VISION 20003/2009
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Euthanasie - der große Selbstbetrug

Artikel drucken Auseinandersetzung mit einer wachsenden Bedrohung

Treffend in der Analyse, präzise in der Argumentation: Der Journalist und Bioethik-Experte Stefan Rehder hat ein Buch auf den Markt gebracht, das als Instrument des Argumentierens gegen die über Europa hereinbrechende Euthanasiewelle unentbehrlich ist.

Wie Rehder darlegt, bahnen der demographische Wandel, die steigende Lebenserwartung und die durch massenhafte Abtreibung entschwundene Hemmschwelle gegenüber der Verfügbarkeit des Lebens der Euthanasie in Europa den Weg: “Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war der zugeteilte Tod so etwas wie ein Markenzeichen von Diktatoren und Despoten." Heute werde er “ärztlich verordnet, getarnt unter dem Deckmantel des Mitleids".

Gerechtfertigt wird der zugeteilte Tod mit dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Eine Argumentation, die Rehder schon philosophisch nicht gelten läßt: “Denn da die Selbstbestimmung das Selbst, welches es zu bestimmen gilt, notwendig voraussetzt, kann die Vernichtung dieses Selbst unmöglich noch als Akt selbstbestimmten Handelns betrachtet werden."

Der Autor zeigt, daß das proklamierte “Menschenrecht auf Suizid" nicht nur alles Ethos, sondern alles Recht hinwegspülen würde, daß mit dem “Recht" auf Euthanasie zwangsläufig auch ein “wachsender Zwang zu einer sozialverträglichen Selbstentsorgung" einhergeht.

Der Autor beschränkt sich nicht darauf, die Faktenlage detailreich darzulegen und gegen den Vormarsch der Euthanasie philosophisch, psychologisch und juristisch anzuargumentieren. Er zeigt humane Alternativen zum “großen Selbstbetrug" des Tötens aus angeblichem Mitleid auf. Der Tod sei “zu einer Ware geworden, welche - käuflich und handelbar - interessierten Konsumenten von unterschiedlichen Anbietern" feilgeboten werde. Deshalb plädiert Rehder dafür, Krankheit, Sterben und Tod von der Tabuisierung zu befreien und “wieder als selbstverständlich zum Leben gehörend" zu begreifen.

Anstelle der weiteren Ökonomisierung des Gesundheitssystems und der Kommerzialisierung des Todes - durch die von Rehder glänzend bloßgestellten Euthanasie-Händler - wirbt der Autor für einen Ausbau der Palliativmedizin, die das Leben bejaht und das Sterben als einen natürlichen Teil des Lebens akzeptiert. Palliativmedizin und Hospizarbeit seien “kein Luxus, den ein Gemeinwesen wie das unsere sich leisten kann oder nicht. Sie sind heute der einzige Weg, der sicherstellen kann, daß Menschen in unserer älter werdenden Gesellschaft auch morgen noch an der Hand eines anderen Menschen sterben können, anstatt durch die Hand eines anderen Menschen sterben zu müssen."

Stefan Rehders gründlich recherchiertes und flott geschriebenes Sachbuch ist mehr als nur eine unentbehrliche Argumentationshilfe gegen den drohenden Vormarsch der Euthanasie. Es ist reich an Argumenten, Details und Fakten, und zugleich die Vision einer neuerlichen Humanisierung des Sterbens und des Todes - also in der Wirkung auch des Lebens.

Stephan Baier

Die Todesengel. Euthanasie auf dem Vormarsch. Von Stefan Rehder, St. Ulrich Verlag, Augsburg 2009, 192 Seiten, 18,90 Euro.

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