VISION 20002/2013
« zum Inhalt Papst Benedikt XVI.

Ein großer Papst

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Vor einer Woche hat Papst Bene­dikt Rom verlassen. Erstaunlich, wie rasch sich alle an die Tat­sa­che gewöhnt haben, dass er sich zurückgezogen hat und als „Papa Emeritus“ leben wird.

Und dabei: Welch unerhörte Nachricht war das doch am 11. Februar. „Der Papst tritt zurück!“ „Unvorstellbar!“ So war doch die Reaktion der meisten. Offengestanden: Ich war erschüttert, hatte Tränen in den Augen. Das darf doch nicht wahr sein! War dieser Mann nicht die Verkörperung der Zusage Christi, Er habe Seine Kirche auf Felsen gebaut? Und jetzt verlässt er uns, in dieser krisengeschüttelten Zeit – unfassbar. „Dürfen wir nicht zutiefst traurig sein, wenn der Vater geht?“ fragt Stephan Baier in Die Tagespost, um zu antworten: „Ja, wir dürfen! Aber es ist eine selbstmitleidige und egoistische Traurigkeit…“ An dieser Feststellung ist was d’ran.
Sie macht uns aufmerksam auf unsere Glaubensschwäche. Papst Benedikt spricht es in seiner letzten Generalaudienz (S. 29) deutlich an: „Ich habe immer gewusst, dass das Boot der Kirche nicht mir, nicht uns gehört, sondern Ihm. Und der Herr lässt sie nicht untergehen; Er ist es, der sie lenkt…“ Der Papst führt uns mit der Niederlegung seines Amtes mitten im Jahr des Glaubens noch einmal vor Augen, auf wen allein wir uns wirklich stützen können: Auf Jesus Christus. Es ist Seine Kirche, Er bestellt den Petrus und Er beruft ihn auch ab: Johannes Paul I. nach wenigen Tagen, Johannes Paul II. nach langem geduldig ertragenen Leiden, Benedikt XVI., durch die Einladung, seinen Petrus-Dienst zu­rückzu­le­gen und ihn künftig in neuer Form, dem der Buße und des Gebets zu leisten.
„Fürchtet euch nicht! Reißt die Tore weit auf für Christus!“ hat uns Papst Johannes Paul II. zu Beginn seines Pontifikats zugerufen. Dieselbe Botschaft übermittelt uns Papst Benedikt jetzt zum Abschied: Die Kirche – und damit jeder von uns – ist in der Hand des Herrn. Öffnet Jesus die Tore in diesem Jahr des Glaubens!
Es war und ist das zentrale Anliegen Papst Benedikts XVI., Christus ins Zentrum zu stellen, Ihn, in dem uns Gott mit einem menschlichen Antlitz begegnet, wie er in Mariazell betont hat, Ihn, der der Angelpunkt der Geschichte ist. Er wird euch einen neuen Petrus schenken, der euch kraftvoll vorausgehen und euch im Glauben stärken wird.
Die Welt stand im Banne dieses wahrhaft unerwarteten Ereignisses. Noch am Tag der Rücktritts­erklärung gab es die ersten Kommentare und Bilanzen des Pon­tifi­kats, Talk-Runden versammelten sich. Wieder einmal war weitverbreitet Papst- und Kirchenschelte angesagt. Dazu nur drei Beispiele. N-TV meinte: „In der Glaubenskongregation hat er schon in den Jahren vor seinem Pontifikat Duftmarken gesetzt. Tatsächlich ist Benedikt in den fast acht Jahren seines Pontifikats an vielen Hoffnungen gescheitert…“ Fazit: Acht verlorene Jahre. In Puls4 durften die Obfrau der kirchenkritischen Laieninitiative, ein bekennender Atheist, ein schwuler Ex-Priester zusammen mit dem evangelischen Bischof und dem Ex-Pressesprecher der Wiener Diözese „talken“. Leicht auszurechnen, was dabei herauskam. Und die Die Presse bilanzierte: „ Benedikt XVI. macht den Weg also frei zumindest für die Chance eines von vielen so sehnsüchtig erhofften neuen Anfangs in der katholischen Kirche. (…) frei für eine neue Form der Kommunikation mit der ,Welt’. Denn wirklich verstanden hat der 86-Jährige diese Welt offenbar nicht mehr…“
Und dabei: Wenn jemand die Welt durchschaut hat, dann war es dieser Papst. Deswegen wurde er ja so angefeindet, verstand er es doch, die Gesellschaft in einer allgemeinverständlichen Sprache auf ihre Schwächen aufmerksam zu machen. Den Parlamentariern in der Londoner Westminster Hall machte er etwa klar: „Die Religion ist, anders gesagt, für die Gesetzgeber nicht ein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein äußerst wichtiger Gesprächs­partner im nationalen Diskurs. In diesem Zusammenhang komme ich nicht umhin, meine Besorgnis zu äußern, dass die Religion und besonders das Christentum in einigen Bereichen zunehmend an den Rand gedrängt werden, auch in Ländern, die großen Wert auf Toleranz legen.“
Und im deutschen Bundestag gab er den Abgeordneten zu bedenken: „Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt ansprechen, der (…) ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. (…) Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat.“ Die rund 100 Abgeordneten, die damals demonstrativ nicht anwesend waren, hatten eine tiefschürfende Analyse dessen, was Gesetzgebung im Dienste des Menschen heute bedeutet, versäumt.
Die Größe und der Mut Benedikts XVI. zeigte auch sein Umgang mit den wiederkehrenden Anfeindungen: Nie ein Zurückweichen in wesentlichen Punkten, aber geduldiges Erklären und demütiges Eingeständnis, wenn etwas schief gelaufen war. Typisch dafür der Brief an die Bischöfe vom März 2009 im Anschluss an die Aufhebung der Exkommunikation für die Bi­schöfe der Pius-Bruderschaft, als er von Pannen sprach, die er „ehrlich bedauere“.
Was für ein großer Mann! Meinem Eindruck nach die herausragende Persönlichkeit unserer Tage, umfassend gebildet und entwaffnend bescheiden in seinem Auftreten, ein Geschenk Gottes an diese verwirrte Zeit.
Danke, Papa Benedetto! Wir bleiben im Gebet verbunden.
Christof Gaspari

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