VISION 20002/2003
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Hasch ist nicht harmlos

Artikel drucken Ein hartnäckiges Gerücht, das längst widerlegt ist: (Von Christof Gaspari)

Immer wieder liest man, daß Haschen nicht wirklich schade. Eigentlich könne man es freigeben. Diese Forderung widerspricht allen Erkenntnissen bisheriger Forschung.

Auf dem Heimweg gehe ich öfters durch den Stadtpark, diese grüne Oase im Herzen Wiens, vorbei am Johann Strauß-Denkmal. Gleich nebenan trifft man auf mehr oder weniger junge Männer. Sie mustern die Passanten aufmerksam. “Brauchst' was zum Rauchen?", haben sie mich schon mehr als einmal gefragt, mich den Sechzigjährigen!

Das macht mir jedesmal bewußt, wie weitverbreitet das Haschen sein muß, wenn auch meine Altersklasse als Klientel in Frage kommt. Tatsächlich schätzt man in Deutschland und Frankreich die Zahl der Haschisch- und Marihuanakonsumenten auf jeweils über vier Millionen, weltweit sollen es laut Weltgesundheitsorganisation 140 Millionen sein. Ein Riesenmarkt.

Der Stoff wird vor Schulen und Discos angeboten, in U-Bahnstationen gehandelt. Ab und zu gelingt der Polizei ein Coup, bei dem größere Mengen beschlagnahmt und einige Dealer verhaftet werden. Experten vermuten allerdings, daß etwa siebenmal so viel konsumiert wie beschlagnahmt wird.

Daß die Droge so verbreitet ist, hat damit zu tun, daß sie Teil der 68er-Kultur ist, der Befreiung von Zwängen, des Aufbruchs in eine Welt der Selbstverwirklichung. Die Droge würde neue Erfahrungshorizonte erschließen, so lautete die Verheißung. Und Marihuana sowie Haschisch, beides Cannabis-Derivate, waren die harmlosesten Produkte aus der Drogenpalette. Daher ihre Bezeichnung als “sanfte" Drogen. Man könne sie durchaus straffrei stellen, lautete die Forderung, die einige Länder auch erfüllt haben, insbesondere Holland. Haschisch zu rauchen, schade weniger, als Alkohol zu trinken, mache körperlich nicht abhängig, habe noch keinen in den Tod getrieben. Besser harmloses Hasch oder Marihuana als Heroin oder Kokain.

Am besten greife ich die letzte Halbwahrheit auf, um anschließend auch die anderen Argumente auf ihre Doppelbödigkeit abzuklopfen. Sicher, es gibt keinen tödlichen “Schuß" bei Hasch. Aber wer sich an sogenannte sanfte Drogen gewöhnt, setzt sich der Gefahr aus, bei härteren zu landen (über die Problematik der Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien siehe das nebenstehende Gespräch).

Auch diese Behauptung bedarf einer Präzisierung: Zweifellos führt kein direkter Weg vom Hasch zum Kokain. Viele, die sich zum Probieren verleiten lassen, geben es bald wieder auf. Nur ganz wenige landen beim Heroin. Aber umgekehrt stimmt auch, daß 90 Prozent der Heroinsüchtigen mit Hasch angefangen haben. Damit kann jemand durchaus über den Umweg von Haschisch zum “tödlichen Schuß" Heroin gelangen. Und es ist auch falsch davon zu reden, man könne sich harte Drogen ersparen, wenn man großzügig bei den sanften sei.

Warum sind die sanften Drogen, wenn auch selten, so doch oft genug Wegbereiter für Heroin und Co? Der Hauptgrund ist die bewußtseinverändende Wirkung aller Drogen (und dazu gehört auch der Alkohol, wenn er mit der Absicht getrunken wird, sich zu berauschen). Sie versetzen in einen künstlichen Zustand des Wohlbefindens, der Euphorie, der Träume. Zugegeben, auch das in unterschiedlichem Maße, aber immerhin. So entsteht in jenen, die sich immer wieder Drogen geben, eine psychische Abhängigkeit, der wiederkehrende Wunsch nach dem künstlich herbeigeführten wohligen Zustand, nach der Flucht aus der unbefriedigenden Realität, nach der Entlastung vom Alltag.

Auf diese Weise schafft regelmäßiges Haschen eine psychische Abhängigkeit, die sich schleichend einstellt. Und sie ist mindestens ebenso gefährlichwie die körperliche Abhängigkeit, die allerdings tatsächlich nicht entsteht. Allerdings hat der Konsum von Cannabisprodukten alsbald auch körperlich schädliche Wirkungen. Diese Produkte enthalten nämlich eine Unzahl von Stoffen (mehrere hundert), die nur schwer abgebaut werden (unvergleichlich schwerer als Alkohol), sich dadurch im Körper anreichern und mit der Zeit dessen Funktion beeinträchtigen. Der Rauch von Marihuana enthält weit mehr krebserregende Stoffe als der normaler Zigaretten - was nicht als Plädoyer für letztere gedeutet werden sollte.

Eines der am meisten vom Haschen betroffenen Organe ist das Gehirn. Ihm droht besondere Gefahr vom Cannabis-Rauschstoff THC, das in den neueren Drogen in weit höherer Konzentration enthalten ist (sechs- bis siebenmal so viel), als in den Joints, die sich die Blumenkinder in den siebziger Jahren vergönnten. Aus dieser Zeit stammen im allgemeinen auch die Untersuchungen, die dem Cannabis vernachlässigbare Bedrohlichkeit attestieren.

Mittlerweile weiß man es besser - nur wollen es viele einfach nicht wahrhaben: THC schädigt die Gehirnzellen, vor allem das limbische System, das die Stimmungen und Antriebe des Menschen steuert. Und daher zeigen tatsächlich fast alle einschlägigen Untersuchungen, daß bei anhaltendem Haschen folgende Symptome zu verzeichnen sind: Fehlende Motivation, mangelnde Willenskraft, Verlust des Zeitgefühls, Einbußen beim Kurzzeitgedächtnis, Versagen im Beruf, in der Familie, in der Schule... Keine Spur also von der erträumten Freiheit und der leicht machbaren Glückseligkeit.

Das Handbuch über Drogenmißbrauch des Amerikanischen Ärztebundes kommt daher zum dem Schluß: “Zahllose Untersuchungen haben ergeben, daß bleibende psychische Schäden von starkem Konsum herrühren. Große Mengen von Delta-9-THC können zu Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Verfolgungswahn führen. Das Denken wird verwirrt und desorientiert, während der Verlust der Persönlichkeit und ein verändertes Zeitgefühl zutage treten..."

Zum Schluß noch eine Bemerkung: Wenn ich das Thema aufgreife, so nicht, um jemandem Angst einzujagen oder Eltern in ängstliches Sorgen zu stürzen. Ich finde es aber wichtig, gängige Klischees - und die Harmlosigkeit von Marihuana und Haschisch gehören zu diesen - in Frage zu stellen und mit den Fakten, die oft bewußt ausgeblendet werden, zu konfrontieren.

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