VISION 20002/2013
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Die hl. Schwester Josefine Bakhita

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Dom Antoine Marie OSB)

Zwei sudanesische Mäd­chen, sieben und zwölf Jahre alt, laufen über die Felder. Sie bleiben stehen, um Kräuter zum Kochen zu sammeln, und sehen plötzlich zwei Männer auf sich zukommen. Einer von ihnen bittet das jüngere Kind, mit ihnen in den Wald zu gehen, um ein vergessenes Päck­chen zu suchen. Das Mädchen tut in seiner Unschuld, worum es gebeten wird. Dort bedrohen es die Männer, der eine mit einem Messer, der andere mit einem Revolver: „Wenn du schreist, bist du tot! Komm mit.“ Voller Angst bringt die Kleine keinen Ton heraus. Dann fragen die Entführer sie nach ihrem Namen; starr vor Angst, ist sie unfähig zu antworten. „Gut“, sagen die Männer, „dann nennen wir dich Bakhita (,die Glückliche'), denn du hast wirklich Glück.“ Die beiden meinen es ironisch, wenn sie „Glück“ nennen, was in Wirklichkeit ein Unglück ist. In den Augen Gottes jedoch, der alle Ereignisse zum Wohle Seiner Erwählten lenkt, handelt es sich tatsächlich um ein unerhörtes Glück für Bakhita…
Bakhita wurde um 1869 im Sudan geboren; ihre Familie gehörte dem nubischen Stamm der Dagiu an und hatte acht Kinder; ihre ersten Lebensjahre verbrachte Bakhita in einem Dorf in Darfur. Als sie ganz klein war, wurde ihre ältere Schwester bereits von mohammedanischen Sklavenhändlern entführt und kehrte nie zu­rück. Und nun kam Bakhita an die Reihe: Sie wurde mit anderen, die wie sie als Sklaven verkauft werden sollten, tagelang im Eil­marsch über unwegsames Gelände getrieben und fünfmal als Sklavin gekauft und auf den Märkten von El-Obeid und Khartoum wieder verkauft. Sie musste 12 Jahre unter unsäglichen Qualen verschiedenen Herrn dienen. Einer schlug Bakhita jeden Tag bis aufs Blut; ein anderer ließ sie in der für Sklaven vorgesehenen Weise tä­to­wieren: Mit einer Rasierklinge wurden Muster auf Bauch und Brust geritzt und die Wunden an­schließend mit Salz ein­gerieben, damit sie nicht vernarben. Von den Misshandlungen behielt Bakhita lebenslang 144 Narben.
Trotz der schlechten Behandlung verhielt sich Bakhita ihren Herrn gegenüber loyal. Nie nahm sie sich etwas auf deren Kosten, selbst wenn sie Hunger hatte. Sie gab sich Mühe, Aufträge getreu auszuführen, mochten sie auch noch so unerfreulich sein. Auf die Frage, ob sie das aus Gehorsam Gott gegenüber getan habe, antwortete sie später: „Damals kannte ich Gott noch nicht. Ich handelte so, weil ich in mir das Gefühl hatte, dass man das so machen sollte.“ Bakhita gehorchte ihrem Gewissen, das von dem in das Herz jedes Menschen eingepflanzten natürlichen Gesetz erleuchtet war.
Einige Monate nach der Tätowierung musste Bakhitas Herr, ein türkischer Offizier, in seine Heimat zurückkehren. Da er keine Sklaven mitnehmen durfte, verkaufte er Bakhita. Die göttliche Vorsehung wollte, dass Bakhita 1883 vom italienischen Konsul in Khartoum, Callisto Legnani, gekauft wurde. Sie berichtete später: „Der neue Herr war recht gut, und er mochte mich gerne ... Ich wurde nicht mehr getadelt, bekam keine Schläge und Strafen mehr; trotz alledem wagte ich immer noch kaum, an so viel Frieden und Ruhe zu glauben.“ Sie wurde freundlich und liebenswürdig behandelt. Im Hause des Konsuls durfte sie Heiterkeit, Zuneigung und Momente der Freude erfahren, wenn auch stets getrübt von der Sehnsucht nach ihrer für immer verlorenen Familie.
Politische Ereignisse zwangen den Konsul 1885 zur Rückkehr nach Italien; da Bakhita weiterhin für ihn arbeiten wollte, durfte sie ihm nach Italien folgen. Kurz nach seiner Ankunft in Genua erfuhr der Diplomat von einem Freund, dass dessen schwangere Frau sich zur Unterstützung eine Dienerin wünsche. Der Konsul erfüllte ihr den Wunsch, und so trat Bakhita in den Dienst einer neuen Familie namens Michieli.
