VISION 20006/2000
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Wie die Hirten von Bethlehem heute leben

Artikel drucken (Faten Mukarker)

Jedes Jahr um die Weihnachtszeit blicken die Christen aller Welt nach Betlehem, heuer jedoch mit besonderen Gefühlen, wird doch das Fest der 2000. Wiederkehr der Geburt Jesu gefeiert. Allerdings hören wir derzeit von der zunehmenden Gewalt zwischen Juden und Palästinensern.

Betlehem und die umliegenden Dörfer waren noch vor einigen Jahrzehnten mehrheitlich christlich geprägt. Nach dem Sechs-Tage Krieg von 1967 siedelten sich hier viele palästinensische Moslems an, die aus anderen Teilen Palästinas flüchten mußten. So leben heute in Betlehem nur mehr etwa 40 Prozent Christen, in den restlichen Autonomiegebieten Palästinas sind sie sogar nur eine kleine Minderheit von gerade zwei Prozent geworden. Die angestammte christliche Bevölkerung von Betlehem bezeichnet sich gerne als die Nachkommen der Hirten.

Während des Papstbesuches im Heiligen Land, im März dieses Jahres, lernte ich Faten Mukarker, eine palästinensische Buchautorin, Hausfrau und Mutter von vier Kindern kennen. Ich besuchte sie in ihrem Dorf Beit Jala, das bei Betlehem liegt. Faten Mukarker lädt Reisegruppen und Einzelreisende zu sich nach Hause ein, kocht ihnen traditionell arabisches Essen und erzählt über das Leben der Christen Palästinas. “Man kann nicht sagen: ,Ich war im Heiligen Land', wenn man nicht auf beiden Seiten gewesen ist und beide Völker kennengelernt hat", so Faten Mukarker, die eine engagierte Kämpferin für Frieden und Gerechtigkeit im Heiligen Land ist.

In ihrem Buch, “Leben zwischen Grenzen", erzählt sie ihre Lebensgeschichte. In Betlehem geboren, kam sie als Kleinkind mit ihren Eltern nach Deutschland, wo diese als Gastarbeiter arbeiteten. Dort ging sie zur Schule, hatte deutsche Freundinnen und lebte ganz in der Lebenswelt einer deutschen Jugendlichen. Bis zu jenem Tag, als sie ihre Eltern, mit 20 Jahren in den Sommerferien mit nach Palästina nahmen um sie dort zu verheiraten.

Obwohl sie sich anfangs dagegen wehrte, gab sie doch dem Drängen der Eltern nach und heiratete einen arabischen Mann aus dem Dorf Beit Jala bei Betlehem. Zu dieser Zeit sprach sie nicht einmal arabisch. Langsam mußte sich sich in die arabischen Traditionen einleben, was ihr anfangs sehr schwer fiel. Sie dachte oft an Deutschland und ihre Freundinnen, die sie wohl für verrückt halten würden.

Faten wurde bald mit dem Leid des palästinensischen Volkes vertraut, das um seine Freiheit kämpfte. So wurde sie selber zu einer mutigen Anwältin für Frieden und Gerechtigkeit, die in diesem Land so ferne scheinen.

In ihrem Buch beschreibt sie die Zeit der Intifada und das oft mühsame Alltagsleben in Palästina, die katastrophale wirtschaftliche Situation in den Autonomiegebieten. Vor einigen Wochen als ihr Dorf Beit Jala von der israelischen Armee unter Beschuß genommen wurde, rief sie mich an und erzählte von ihren schrecklichen Erfahrungen. Zwei Nächte ohne Schlaf, die ganze Nacht Maschinengewehrfeuer, die Familie am Fußboden gekauert, da es keine Keller gibt. Ihre jüngste Tochter fragte weinend: “Kommen die jetzt in unser Haus und erschießen uns?".

Ihr Buch öffnet den Blick für das Schicksal der Kleinen und Armen, die vor der Krippe standen, um dem Jesuskind zu huldigen. Die Christen Palästinas leben, wie Faten Mukarker erzählt, heute sprichwörtlich zwischen zwei Stühlen und sind der großen Gefahr ausgesetzt, zwischen Israelis und moslemischen Palästinensern zerrieben zu werden. Sie haben kein wirkliches Sprachrohr in der Welt, nur einsame Kämpferinnen wie Faten Mukarker.

Christoph Hurnaus

“Leben zwischen Grenzen" von Faten Mukarker, Preis: öS 218.-

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