VISION 20002/2013
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Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen

Artikel drucken Über die Neuerscheinung: Selber schuld! (Maria Schlachter)

Selber Schuld! – das hört keiner gern. Warum sollte ich dann freiwillig ein ganzes Buch mit diesem provokanten Titel lesen? Der Untertitel macht es mir da schon leichter: „Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen“. Im Vorwort bringt Raphael M. Bonelli es gleich unmissverständlich auf den Punkt: Es geht „nicht darum, sich selber fertigzumachen (…), sondern darum (…), den persönlichen Handlungsspielraum zu vergrößern.“ Das Buch ist „als bewusste therapeutische Provokation“ gedacht, denn „fast jeder sieht sich als Opfer“. Genau dieses Opferdasein ist aber die Sackgasse, aus der Bonelli einen Ausweg zeigen will, denn ändern kann jeder nur sich selber.  
Wie jede gute Geschichte hat auch diese drei Abschnitte: Zuerst werden die Hauptakteure  vorgestellt, hier unter dem Titel „Die Schuld als Problem“: eigene Schuld und Schuldgefühle, wieso Schuld gerne verdrängt wird und welche Rolle Zeitgeist, Persönlichkeitseigenschaften und nicht zuletzt Psychologie dabei spielen.
Resultat ist häufig das „Opfer“, als das sich wohl jeder ab und zu sieht. Hier beschreibt Bonelli die wichtigste Grundidee des Buches: Nur wer bereit ist, Verantwortung für eigene Schuld zu übernehmen, behält Handlungsspielraum und damit Freiheit. Ein Opfer aber kann nur passiv leiden, ist also letztlich in der Sackgasse gefangen.
Im zweiten Teil jeder guten Geschichte kommen meist die Probleme. So einfach ist das mit der Freiheit ja ganz offensichtlich doch nicht, das erlebt jeder von uns jeden Tag. Diese Begrenztheit verliert auch Bonelli nicht aus den Augen und beschreibt auf Basis seiner Fachkompetenz als Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut „Wie der Mensch gestrickt ist“, was wir eben nicht selber in der Hand haben: Neurobiologie, angeborenes Temperament, Erziehung, Umwelt…
Entgegen mancher mehr oder weniger wissenschaftlicher Diskussionen bleibt mir aber offenbar doch ein gewisser Spielraum, um meinen Charakter zu formen und auf erlittenes Unrecht nicht mit Verbitterung, sondern in Freiheit mit Vergebung zu reagieren.
Geschichten, die ich mag, kommen im dritten Abschnitt zu einem guten Ende. Bonelli nennt dieses Ende selbstbewusst „Die Lösung“ und beschreibt anhand seines „organischen“ „Bauch-Kopf-Herz“-Modells der Psyche, das für „Gefühle-Gedanken-Wille“ steht, wie diese Ebenen im Dienst der Freiheit zusammenspielen: Das Herz (Wille) als eigentlicher Sitz der Freiheit muss „Bauch“ (Gefühle) und „Kopf“ (Gedanken) die Richtung vorgeben, nur dann sind schmerzhafte Selbsterkenntnis der eigenen Schuld, Vergebung und damit innere Freiheit und eine „Wende des Herzens“ möglich.  
 „Bonelli ist der neue Watzlawick“ schreibt der Grazer Universitätsprofessor Peter Hofmann über das Buch, und wer jemals Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein gelesen hat, weiß ungefähr, was damit gemeint ist.
Was ich so trocken beschreibe, ist durch jeweils einen Helden aus der Weltliteratur pro Kapitel und zahlreiche Beispiele aus Bonellis psychotherapeutischer Praxis mit ironischem Augenzwinkern saftig, bunt und lebensnah gezeichnet. Dostojewskijs Rodion Raskolnikov, Dickens‘ Ebenezer Scrooge, Goethes Faust oder Kleists Michael Kohlhaas – um nur vier von neun zu nennen – oder Herr X bzw. Frau Y, in deren Fallgeschichte ich mich wiederfinde, halten mir einen Spiegel vor die Nase, der mich nicht verdammt, sondern zur Wahrheit über mich selbst befreit.
Fazit: wer auf leicht lesbare Weise aus den Sackgassen der eigenen Schuld herausfinden will, findet hier einen hilfreichen Wegweiser; wer meint, das Buch seinem nervenden Gegenüber geben zu müssen, damit dieses sich endlich ändert, sollte es aber doch vielleicht zuvor selber lesen…

Selber schuld! Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen. Von Raphael Bonelli, Pattloch-Verlag, 336 Seiten, 20 Euro. Siehe auch den Artikel Seite 6-7


Fachtagung

„Glück und Seligkeit“ ist das Thema der kommenden Fachtagung des Instituts für „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ in Wien. Bei dieser Veranstaltung werden Fragen behandelt wie: Was ist das überhaupt, Glück? Ist kurzfristiges Glücksgefühl besser als die langfristige Glückseligkeit? Kann Psychologie glücklich machen? Wird, wer glaubt selig?
Diese Fragen werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln, dem der Psychologie, Neurobiologie, Philosophie und Theologie beleuchtet. Es referieren: Doz. Raphael Bonelli, Heiko Ernst, Michael Utsch, Prof. Hanna Barbara Gerl-Falkovitz, Prof Thomas Fuchs, Kardinal Christoph Schönborn.
Zeit: 20 April
Ort: Palais Liechtenstein,
1090 Wien
Info+Anmeldung:
http://rpp-institut.org/

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