VISION 20006/2006
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Aufbruch in die Kultur des Lebens

Artikel drucken Über die zukunftsentscheidende Auseinandersetzung zweier Lebensmodelle (Von Christof Gaspari)

“Eine Welt, in der Gott abwesend ist, eine Welt, die Gott vergessen hat, verliert das Leben und versinkt in einer Kultur des Todes", stellte Papst Benedikt XVI. fest. Aber was kennzeichnet diese Kultur? Im folgenden der Versuch, einige Schlaglichter auf typische Merkmale dieser Konstellation zu werfen.

Dazu einige Meldungen: Ein Artikel in Die Welt (17.10.06) diagnostiziert, daß Pornographie längst zur Kultur gehört. O-Ton: “Der Porno zog vom Bahnhofskino in die Heimcomputer, aus der Schmuddelindustrie wurde ein Unterhaltungsgenre."

Eine Umfrage Mitte September in Salzburg (Seite 26) ergibt, daß rund zwei Drittel der Befragten für Sterbehilfe sind. Ähnlich eine Forsa-Umfrage in Deutschland aus dem Jahr 2000 im Auftrag der “Gesellschaft für Humanes Sterben": Jeder zweite Deutsche würde im Fall einer unheilbaren, qualvollen Krankheit den Selbstmord wählen. 81 Prozent sind für aktive Sterbehilfe, 71 für eine gesetzliche Regelung.

Plakate in Wien werben dafür, Kinder homosexuellen Paaren zur Pflege anzuvertrauen.

Deutschland hat die Prostitution legalisiert (Holland schon im Jahr 2000), inklusive Steuernummer und “Bundesverband für sexuelle Dienstleistungen". Die Bordelllandschaft blüht. Während der Fußball-WM wurden im großen Stil Frauen aus Osteuropa “importiert".

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, daß weltweit 46 Millionen Abtreibungen im Jahr durchgeführt werden. In Deutschland wurden im Vorjahr rund 125.000 offiziell registriert. Von 100 ungeborenen Kindern sterben also 15 durch Abtreibung - vorausgesetzt die Zahlen stimmen. Und in den EU-Ländern jeden Tag (laut offiziellen Zahlen) 2.880 ungeborene Kinder, also 120 jede Stunde.

Von 1980 bis 2004 hat die Anzahl der unter 14jährigen innerhalb der EU um 20 auf 74 Millionen abgenommen. Die Geburtenraten erreichen europaweit nie dagewesene Tiefstwerte.

Weltweit gibt es mehr als eine Million künstlich gezeugte Menschen. Um die Effizienz des Verfahrens zu erhöhen, werden mehrere Kinder eingepflanzt, damit wenigstens eines durchkommt. Vielfach wird ihre “Qualität" getestet, die “minderwertigen" “eliminiert" man. Wachsen zu viele Kinder gleichzeitig heran, werden die “überzähligen" mit einer Spritze ins schlagende Herz gezielt getötet (“Fetozid").

Das internationale Forschungsprojekt “Medizinische Entscheidungen am Lebensende" in sechs europäischen Ländern erhob, daß 3,4 Prozent der Todesfälle in Holland auf aktive Sterbehilfe zurückzuführen und 1,5 Prozent der Todesfälle in Belgien das Ergebnis von Tötungen nicht einwilligungsfähiger Personen seien.

Soweit ein paar Schlaglichter auf die Szene, die uns umgibt und die wir im Alltag nur zum Teil wahrnehmen. Es ist also nicht übertrieben, von einer Kultur des Todes zu sprechen, die sich mitten in einem nie dagewesenen allgemeinen Wohlstand etabliert hat.

Wenn ich auf diese Fakten hinweise, so nicht, um eine Weltuntergangsstimmung heraufzubeschwören, ein Lamento über die “schrecklichen Zeiten" anzustimmen und zum Kampf bis aufs Messer aufzurufen. Vielmehr geht es mir darum, auf die Radikalität der Herausforderung, vor der wir stehen, hinzuweisen. Für Christen wird es immer weniger möglich sein, im vorherrschenden Ambiente einfach nur mitzuschwimmen.

In unseren Tagen findet nämlich eine fundamentale Auseinandersetzung zweier Menschenbilder statt: Auf der einen Seite steht das christliche, das den Menschen als Abbild Gottes und dafür verantwortlich sieht, daß Gottes Wille in dieser Welt geschieht. Auf ihm baut die europäische Kultur auf, die den Kontinent geprägt hat. Ihm steht das Konzept vom autonomen Menschen entgegen, dem Leitbild, das in der Aufklärung auf den Schild gehoben wurde und das die ideologische Basis für den seit langem stattfindenden Umbau der Gesellschaft abgibt.

Aus dieser Sicht erscheint Gott nur mehr eine Hypothese, die man ablehnen oder annehmen könne. Der Mensch habe sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die Mehrheit entscheide über alles. Denn: das “Recht geht vom Volk aus", wie es in Artikel 1 der österreichischen Verfassung heißt. Nichts ist also dem Zugriff entzogen, weder der Beginn des Lebens, noch dessen Ende.

