VISION 20002/2013
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Wer vergeben kann, erlebt wahre Befreiung

Artikel drucken Ausweg aus Selbstmitleid und dem Kreisen der Gedanken um die Kränkung (Christof Gaspari)

Vergeben ist schwierig: Diese Erfahrung hat wohl jeder schon gemacht. Im Zusammenleben braucht es da oft nur wenig – und man fühlt sich gekränkt von jemandem, den man als gedankenlos, lieblos, ja rücksichtslos erlebt…

Wie konnte er nur!“, denkt man. Und: „Ich würde das nie tun. Jetzt soll er nur sehen, wie verletzt ich bin…“ Besonders schmerzlich ist die Kränkung, wenn sie von einer vertrauten Person ausgelöst wird. Man versinkt im Selbstmitleid. In der Ehe denkt sich dann jeder allzu leicht: „Immer setzt Du Dich durch und ich soll nachgeben. Nein! Diesmal nicht! Jetzt bist Du an der Reihe zurückzustecken. Du glaubst sonst womöglich, ich bin ein Schwächling und lass mir alles gefallen. Nein, heute nicht. Einmal reicht’s. Es ist Zeit, dass Du Dich endlich änderst!“
Ich ziehe mich ins eigene Schneckenhaus zurück, breche den Kontakt ab, bedeutungsvolles Schweigen macht sich breit… Eventuell schütte ich mein Herz bei jemand anderem aus. Dann gibt es meist zwei Erfahrungen. Entweder der Gesprächspartner gibt mir, nachdem er mich angehört hat, recht: „Lass Dir das nicht gefallen“ und erzählt selbst eine Geschichte, wie schlecht er unlängst behandelt worden sei. Ich fühle mich verstanden, wir einigen uns darauf, dass diesmal ein Exempel statuiert werden müsse. Denn: So geht das wirklich nicht weiter!
Oder mein Gesprächspartner versucht zu beruhigen, abzuwiegeln. „Ist ja nicht so schlimm.“ Ich müsse ja nicht immer alles so tragisch nehmen. Wenn der Schmerz noch frisch ist, fühle ich mich dann komplett unverstanden. Niemand versteht eben mein Elend. „Auch Du nicht!“
In beiden Fällen ist mir nicht wirklich geholfen worden.
Es geht nicht nur Mimosen so, denn wir gehen in vieler Hinsicht unsensibel mit unseren Mitmenschen um. Wer kann sich da schon ausnehmen? Umso mehr, als wir in einer Zeit leben, in der die meisten von uns stark unter Druck stehen, viel Stress erleben, oft bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gefordert sind, an den anderen hohe Erwartungen haben, selbst aber der heute gängigen Maxime folgen, der Mensch müsse sich selbst verwirklichen. Dann braucht es nicht viel und Kleinigkeiten lösen richtige Gewitter aus.
Jeder zeigt nun dem anderen, wie tief er gekränkt worden, wie berechtigt seine Empörung sei – was er laufend einstecken müsse. Dann steigen meist Erinnerungen früherer Benachteiligungen, Verärgerungen und Kränkungen hoch. „Es ist immer dasselbe mit ihm, da ändert sich nichts,“ steht plötzlich als Evidenz vor Augen. Eine Spirale beginnt sich zu drehen. Die Liste der Vorwürfe wird länger und länger. Jeder gräbt in seiner Erinnerung, konzentriert sich auf die eigenen Argumente, hört dem anderen gar nicht mehr wirklich zu. Und plötzlich sagt man Sachen, die man eigentlich gar nicht hätte sagen wollen, aber ein Wort gibt das andere…
Auch viele Jahre alte Ehen bleiben von solchen Belastungen nicht verschont. „Immer wieder steigt er mir auf dieselbe Zehe! Jetzt könnte er schon endlich wissen…“ Die Krise weitet sich, es wächst die Versuchung zu denken, der andere sei ein hoffnungsloser Fall. „Wir passen eben nicht zusammen.“  Resignation. Man bedenke: Zwölf Prozent aller Scheidungen bei uns im Lande entfallen auf Ehen, die länger als 25 Jahre gehalten hatten.
