Betens entdeckte ich diese Form des Gebets. Der Rosenkranz wurde mein täglicher Begleiter.

1985, bei unserem ersten Aufenthalt in Medjugorje vertiefte sich die Erfahrung. Zunächst einmal liefen mir dort dauernd Leute über den Weg, die einen Rosenkranz in der Hand hielten. Hier war es plötzlich keine Gebetsform für Außenseiter. Und noch etwas hat mich berührt: Jeden Tag versammelten sich die Gläubigen ab fünf Uhr Nachmittag in der Kirche zum Gebet: Zwei Rosenkränze vor der Messe und nach der Messe - noch einer! Also das war mir ehrlich gesagt zu viel. Man muß ja nicht übertreiben.

Und außerdem wurde mit einer Geschwindigkeit gebetet, die mich atemlos machte. Einmal tiefer Luft holen - und man hatte schon das Amen verpaßt. Besonders die Italiener stellten Geschwindigkeitsrekorde auf. So geht das nicht, war meine Reaktion, so ein Geleier! Doch nach ein paar Tagen wurde mir bewußt: Es kommt nicht auf die Worte an. Was mir da in der Kirche angeboten wurde, war ein Raum des Gebetes, in den ich eintreten durfte. Er stellte mich in eine Gemeinschaft von Menschen, die so wie ich, mehr oder weniger gut in der Verfassung waren, sich Gott zuzuwenden. Die sich aber nach Ihm ausstreckten und dabei die Gottesmutter, die Vertraute des Herrn, um ihre Fürsprache baten.

Plötzlich waren die Hemmungen verloren, irgendwo in Gemeinschaft den Rosenkranz mitzubeten. Ich entdeckte auf einmal, wie verbindend dieses gemeinsame Betrachten der wichtigsten Geheimnisse des Erlösungswerkes des Herrn ist.

Nun erkannte ich auch, daß das freie Gebet, das mir zunächst als der Gipfel allen Betens erschienen war, leicht in Gefahr geriet, sich zu wiederholen und irgendwie stereotyp zu werden. Warum dann nicht gleich, sich im Gebetsalltag zur Wiederholung zu bekennen und Rosenkranz zu beten, wie es uns nahegelegt wird?

Und im Zuge dieses Betens wuchs langsam auch eine Vertrautheit zu der, die in jedem Ave angerufen wird. Es erwachte die Erkenntnis, daß sie auch für mein Leben Bedeutung hat. Einerseits als Vorbild durch ihre Bereitschaft, sich ganz auf den Anruf Gottes einzulassen. Was für eine verrückte Idee, sich auf das Abenteuer einzulassen als unverheiratetes Mädchen ein Kind in die Welt zu setzen, das Gottes Sohn sein würde - noch dazu in einem Provinznest! Geburt im Stall, Flucht ins Ausland, Leben in Einfachheit, 30 Jahre unbedeutender Alltag - und dann die große Katastrophe: Tod als Verbrecher!

Wir haben es heute leicht, weil wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist, daß Jesus auferstanden ist. Aber sie ist durch all das durchgegangen im Vertrauen auf die Zusage Gottes, daß die Herrschaft ihres Sohnes kein Ende haben werde.

Und noch etwas dämmerte mir: Der Welt den Sohn Gottes zu schenken, ist das Charisma Marias. Dabei handelt es sich nicht um ein einmaliges Geschehen vor 2000 Jahren. Diese Aufgabe kommt der Gottesmutter über die Zeiten hinweg zu. Durch alle Jahrhunderte hindurch bringt Maria in gewisser Weise auch die Kirche, den Leib Christi, zur Welt. Damit aber auch dessen Glieder, also jeden einzelnen von uns. Und damit stehen wir alle in einer besonderen Beziehung zu Maria, der Mutter des Herrn.

Das ist keine Mariolatrie, keine subtile Form von Götzendienst. In diese besondere Beziehung einzutreten, entspricht dem Willen Gottes, der die Welt mit dem Menschen erlösen will und nicht an ihm vorbei. Er selbst hat sich ganz in die Hand eines Menschen gegeben, einer Frau! Und dabei hätte Er souverän anders handeln können. Wer sich derselben Frau anvertraut - kann der schlecht beraten sein?

Christof Gaspari

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