VISION 20002/2013
« zum Inhalt Schwerpunkt

Den anderen aus seiner Schuld entlassen

Artikel drucken Weil Jesus in Seinem Kreuzestod wirklich jede Schuld getilgt hat: (Von P. Anton Lässer)

Allen alles ganz zu vergeben,ist, rein menschlich gesehen, niemandem zuzumuten. Woher auch die Kraft nehmen? Es ist reine Gnade, wenn sich jemand für diese Haltung öffnen kann. Im folgenden Gedanken zu diesem einmaligen Geschenk Gottes an Seine Gläubigen.


Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird auch euch Euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben (Mt 6,15). Hierin liegt ein ganz wichtiger Punkt für jeden Christen. Ich durfte viele Beispiele erleben, die zeigen: Das Durchringen zu einer vollständigen Vergebung beseitigt unüberwindlich scheinende Barrieren.
Bitte prüfen Sie sich immer neu, blicken Sie diesbezüglich in ihr Herz: Habe ich allen auch wirklich alles – ganz - vergeben? In jedem Vaterunser beten wir: Vater, vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben haben. Da sage ich also: „Vergib mir, wie ich selbst vergeben habe.“
Genaugenommen heißt das: „Wenn ich nicht vergebe – dann brauchst auch du, Gott, mir nicht vergeben!“ Das hat damit zu tun, dass Jesus in seiner Ganzhingabe am Kreuz wirklich alle Schuld der Welt bezahlt hat. Wenn sie also bezahlt ist, wie kann ich sie noch vorrechnen? Wir Christen müssen uns immer wieder bemühen, zu dieser Realität durchzustoßen. Wenn mein Gegenüber – Ehepartner, Arbeitskollege, Nachbar, wer auch immer – Schulden hat und wenn Jesus Christus sie bezahlt hat – dann hat er bei mir eben keine mehr. Derjenige, der mich gering achtet, beleidigt, verleumdet, verletzt, der mir wirklich das Gebotene schuldig bleibt – wenn ich zulasse, dass Jesus diese Schulden bezahlen darf, ja wenn ich Ihn sogar darum bitte, dass Er es tut, dann ist diese Schuld getilgt – durch Ihn, der dafür sogar Sein Leben gibt.
Ich sage das in aller Deutlichkeit, weil ich weiß, dass besonders bei Menschen, die sich um Apostolate kümmern, der Durcheinandertreiber immer die Einheit angreift und versucht, den einen gegen den anderen auszuspielen. Da wird eine Information etwas verdreht, sie wird anders aufgefasst, die Botschaft kommt entstellt an. Und der Betroffene beginnt zu zweifeln und unter Umständen alles in Frage zu stellen, was an Gu­tem gewachsen ist. Dieses nicht gleich in Jesus hinein zu vergeben, absorbiert sehr viel Kraft in an sich guten Apostolaten. Nicht zuletzt deshalb ist in unseren Kreisen das ständige Mühen um Herzensvergebung etwas Elementares. Es darf in unseren Herzen nichts bleiben, was das Wohlwollen und die Liebe behindert.
Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen, eine Begebenheit, die ich erlebt habe: Eine Frau, Anfang 30, ein Kind im Kindergarten, eines in der ersten Klasse Volksschule, wird von ihrem Mann in einer Weise verlassen, dass sie von heute auf morgen ohne finanzielle Mittel dasteht. In ihrer Not beginnt sie ein inoffizielles Arbeitsverhältnis bei einem Gastronomen. Dieser vertröstet sie am Ende des ersten Monats mit der Bezahlung auf den nächsten Monat. Dies wiederholt sich und der jungen Mutter wird klar: Er hat mich völlig in der Hand, er wird mir kein Geld geben. Das hat die Frau extrem verbittert. Das erste Mal habe ich das Schriftwort verstanden, dass, den Lohn vorzuenthalten, eine himmelschreiende Sünde ist. Sie hatte sich nämlich von Freunden Geld ausgeliehen, um irgendwie über die Runden zu kommen und konnte es nun nicht zurückzahlen. Für sie als sehr zuverlässige Person war das furchtbar!
Diese Frau nahm Jahre später an einem Versöhnungsseminar teil. Sie wurde dort aufgefordert, in einem Rollenspiel diesem Gastronomen gegenüberzutreten und ihm zu vergeben. Ihr Kampf dauerte fast drei Tage. In ihr lehnte sich alles auf. Die damals erlittene Not, die Verbitterung wurden wieder lebendig. Ihr war doch ein zutiefst verletzendes Unrecht geschehen! Warum musste sie nun vergeben, wo der andere ja noch nichts von seiner Schuld beglichen hatte? Und da sollte sie sogar selbst um Verzeihung bitten! Begleitet vom Gebet und Lobpreis konnte sie sich am dritten Tag dann doch hinsetzen und ihrem Gegenüber, der diesen Gastronomen spielte, vergeben: „Ja, ich vergebe dir, ich bitte Gott um Verzeihung, dass ich dich gehasst habe… Jesus, komm jetzt in mein Herz und befrei mich von all dem Bösen, das mich so lange gefangen gehalten hat …“