In seiner Enzyklika Spe salvi über die christliche Hoffnung schildert Papst Benedikt XVI. den spirituellen Werdegang Bakhitas: In Venedig „lernte Bakhita schließlich nach so schrecklichen ‚Patronen', denen sie bisher unterstanden war, einen ganz anderen ‚Patron' kennen – ‚Patron' nannte sie in dem venezianischen Dialekt, den sie nun lernte, den lebendigen Gott, den Gott Jesu Christi.
Bisher hatte sie nur Patrone gekannt, die sie verachteten und miss­handelten oder bestenfalls als nützliche Sklavin betrachteten. Aber nun hörte sie, dass es einen ‚Patron' über allen Patronen gibt, den Herrn aller Herren und dass dieser Herr gut ist, die Güte selbst. Sie erfuhr, dass dieser Herr auch sie kennt, auch sie geschaffen hat – ja, dass er sie liebt. Auch sie war geliebt, und zwar von dem obersten Patron, vor dem alle anderen Patrone auch nur selber armselige Diener sind. Sie war gekannt und geliebt und wurde erwartet. Ja, dieser Patron hatte selbst das Schicksal des Geschlagenwerdens auf sich genommen und wartete nun ‚zur Rechten des Vaters' auf sie. Nun hatte sie ‚Hoffnung' – nicht mehr bloß die kleine Hoffnung, weniger grausame Herren zu finden, sondern die große Hoffnung: Ich bin definitiv geliebt, und was immer mir geschieht – ich werde von dieser Liebe erwartet. Und so ist mein Leben gut. Durch diese Hoffnungserkenntnis war sie ‚erlöst', nun keine Sklavin mehr, sondern freies Kind Gottes.“
Bakhita begann die Stufen des Katechumenats zu durchlaufen. Am 9. Januar 1890 empfing sie aus der Hand des Patriarchen von Venedig zusammen mit dem christlichen Namen Giuseppina (Josephine) die ersten Sakramente: Taufe, Firmung und Eucharistie. Nach Aussage eines Zeugen, der an dem danach folgenden Festessen teilnahm, wirkte Bakhita ganz verklärt: „Sie sprach ganz wenig, aber all ihre Gesten, all ihre Worten strahlten Glückseligkeit aus.“ Oft sah man sie fortan das Taufbecken mit den Worten küssen: „Hier bin ich Gottes Tochter geworden.“ Von Tag zu Tag wuchs ihre tiefe Dankbarkeit Gott gegenüber, denn Gott hatte nie aufgehört, sie an der Hand zu sich zu führen. Die Wahrheit des Pauluswortes „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles mitwirkt zum Guten« (Röm 8,28) hatte sie am eigenen Leib erfahren.
Nach ihrer Taufe bildete sich Bakhita im Glauben weiter. Bald vernahm sie die Stimme des Herrn, der sie aufforderte, sich mit Leib und Seele Ihm zu weihen. 1893 wurde sie in das Noviziat der Canossa-Schwestern aufgenommen, und 1896 legte sie unter dem Namen Schwester Giuseppina ihre ersten Ordensgelübde ab. Um sicherzustellen, dass sie sich aus freien Stücken verpflichten wollte, wurde sie, bevor man sie zur Profess zuließ, wie üblich, von Kardinal Sarto, dem Patriarchen von Venedig und späteren heiligen Papst Pius X., befragt. Nach der Anhörung sagte dieser mit einem freundlichen Lächeln zu ihr: „Legen Sie ihre Gelübde unbesorgt ab. Jesus liebt sie. Lieben Sie Ihn, dienen Sie Ihm immer weiter so, wie Sie es bisher getan haben.“
Ein paar Jahre später wurde Bakhita von einer Schülerin gefragt, was sie täte, wenn sie ihren Entführern begegnen würde. Sie antwortete, ohne zu zögern: „Wenn ich den Sklavenhändlern begegnen würde, die mich entführt haben, und selbst denen, die mich gefoltert haben, würde ich auf die Knie fallen und ihnen die Hände küssen. Wenn alles, was mir widerfahren ist, nicht passiert wäre, wie hätte ich Christin und Ordensschwester werden können?“ Bakhita hegte also nicht nur keine Hassgefühle gegen ihre Verfolger, sie versuchte sie sogar zu entschuldigen. Wie unser Herr Christus am Kreuz, betete sie für sie, denn sie wissen nicht, was sie tun. Als eines Tages wieder von ihren Entführern die Rede war, sagte sie: „Sie wuss­ten sicher nicht, welche Angst sie mir eingejagt haben. Sie waren die Herren, und ich war die Sklavin. Wie es für uns natürlich ist, Gutes zu tun, war es für sie ebenso natürlich, so zu verfahren, wie sie es mit mir getan haben. Sie haben es aus Gewohnheit, nicht aus Bosheit getan.“
Schwester Giuseppina wurde 1902 nach Schio in Norditalien versetzt und übernahm dort verschiedene Aufgaben: Sie war Köchin, Näherin, Stickerin und Pförtnerin. An der Pforte kümmerte sie sich besonders um die Kinder; sie pflegte sie liebevoll zu segnen, indem sie ihnen die Hand aufs Haupt legte. Mit ihrer freundlichen Stimme war die „Kleine schwarze Mutter«, wie man sie nannte, selbst wie ein Kind: liebevoll zu den Armen und Leidenden und freundlich zu allen, die an die Klosterpforte klopften.