Wir haben Freunde, deren Ehe auseinandergegangen ist und die uns erzählt haben: Wir hatten uns eines Abends Sachen an den Kopf geworfen, die wir einfach nicht mehr vergessen konnten.
Wie kommt man aus dieser Misere heraus? Die erste Erfahrung: Rechtzeitig abrüsten, rechtzeitig aus der Hochschaubahn der Gefühlsaufwallungen aussteigen. Klar, dass dies je nach Temperament unterschiedlich leicht fällt. Es zu trainieren, ist jedenfalls für gedeihliches Zusammenleben unbedingt zu empfehlen.
Und damit sind wir beim eigentlichen Punkt angelangt: bei der Vergebung. Die Vergebungsbereitschaft ist der Schlüssel für menschliches Zusammenleben. Und sie ist das Tor zur Erlangung einer inneren Freiheit, die uns mehr und mehr Unabhängigkeit von den äußeren Umständen eröffnet.
Zu vergeben fällt noch relativ leicht, wenn der andere sein Unrecht einsieht, sich glaubwürdig entschuldigt – nicht etwa im Stil von: Ach was, alles nur halb so schlimm, Schwamm drüber – und  somit die Perspektive vor Augen steht, dass sich die Situation künftig bessern könne. Selbst dann mag es noch einer Anstrengung bedürfen, um über den eigenen Groll, den eigenen Schmerz hinwegzukommen.
Die Heilige Schrift erwartet jedoch mehr von uns – und ist diesbezüglich recht eindeutig. Sie fordert uns dazu auf: Vergib, unabhängig vom Verhalten des anderen! (Siehe dazu eine kleine Auswahl von Schriftstellen aus dem Neuen Testament im Kasten.)
Das ist natürlich starker Tobak. Den ersten Schritt zu tun, ist wirklich eine Zumutung. In der Ehe stellt sich dieses Problem ja immer wieder. Oft gibt es dann eine Art Tauziehen: Wer von uns macht jetzt den ersten Schritt?  Ihn zu tun, ist schwierig. „Bin ich etwa nicht zurecht gekränkt? Wird mir mein Einlenken nicht als schwächliche Nachgiebigkeit ausgelegt? Ermutige ich damit den anderen nicht dazu, weiterzumachen wie bisher?“ Naheliegende Gedanken. Der Apostel Paulus aber gibt uns allen, insbesondere den Eheleuten, den guten Rat, jeden Tag friedlich zu beenden: „Die Sonne soll nicht untergehen über eurem Zorn. Gebt dem Teufel keinen Raum.“ (Eph 4,26f)
Ja, der Teufel spielt auf unseren Zwistigkeiten Klavier. Daher ist die Versöhnung so wichtig, weil sie diesen Spielraum des Widersachers aus der Welt schafft. Ein Gedanke kann uns da helfen, die eigene Vergebungsbereitschaft zu fördern: Wir werden alle dauernd aneinander schuldig – mehr oder weniger, aber niemand ist  aus diesem Geschehen komplett ausgenommen (siehe Beitrag S. 6-7). Jeder Konflikt erweist sich bei näherer Betrachtung als Zusammenwirken von Fehlverhalten aller Beteiligten – auch wenn das Ausmaß an Schuld sehr unterschiedlich sein mag.
Weil ich also jemand bin, der andere kränkt, verletzt, ihnen Unrecht tut oder ihnen zumindest nicht gerecht wird, muss ich lernen, Verständnis für diese menschliche Grundgegebenheit zu entwickeln – und zwar nicht abstrakt, sondern jeweils dort, wo sie mir begegnet. Das heißt aber: Ich muss lernen zu vergeben, konkret in meinem Alltagsleben.
Und dann eröffnet sich plötzlich eine neue Erfahrung: Wer wirklich vergeben kann – besser wäre zu sagen: vergeben darf –, der erlebt eine Art Befreiung. Er entdeckt: Ich bin nicht mehr von den äußeren Umständen bestimmt, ich habe einen inneren Freiraum. Ich muss nicht mit meinen Gedanken dauernd im Kreis rennen, den anderen immer wieder geistig in Gespräche verwickeln, ihm Vorhaltungen machen, meine Kränkung in Gedanken fortgesetzt wieder erleben, mich elend fühlen. Sicher, das Unrecht ist geschehen. Es ist jetzt Teil meiner Geschichte. Aber ich lasse mich davon nicht unterdrücken. Ich will dem anderen vergeben – egal, was er tut.