Zur selben Zeit als sie im Seminar um Vergebung rang, begann dieser Gastronom krampfhaft, diese Frau zu finden. Weil sie zwischenzeitlich umgezogen war, kein leichtes Unterfangen. Schließlich gelang es, deren Mutter ausfindig zu machen. Er ließ ihr keine Ruhe, bis sie ihm mitteilte, wie er sofort ihre Tochter kontaktieren könne. Unverzüglich – also am selben Tag, als die Frau sich zur Vergebung durchgerungen hatte – meldete er sich bei ihr, entschuldigte sich und hat ihr später das ganze Geld mit großzügigen Zinsen ausbezahlt.
Da ist mir zum ersten Mal aufgegangen, wie sehr wir die anderen binden, wenn wir ihnen nicht vergeben.
Es wurde für mich konkret greifbar: Gott hat die Schuld bezahlt. Hier liegt die Freiheit, der Humus, durch den wir selbst ganz vergeben können. Wir binden die Menschen, denen wir nicht vergeben. Wir halten dadurch das Böse in ihnen und in uns fest!
Darum ist es so wichtig: Jeder prüfe sein Herz. Seid bemüht um eine echte Herzenshygiene! Viele von uns duschen oder waschen sich täglich. Achten Sie darauf, es auch mit Ihrem Herzen zu tun. Dort soll nichts bleiben, was nicht erlöst ist. Wenn es dort beißt und wehtut, wenn Sie es noch nicht schaffen zu vergeben, weil etwas immer wieder nach oben kommt, dann bitten Sie den Herrn und sagen Ihm: „Jesus, ich will vergeben – bitte hilf mir!“ Vielleicht müssen Sie noch hinzufügen: „Ich schaffe es noch nicht, es tut immer noch so weh! Aber bitte hilf mir.“
Ich verspreche Ihnen: das schafft Raum für den Heiligen Geist im Miteinander, einen Raum, den man sich selber nicht geben kann. Wir haben als Christen die Freiheit, als versöhnte Menschen zu leben. Je mehr wir das glauben, umso mehr geschieht dies, unabhängig davon, was wir oder andere treiben.
Anders herum gesagt: Die Sünden eines anderen sollen, ja dürfen mich nicht an meinem Glückseligsein im Herrn hindern. Fast möchte ich sagen: Ich habe ein „Recht“ von diesen Sünden befreit zu werden.
Wir sprechen hier über etwas, was eigentlich nur dem Christen offensteht, das auf einer rein psychologischen Ebene kaum zu bewerkstelligen ist: Wenn mich jemand verletzt oder mir gar ein schweres Trauma zufügt, dann ist Böses geschehen und Schaden angerichtet. Vergeben im christlichen Sinn, bedeutet in keiner Weise diesen Schaden zu übersehen, zu relativieren oder gar zu verdrängen. Was gut ist, ist gut; was böse ist, ist böse; was verletzt ist, ist verwundet. Es wird nichts verdrängt. Auch nicht dadurch, dass man nachvollziehen kann, wie es passiert ist und in gewissem Sinn Verständnis aufbringt.
Nein! Der Christ wird in die Wahrheit geführt. Er wird gewahr: Ich bin getroffen und verwundet! Es schmerzt – vielleicht sogar furchtbar. Es braucht Erlösung – von einem, der größere Macht, ja Vollmacht hat!
So werden wir Christen dorthin geführt, dass Vergeben gleichbedeutend ist mit: Alles Jesus übergeben. „Herr, ich gebe Dir den Täter … Du bist gerecht und barmherzig; Du hast gesagt, ich soll nicht urteilen, mach Du mit ihm, was Du für richtig hältst. Du bist Gott. Herr, ich gebe Dir die Tat; ich weiß nicht, wozu Du sie zugelassen hast, aber ich will glauben, dass Deine Vorsehung alles zum Guten wendet und fruchtbar werden lässt (Vgl. Kol 1,24): Herr, ich gebe Dir auch meine Wunden, denn durch Deine Wunden bin ich geheilt. Wohlgemerkt: nicht werde ich geheilt – bin ich geheilt. Und das nehme ich jetzt in Anspruch. Ich habe als Christ ein Recht darauf, von diesen Dingen befreit zu sein.“
Ich möchte Sie heute alle ermutigen: Rufen Sie den Heiligen Geist an und schauen Sie in Seinem Licht in sich hinein. Da können Sie Sachen finden, die 40 Jahre zurückliegen oder länger, Sachen, die Sie vielleicht schon als Erbe übernommen haben – übergeben Sie das alles dem Herrn!