Wo aber absolute, unantastbare Orientierungspunkte, wo Tabus, also unüberschreitbare Grenzen, fehlen, ja als Fundamentalismus gebranntmarkt werden, wird nur allzu leicht das Nützlichkeitskalkül Grundlage der Entscheidungen. Wenn Grundfragen des menschlichen Lebens und des Zusammenlebens auf diese Weise entschieden werden, dann öffnen sich die Tore für jede Art von Totalitarismus, dann kann das Leben all jener, die gängigen Nützlichkeitsvorstellungen nicht entsprechen, infrage gestellt werden.

Gegen solche Entwicklungen ist die Gesellschaft allein schon deswegen nicht gefeit, weil ihre Vorstellungen davon, was Leben seinem Wesen nach ist, äußerst mangelhaft sind. In meinem kleinen Lexikon lese ich: “Stationärer ,Zustand' eines materiellen Systems komplizierter chemischer Zusammensetzung, der aus einem Zusammenwirken aller Einzelbestandteile auf Grund physikalischer und chemischer Wechselwirkungen resultiert."

Wer das Leben so sieht, soll der sich nicht berechtigt fühlen, diesen “Zustand eines materiellen Systems" nach eigenem Gutdünken zu nutzen?

Daß dies nicht böse Unterstellungen sind, haben wir bei der “Legalisierung" der Abtreibung erlebt: den ungeborenen Kindern wurde aus Nützlichkeitsüberlegungen das Lebensrecht abgesprochen. Und in Holland und Belgien stehen mittlerweile die Alten und Leidenden außerhalb des Rechtsschutzes.

Wie fortgeschritten der gesellschaftliche Umbau mittlerweile ist, zeigen die oben angeführten Beobachtungen. Die Basis des bisherigen Zusammenlebens wird systematisch infrage gestellt: die Ehe, ja die Dualität von Mann und Frau, das Recht des Kindes auf Vater und Mutter, das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, das Recht der Kinder, Ergebnis eines natürlichen Zeugungsaktes zu sein, die Nicht-Verzweckung des Menschen...

Noch einmal: Ich will jetzt nicht die “braven Christen" den “bösen anderen" gegenüberstellen. Wir alle sind betroffen - mehr oder weniger stark. Wir alle leiden unter den Fehlentwicklungen - mehr oder weniger stark. Wir alle halten Ausschau nach hoffnungsvollen Perspektiven - mehr oder weniger stark.

Uns Christen ist es aufgetragen, diese hoffnungsvollen Perspektiven aufzuzeigen. Die Zeit drängt. Die Glücksverheißungen der letzten Jahrzehnte erweisen sich längst schon als Wegweiser in Sackgassen. Daher Mut, von dem zu erzählen, was unser Leben trägt, von Jesus Christus, der das Leben selbst ist. “Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen" - nichts, wirklich nichts.

Dieses Wort darf den Menschen unserer Tage nicht vorenthalten werden, die ja mittlerweile vielfach merken, daß dem eigenmächtigen Herumhantieren an der Schöpfung kein Erfolg beschert ist.

Es geht um Tod und Leben, Segen oder Fluch - das hat Gott schon im Alten Testament klargestellt. “Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme, und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben." Daher das bereits zitierte Wort von Papst Benedikt XVI.: “Die Option für das Leben und die Option für Gott sind identisch." Soll unsere Welt aus den Sackgassen des Todes herausfinden, soll sie auf Pfade des Lebens zurückfinden, so muß sie sich als erstes Gott zuwenden.

Das muß heute - wie übrigens immer schon - weitergesagt werden. Es genügt nicht, nur über Werte zu reden. Wenn Jesus sagt: “Ich bin das Leben" (siehe Kasten), so darf das nicht verschwiegen werden - weder in der Verkündigung vom Ambo, noch im Zeugnis der Christen im Alltag.

Natürlich darf das nicht als triumphierende Besserwisserei hinausposaunt werden. Und selbstverständlich muß diese Überzeugung zuerst das eigene Leben prägen, bevor man markige Sprüche von sich gibt. Jedenfalls aber muß klargestellt werden: Christen sind nicht die Interessenvertreter der jahrtausendealten Kultur des Abendlandes, sondern Jünger Christi. Ihr Leben ist nicht in einem Wertekanon - und sei er noch so wertvoll - verankert, sondern vom sanften, aber mächtigen Wirken des Heiligen Geistes, des Geistes Jesu Christi, getragen. Er, der Geist, wird alles neu machen. Er wird die vielen Verzagten, Deprimierten, Gehetzten, im Wohlstand Abgestumpften, vom Aktivismus ausgepowerten, von der Lust Getriebenen, von Sorgen zu Boden Gedrückten, Lebensmüden, kurzum uns alle, auf Wege des Lebens führen - wenn wir Ihn nur lassen und die anderen auf diese Lebensquelle aufmerksam machen.


Jesus ist das Leben

Joh 1,4: In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

Joh 3,14f: Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.

Joh 5,26: Denn wie der Vater das Leben in sich hat, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben in sich zu haben.

Joh 6,33: Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.

Joh 6,35: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr durst haben.

Joh 6,53: Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht eßt und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.

Joh 6,63: Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.

Joh 11,25: Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,

Joh 14,6: Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.

Joh 17,3 Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.

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