VISION 20005/2002
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Hoffnungsvolle Aufbrüche im Osten Europas

Artikel drucken Glaubenserneuerung in einem vom Atheismus verwüsteten Umfeld

Immer noch ist uns hier im Westen zu wenig bewußt, welch großes Potential der Erneuerung das Martyrium der verfolgten Kirche im Osten darstellt. Christoph Hurnaus - er hat den Papst sehr oft auf dessen Reisen nach Osteuropa begleitet - schildert seine Eindrücke.

Über ein Jahrzehnt ist vergangen, seit die Kirchen des Ostens ihre Katakomben verlassen konnten. Viel ist in diesen Jahren in den einstigen kommunistischen Ländern an innerer Erneuerung und geistigem Aufbruch geschehen. Während das christliche Leben im Westen scheinbar immer mehr verdunstet, füllt sich der zweite Lungenflügel Europas mit frischer Luft.

Die Leiden der Vergangenheit scheinen bereits erste Früchte zu zeitigen, etwa in der kleinen bulgarisch-katholischen Kirche, die in einem vorwiegend orthodoxen Land nur eine Minderheit von etwa einem Prozent darstellt. Papst Johannes Paul II. besuchte diese kleine Herde heuer im Mai, um ihr für ihren Heldenmut in der Zeit der Unterdrückung - er endete nicht selten im Martyrium - zu danken und ihr neuen Mut auf ihren Weg mitzugeben. Berührend die Szenen der Begegnung mit den Gläubigen, die noch vor einigen Jahren im Untergrund lebten.

Wie in Bulgarien, so ist auch in Ungarn, wo die Kommunisten viel in den Herzen der Menschen zerstörten, seit einiger Zeit ein Aufschwung festzustellen. In der Diözese Esztergom gab es heuer bereits sieben Priesterweihen. Für die Zukunft rechnet man dort mit einem Ansteigen der Berufungen. Bei einem Treffen geistlicher Gemeinschaften versammelten sich überraschend etwa 100 Bewegungen, unter ihnen auch viele kleinere Gruppen, Salz für die Kirche im beginnenden Millennium.

Ein großer Aufbruch ist in der Westukraine festzustellen. Dort kam die Griechisch-Katholische Kirche - sie war unter den Kommunisten verboten - Anfang der neunziger Jahre aus ihren Katakomben. In diesem bettelarmen Land mit einem Durchschnittseinkommen von 50 bis 100 Euro wachsen neue Kirchenbauten wie Pilze aus dem Boden. Menschen, die oft nur das Nötigste zum Überleben haben, geben ihr letztes, um die Kirche zu unterstützen, die in der Zeit der Unterdrückung ihren Mut und ihre Hoffnung gestärkt hatte.

Auch die römisch-katholische Kirche von Lemberg verblüfft den Besucher aus dem Westen mit einem vollen Priesterseminar. Es beherbergt neben Ukrainern und Polen auch Armenier, Russen und Juden, auf die die katholische Kirche ob ihrer Universalität eine Faszination ausübt.

All diese Aufbrüche sollen jedoch keineswegs darüber hinwegtäuschen, daß es in diesen Ländern auch gewaltige Probleme gibt, mit denen sich die Kirchen konfrontiert sehen. Die alten kommunistischen Strukturen haben in Politik und Gesellschaft immer noch einen beachtlichen Einfluß. Auch die neoliberalistischen Einflüsse aus dem Westen sind stark zu spüren. Sie wollen das geistige Vakuum, das der Kommunismus hinterlassen hat, ausfüllen. In Polen ist dies besonders stark zu spüren: Dort stellt die Kultur des Todes, die aus Westeuropa ins Land drängt, für die Kirche eine beachtliche Herausforderung dar.

Der Besuch des Papstes Mitte August in Krakau hat aber neuerlich gezeigt, wie stark das geistliche Leben dieser Kirche noch immer ist: Drei Millionen Menschen kamen zum Gottesdienst, in dem ihnen der Papst wegweisende Worte für diese Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs mitgab. Viele Gläubige waren 24 Stunden unterwegs, um der Messe beizuwohnen. Die meisten von ihnen verbrachten die Nacht im Freien oder hielten wie tausende Jugendliche Nachtanbetungen, um sich dann schon drei Stunden vor Beginn der Messe in den Sektoren einzufinden. Kein Drängen, keine Ungeduld, nur freudige Erwartung, ihren geliebten polnischen Papst wiederzusehen.

Drei Tage zuvor, am Fest Maria Himmelfahrt, hatten sich bereits 150.000 Pilger im Nationalheiligtum Tschentstochau versammelt. Der Großteil der Pilger war viele Wochen hindurch zu Fuß unterwegs. Tausende Jugendliche aus dem ganzen Land machten sich über hunderte Kilometer auf den Pilgerweg zur Muttergottes von Jasná Góra. Manche von ihnen sind 500 oder 600 Kilometer zu Fuß gegangen. Vor den Beichtstühlen und dem Gnadenbild bildeten sich lange Schlangen Wartender.

Das Bild wartender Menschen vor Beichtstühlen prägt auch den bosnischen Marienwallfahrtsort Medjugorje. Heuer im August trafen sich dort über 20.000 Jugendliche, um am Jugendfestival - es findet jährlich statt - teilzunehmen. Die Umwandlung der Herzen, die hier täglich stattfindet, macht diesen Ort zu einem Weltzentrum der Neuevangelisierung. Es ist kaum zu ermessen, wieviele geistliche Aufbrüche von Medjugorje in die ganze Welt ausgestrahlt sind. Vieles, was sich in den letzten Jahren in Osteuropa ereignet hat, wurde hier von der Muttergottes vorbereitet.

Wie Papst Johannes Paul II. bei seinem letzten Besuch in Polen betonte, haben die Länder des Ostens dem zusammenwachsenden Europa einen großen Schatz an kultureller Vielfalt und moralischer Stärke anzubieten. Das Blut der Glaubenszeugen der heldenhaften Kirchen des Ostens könnte der Same für den Aufbau einer echten Zivilisation der Liebe in Europa sein.

Christoph Hurnaus

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