VISION 20002/2003
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„Heute weiß man es besser“

Artikel drucken Erfahrungen im Religionsunterricht (Von Christa Meves)

In weiten Teilen Europas klappt die Weitergabe des Glaubens nicht. So glaubt z.B. ein Drittel der neun- bis 14jährigen Schüler - so eine Befragung in Nordrhein-Westfalen - nicht mehr an Gott. Schuld der Eltern, der Medien, Versäumnis der Schule? In der folgenden Geschichte hat die Autorin Schilderungen von Kindern und Jugendlichen über das, was heute oft im Religionsunterricht geboten wird, verwertet und einen Dialog konstruiert, der sich zwischen einem gläubigen Kind und dem Lehrer ergeben könnte.

Den Religionsunterricht in der siebenten Klasse hat sich der Direktor vorbehalten. Das Lukas-Evangelium steht an, und es gehört zum besonderen Anliegen des Pädagogen, den Kindern in diesem Alter ihren unnachdenklich fundamentalistischen Kinderglauben abzugewöhnen, ihnen eine nüchterne Einstellung zu den biblischen Darstellungen zu vermitteln.

“Wenn man ein Kleinkind ist," doziert er, “glaubt man unrealistisch, weil es noch nicht möglich ist, eine angemessene Realitätskontrolle zu entwickeln. Das ist in eurem Alter anders. Im Physik- und im Biologieunterricht werdet ihr mit den Naturgesetzen vertraut gemacht. Deshalb seid Ihr nun auch in der Lage, eine kritische Einstellung zu den Berichten der Evangelien zu entwickeln. Ihr wißt schon, daß es Jungfrauengeburten bei Menschen nicht geben kann. Die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist die Voraussetzung zur Entstehung menschlichen Lebens. Es macht also keinen Sinn, diese Geschichte länger noch wörtlich zu nehmen.

Genauso ist es bei den Wundern, die Christus vollbracht haben soll. Kein Augenarzt wird z.B. glauben, daß irgendwer eines Menschen Sehvermögen herstellen kann, der von Kindesbeinen an blind war. Es ist auch hier im übertragenen Sinn von einer geistigen Wahrnehmungsblockade die Rede. Die läßt sich natürlich beeinflussen, wie Jesus das tat. Ähnlich müssen wir an die Erweckung der drei Toten herangehen, von denen die Rede ist..."

Die Klasse döst mehr oder weniger gelangweilt vor sich hin. Doch dem kleinen Johannes geht es anders. Er ist mit einem Ruck aufgewacht. Was redet der mächtige Herr Direktor da? Das ist doch nicht wahr, was der da sagt!

Ich muß mich melden, schießt es ihm durch den Kopf. Das Schuloberhaupt beachtet ihn nicht. Er ist mittlerweile bei der Unmöglichkeit einer leiblichen Auferstehung angelangt. Heute müsse man auch das interpretieren: Die Jünger waren eben so traurig über die Hinrichtung ihres großen Freundes, daß sie sich gewissermaßen eingebildet haben, daß er ihnen erschien. Mit seinem Geist war er also bei ihnen, wie oft auch wir den Eindruck haben, als seien geliebte Tote geistig in unserer Nähe.

Johannes steht auf. “Aber Herr Direktor," sagt er, “das kann doch nicht stimmen! Jesus war eben auch kein gewöhnlicher Mensch. Er war doch Gott, er war der Messias, von dem auch die Propheten immer schon verheißen hatten, daß er kommen und die Menschen erlösen würde. Das ist doch etwas ganz anderes!"

“Sieh doch einer an", freut sich der Direktor. “Da haben wir doch tatsächlich noch einen Naiven mitten in einer sonst fortschrittlichen Klasse!" Die ist inzwischen aufgewacht und stimmt bei diesen Worten ein brüllendes Gelächter an. Johannes benimmt sich ohnehin manchmal anders als die anderen. Er will nicht mit in die Disco, raucht nicht... Stimmt doch irgendwie, was der Direx da sagt! Aber wie kann sich Johannes ausgerechnet mit dem anlegen?

Der aber steht aufrecht neben seiner Bank, und als sich der Sturm etwas gelegt hat, in den auch der Direx schallend eingestimmt hat, fragt Johannes leise: “Aber glauben Sie denn nicht, was über Jesus in der Bibel steht? Sie sind doch unser Religionslehrer. Sie haben das doch studiert."

Die Klasse hält den Atem an. Der Direktor erwidert schneidend: “Ja, das ist es gerade: So einfach ist es mit dem Glauben nicht, wie man sich das mit einem Spatzenhirn so zurechtlegt. Die Theologie weiß das heute eben besser. Den sogenannten Fundamentalismus müssen wir überwinden."

Aber Johannes läßt sich nicht irremachen. “Wenn es ungewöhnlich ist - das Leben Jesu und all seine Wunder -, so ist das doch kein Beweis, daß es gar nicht stimmt! Ich habe im Firmunterricht das Glaubensbekenntnis gelernt. Da bekommt man doch zu hören, was das Wichtigste ist am christlichen Glauben. Und dazu gehört doch die Erschaffung nicht durch einen Mann, sondern durch den Heiligen Geist: Geboren von der Jungfrau und nach drei Tagen auferstanden von den Toten."

“Bist Du begriffsstutzig", der Direktor wird laut, “das ist heute nicht mehr wörtlich zu nehmen!"

Johannes weicht nicht zurück. “Mir leuchtet es aber ein, daß es alles Wunder waren. Ich denke, daß es genau das war, worüber Gott uns informieren wollte: Bei Gott ist eben nicht einfach alles nur natürlich. Er kann mehr! Er ist der allmächtige Gott, der Schöpfer unseres Weltalls."

Die Klasse staunt atemlos. Was ist denn plötzlich in den wortkargen Johannes gefahren? Der Direktor ist rot geworden. “Ach", sagt er wegwerfend, “das, was Du da sagst, glauben nur noch Großmütter, Kinder und Dumme. Willst du unbedingt zu diesen gehören?"

“Meinetwegen", sagt Johannes, “denn wenn man nicht mehr glaubt, was die Evangelisten über Jesus geschrieben haben, kann man den Glauben überhaupt an den Hut stecken. Was soll dann der ganze Religionsunterricht?"

“Es hat geläutet", sagt der Direktor und verläßt verärgert die Klasse. - “Eins zu null für Dich, Johannes," ruft ein Mädchen.

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