1935 wurde Giuseppina von ihrer Oberin gebeten, Klöster der Kongregation aufzusuchen und vor den Mitschwestern die Wunder zu bezeugen, die Gott an ihr getan hatte. Von Natur aus schüchtern und demütig, konnte sie sich für diesen Plan nicht begeistern, stimmte ihm jedoch aus Gehorsam zu. Er sollte ihr reichlich Gnaden bescheren. Giuseppinas Botschaft bestand darin, die Schwestern zur Heiligkeit und zur Dankbarkeit für die vielen empfangenen Wohltaten zu ermutigen und für alle Seelen zu beten, die noch nicht das Glück hatten, Jesus Christus zu kennen. Ihrem Lebensbericht zufolge drückten ihr die Schwestern mitunter ihre Anteilnahme aus. Sie selbst sagte dazu: „Oft sagen die Leute zu mir ‚Meine Arme! Meine Arme!’ Ich bin aber nicht arm, denn ich gehöre dem Herrn und ich lebe in seinem Haus. ‚Arm' sind die, die Ihm nicht ganz gehören.“
1943 feierten der Konvent und die ganze Bevölkerung von Schio das 50-jährige Professjubiläum von Mutter Giuseppina. Bald danach bekam sie gesundheitliche Probleme und war bald an den Rollstuhl gefesselt. Eines Tages wurde sie von einem Geistlichen gefragt, was sie so täte in ihrem Rollstuhl; sie erwiderte: „Was ich tue? Genau dasselbe wie Sie: den Willen Gottes.“
Mutter Giuseppina sehnte sich nach der Begegnung mit Christus: „Wenn man eine Person intensiv liebt, so wünscht man sich sehr, mit ihr zusammen zu sein. Warum sollte man sich also vor dem Tod fürchten? Er führt uns doch zu Gott.“ Und denen, die ihr vorhielten, dass das Letzte Gericht dennoch etwas sei, wovor man sich fürchten sollte, erwiderte sie: „Dann tun Sie doch jetzt, was sie dann gern getan haben möchten. Wir bereiten doch unseren Urteilsspruch selber vor.“
Dieses unerschütterliche Vertrauen half ihr, die Leiden ihrer letzten Lebenstage zu ertragen. Während ihrer Agonie erlebte sie die schrecklichen Jahre der Sklaverei noch einmal; sie flehte die Krankenschwester, die bei ihr war, mehrmals an: „Lockern Sie bitte die Ketten ein wenig ... sie tun mir so weh!“ Zum Schluss kam jedoch die Gottesmutter, um sie endgültig vom Leid zu erlösen. Die letzten Worte der Sterbenden lauteten: „Unsere Liebe Frau! Unsere Liebe Frau!“ Und auch ihr letztes Lächeln zeigte, dass sie endlich der Gottesmutter begegnet war. Sie starb am 8. Februar 1947 im Kloster von Schio. Viele Menschen kamen, um die „kleine schwarze Mutter“ noch einmal zu sehen und sie zu bitten, sie vom Himmel aus zu beschützen.
Mutter Giuseppina Bakhita wurde am 1. Oktober 2000 von Papst Johannes-Paul II. heiliggesprochen und 2007 von Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe salvi als Vorbild der Hoffnung vorgeschlagen.
Der Autor ist Abt der Gemeinschaft Saint-Joseph de Clairval in Flavigny-sur-Ozerain, Frankreich.

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