Das ist der notwendige erste Schritt. Ihn können wir setzen. Und der Herr selbst ist es, der uns dann die Bürde des Grolls, des Zorns, des Selbstmitleids von den Schultern nimmt. Besonders intensiv durfte ich das vor vielen Jahren erleben, als ich nach längeren Auseinandersetzungen von meinem Arbeitsplatz, der mir sehr viel bedeutete, scheiden musste. Monate der inneren Zerrissenheit, des Gekränkt-Seins, des Zorns, usw... waren die Folge. Meine Gedankenwelt verkrümmte sich um das, was ich als Unrecht erlebt hatte. Immer wieder nahm ich neue Anläufe zu vergeben. Ich wusste ja, was in der Heiligen Schrift für solche Fälle steht. So war die Bereitschaft zu vergeben zwar einerseits vorhanden, sie wurde aber von Rückfällen in Ärger und Kränkung abgelöst. Anderen mein Leid zu klagen, half kaum. Im Gegenteil: Meist vergrößerte es das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein.
Und dann die Befreiung: Sie kam vollkommen überraschend über mich. Ich stand am Fenster im Zug Richtung Klagenfurt, schaute auf das Zollfeld vor mir – und plötzlich war Vergebung da: Eine Stein fiel mir vom Herzen – welche Befreiung! Wäre ich nicht im Zug gewesen, ich hätte laut gejubelt. Aller Groll war verflogen, einfach weg – und er ist nie mehr wiedergekommen. Der Herr hatte meine Bitte erhört.
Damals wurde mir klar: Die wahre Vergebung wirkt Gott. Vergeben zu können, ist ein Geschenk Gottes, um das wir Ihn anflehen dürfen und sollen. Und Er wird uns im rechten Moment die Freiheit schenken.
Im Alltag dürfen wir uns in diese Offenheit für das Geschenk einüben, um aus den vielen Erfahrungen des Unfriedens herauszufinden: mit dem Mitarbeiter, der Ehefrau, dem Nachbarn, den Kindern, dem Vorgesetzten… Wie viel innere Unruhe erleben wir da: Wenn dann aber endlich der Friede wiederhergestellt ist, welche Erlösung im Kleinen! Wir tragen eben eine ganz große Sehnsucht nach Frieden in uns. Und zu diesem Frieden können wir beitragen, wenn wir die Bereitschaft zur Vergebung pflegen, die uns und den anderen Freiraum schenkt, den Gott mit Frieden erfüllen will.


Vergebung – Stellen aus dem Neuen Testament

– Selig, die Frieden stiften    (Mt 5,9)
– Selig die Barmherzigen (Mt 5,7)
– Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin (Mt 5,39)
– Vater unser: Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. (Mt 6,12)
– Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Mt 6,14f)
– Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal (Mt 18,22)
Es folgt die Geschichte vom unbarmherzigen Gläubiger, der an Folterknechte übergeben wird:
„Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.“ (Mt 18,35)
– Seht euch vor! Wenn dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er sich ändert, vergib ihm. Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will mich ändern, so sollst du ihm vergeben. (Lk 17,3f)
– Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk 23,34)
– Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an. (Apg 7,60)
– Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat (Kol 3,13)
– Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat. (Eph 4,32)

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