Damit Ihnen das gelingt, möchte ich noch auf zwei Perspektiven hinweisen, die unser Glaube uns eröffnet, sich aber für Nichtchristen nicht erschließen. Die Erste: Das Werk Gottes, Seine Schöpfung, ist durch Böses beeinträchtigt, geschädigt oder gar zerstört worden, sei es im Großen und Ganzen oder im Kleinen und Persönlichen – unter Umständen sogar in einer Weise, dass dies niemand mehr gut machen kann. Als Christen ist uns die Hoffnung gegeben, dass Gott in Seiner Erlösung immer das Größere und Schönere hervorbringt als das was war und verlorengegangen ist. Das ist christlicher Glaube. Wenn Gott das nicht könnte und wollte, hätte Er in Seiner Allmacht und Allgüte das Böse nicht zugelassen. Deshalb singen wir ja auch in der Osternacht: „O wahrhaft heilbringende Sünde … O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“ Ein Nichtgläubiger hat diese Perspektive nicht. Wie soll er also vergeben können, wenn etwas zerstört worden ist, das niemand mehr gutmachen kann?
Die zweite Perspektive: Sie ist in meinem Primizspruch enthalten: „Durch seine Wunden seid ihr geheilt. “ (1Petr 2,24) Seine Wunden bergen meine Gesundung und die Freiheit zu vergeben. Wir haben das schon betrachtet.
Eine weitere Dimension ist darin angesprochen, wenn wir bedenken, dass wir nach den Ausführungen des heiligen Paulus Leib Christi sind, als Getaufte und Gefirmte in das Erlösungshandeln Gottes, näherhin in das Lebens-, Liebes- und Gehorsamsschicksal Jesu Christi hineingenommen: In der Verbindung mit Jesus Christus werden auch durch unsere Wunden andere heil. So dürfen wir und müssen wir vielleicht in manchen Lebensabschnitten das Wort des Paulus im Kolosserbrief deuten, dass er für die Kirche an seinem Leib ergänzt, was noch fehlt. Genau darin bestehen ja die geistlichen Opfer, die wir in der Eucharistiefeier auf den Altar zu legen gerufen sind.
Aus dieser Perspektive ergibt sich eine neue Freiheit: Ja, ich darf verwundet werden – wie Jesus. Meine liebende Lebenshingabe schließt dies mit ein. Es geschieht in unterschiedlichster Weise: z. B. wenn Ihre Kinder nachts um drei schreien, wenn sie Keuchhusten haben – und Sie müssen schon wieder aus dem Bett –, das kostet ein Stück Leben. Und wenn Sie dann, nachdem Sie 20 Jahre Ihres Leben für ihre Kinder da waren –womöglich deren Ablehnung oder Undankbarkeit erfahren … Ja, das tut weh!
Können wir solchen Schmerz wirklich fruchtbar machen? Ja, weil wir dann etwas von der Undankbarkeit erleben, die den Herrn trifft. Wenn es uns dann immer mehr gelingt, beseelt von der unbedingten Erlöserliebe Christi in der Liebe und im Gutsein zu bleiben, werden wir das als neue Freiheit und als ein wahrhaft Erlöst-Sein erfahren.
Lassen Sie uns das Betrachtete noch einmal zusammenfassen. In Jesus finde ich die Freiheit, mich jeder Schuld zu stellen – eigener und fremder. Adrienne von Speyer, eine zum katholischen Glauben konvertierte Ärztin, hat als Hauptgrund für diese Konversion die Beichte angegeben und darüber ein wunderschönes Buch verfasst. Darin beschreibt sie, dass das Erste und Schönste bei der Beichte sei, dass alles, was war, ins Licht kommen darf. Ich muss nichts mehr verheimlichen. Vor Gott darf alles sein, wie es nun eben gewesen ist. So habe ich als Christ die Freiheit, mich jeder Schuld zu stellen.
Darüber hinaus öffnet sich im Licht des gekreuzigten Erlösers für die eigenen Blessuren, das eigene Leiden und Sterben eine Sinngebung.
Ohne christliche Glaubensperspektive, muss der Mensch Schuld bagatellisieren, verdrängen oder für normal erklären. Wir erleben das in unserer Zeit in sehr vielen Lebensbereichen der Gesellschaft. Nicht zuletzt deshalb wird es in ihr immer härter und intoleranter gegenüber der Schwäche und Gebrochenheit des Menschen. Das ist die Kehrseite, wenn es keinen Ort mehr gibt, wo Schuld entsorgt werden kann. Weil wir in Jesus Christus den Erlöser finden, wird das Schuld-Entsorgen erst möglich. Es ist einzigartig und unabdingbar, der einzige Weg zur Ganzheit und Heiligkeit.
Daher noch einmal: Vergeben heißt: alle Schuld Jesus übergeben. Wenn ich Erlösung in Jesus Christus ernst nehme, muss ich allen alles ganz vergeben und sie aus ihrer Schuld entlassen.

P. Dr. Anton Lässer ist Direktor des überdiözesanen Priesterseminars Leopoldinum in Heiligenkreuz bei Wien. Sein Beitrag ist ein überarbeiteter Auszug aus seinem Vortrag vor Mitarbeitern von Radio Maria Österreich. Von dessen Homepage (www.radiomaria.at) kann der gesamte Vortrag heruntergeladen werden.

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11