VISION 20006/2006
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Keine Vorbereitung auf die Ehe

Artikel drucken Gedanken über voreheliche Beziehungen

“Meine Tochter - sie studiert im zweiten Semester - hat sich in einen Mitstudenten verliebt. Eigentlich wollte sie auf die Hochzeit warten. Nunmehr aber will, sie daß ich sie zum Arzt begleite, damit dieser ihr die Pille verschreibt." Aus einem Brief an den Autor, der folgende Überlegungen anstellt.

Man muß einfach zugeben, daß wir in einer Welt leben, die weit entfernt vom Evangelium und einer christlichen Sicht auf das Leben und die Liebe ist. “Sie war ein liebes Mädchen, engagiert in der Pfarre. Ich hatte mit ihr geredet. Sie hat ein Ideal. Und jetzt komme ich drauf, daß sie mit dem Burschen schläft: “Da ist doch nichts dabei, wir lieben uns eben!" Eine ganz Welt ist in mir zusammengebrochen. Lauter Illusionen. Was habe ich versäumt? Welche Vorstellungen von der Ehe habe ich ihr da vermittelt, was für ein Zeugnis haben wir ihr da gegeben?"

Als Eltern und Erzieher dürfen wir uns durchaus auch infrage stellen. Das kann nicht schaden. Sich infrage zu stellen, heißt aber nicht Schuldgefühle zu entwickeln.

Einerseits haben wir keinen unmittelbaren Zugriff auf die Vorstellungen und Gepflogenheiten unserer Zeit. Und andererseits können und dürfen wir diesen jungen Erwachsenen (die wahrscheinlich nur große Jugendliche sind) ihre grundlegenden Entscheidungen nicht abnehmen. Sehr wohl sollen wir aber zum Ausdruck bringen, wie wir die Dinge sehen.

Ich bin übrigens froh, daß dieses Mädchen zum Dialog bereit ist, auch wenn dieser sowohl für Tochter und Mutter belastend ist. Wo liegt nun aber der Fehler?

Der erste, leider allzu häufige Fehler, liegt darin, daß sich überzeugte junge Christen in Partner verlieben, die keineswegs dieselben Überzeugungen, dieselbe Lebensauffassung, dasselbe Ideal haben - und in deren Bett landen. In neun von zehn Fällen, ist das Unsinn.

Ich höre schon die Antwort: Über die Liebe kann man nicht verfügen. Nur stimmt das nicht! Wie machen es denn Eheleute (und Menschen, die sich einem zölibatären Leben geweiht haben), um treu zu bleiben, wenn eine anziehende und verfügbare Person ins Blickfeld oder in Herzensnähe gerät? Weil ich eben einen wahren Lebensgefährten, eine Lebensgefährtin erwarte, eine wahre Leibes-, Herzens- und Seelengemeinschaft erhoffe, lasse ich meine Gefühlswelt und meine Sinnlichkeit nicht bei der erstbesten Gelegenheit in die Irre gehen.

Der zweite Fehler: Allzu rasch ein Eheleben (kein offizielles, aber ein durchaus reales) einzugehen. Damit sperrt man sich in eine intensive und intime Beziehung ein, noch bevor man die notwendige Selbständigkeit - nicht nur die äußere (wirtschaftliche, berufliche, soziale), sondern auch die innere (die psychische, gefühlsmäßige, intellektuelle, geistige Reife) - erlangt hat. Nur eine solche Autonomie ermöglicht eine echte Entscheidung und eine Bindung für die Zukunft.

Allzu frühe Beziehungen bereiten nicht auf die Ehe vor, sondern auf die Scheidung. Man lernt in ihnen so sehr, wie man zusammenfindet, sondern eher, wie man sich trennt. Die Herzen aber leiden, wenn sie erwachen!

Und der dritte Fehler, heute leider so weitverbreitet, daß er als offensichtliche Wahrheit erscheint, liegt darin, daß man jungen Frauen dann die Pille verpaßt. Als wäre es nicht sehr riskant, das empfindliche weibliche Gleichgewicht zu stören - und das zu einem Zeitpunkt, da dieses Gleichgewicht sich einzustellen und zu verfestigen beginnt. Und - auch das muß gesagt werden - als gäbe es keine späteren Gefahren für Fruchtbarkeit und Gesundheit.

Klar, daß in solchen gefährdeten Konkubinaten die natürliche Empfängnisregelung durch Selbstbeobachtung von vornherein nicht goutiert wird: Sie verlangt Aufmerksamkeit, Dialog, Verantwortungsbewußtsein; sie steht im Widerspruch zum gebieterischen Gesetz der “Herrschaft der Sinne". Vor allem mißfällt sie dem jungen Mann, dem die Schöne immer zur Verfügung stehen sollte.

Man sagt dann, es sei besser, die Pille zu nehmen, als eine Schwangerschaft - also neun- von zehnmal eine Abtreibung - zu riskieren. Das ist offensichtlich! Aber es ist auch sehr bezeichnend, macht es doch deutlich, daß aus diesen halbwüchsigen Liebschaften von Anfang an das Kind ausgeschlossen ist, aus diesen Beziehungen, die eher auf Verschmelzung aus sind, als darauf, an der Zukunft zu bauen.

Ich kenne Jugendliche, die warten. Verlobte, die aufeinander warten. Das bewundere ich. In ihnen wird eine Gnade spürbar. Manchmal leuchtet sie in ihren Blick, in ihren Gesten auf.

Jenen aber, die diese innere Schönheit verloren haben, sei gesagt: Sie kann ihnen wieder geschenkt werden.

Alain Bandelier, Famille Chrétienne Nr. 1483

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