VISION 20002/2014
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Gott ist mein Vater

Artikel drucken Hermine Haunold, Mutter von sechs eigenen und sechs Stiefkindern (Von Alexa Gaspari)

Beeindruckend ist nicht nur, dass sie 12 Kinder – acht Mädchen und vier Buben, die Hälfte davon aus der ersten Ehe ihres Mannes – großgezogen hat, nein auch die Art, wie sie mit ihrer Krankheit umgeht, nämlich voll Vertrauen auf den himmlischen Vater, der sich ihr vor Jahrzehnten offenbart hat, verlangt großen Respekt ab.
Bei „Betreutem Wohnen“ in Wolfsbach in Niederösterreich besuche ich das Ehepaar Hau­nold. Freundlich werde ich vom Hausherrn empfangen. Seine Frau Hermine – sie hat kurze Haare, die seit der letzten Chemotherapie wieder gewachsen sind und strahlende Augen trotz ihres schweren Leidens – muss das Bett hüten. Während ich neben ihr sitze, erzählt sie mir aus ihrem erfüllten Leben.
Zur Welt kam sie 1939 in Wr. Neustadt, gewohnt hat die Familie aber in Altenmarkt an der Triesting. Der Vater ist der erste Soldat aus dem Ort, der im Krieg fällt. Seine Tochter ist da gerade ein Jahr alt und die Mutter hochschwanger mit dem zweiten Kind, das ein Monat nach des Vaters Tod geboren wird. Eine schreckliche Situation für die junge Frau.
Gott sei Dank hat sie zwei Schwestern im Ort, die ihr Stütze und Hilfe sind. Beide haben Kinder im selben Alter und so wachsen Hermine und ihr Bruder wie in einer Großfamilie auf. Deshalb hat Frau Haunold trotz aller Entbehrungen, die diese Zeit mit sich gebracht hat, sehr gute Erinnerungen an die ersten acht Jahre ihres Lebens. Da fällt ihr etwa ihre Beichte vor der Erstkommunion ein: Sie läuft aus der Kirche und ruft den zwei anderen Kindern, die auch gebeichtet hatten, zu: „Ich fühl mich so leicht, so leicht! Spürt ihr das auch?“ Nun, die beiden hatten dies nicht so empfunden. Sie selbst aber gehe bis heute gern zur Beichte, betont sie, egal, wie weit sie fahren müsse.
Zurück in die Jugendzeit: Als sie acht ist, heiratet die Mutter ein zweites Mal. Für die Tochter beginnt eine schwierige Zeit, die „nicht mehr so schön war“, auf die sie aber nicht näher eingeht. Die Familie zieht um, wodurch die Kirche drei Kilometer weiter entfernt liegt und – im Gegensatz zu früher - nur mehr selten aufgesucht wird.
„Eigentlich war ich schon immer gläubig, aber nicht alle um mich herum waren gläubig,“ überlegt sie. Manchmal werden die Kinder am Sonntag in die Kirche geschickt, die Eltern bleiben aber zu Hause. Hermine ist dann glücklich, dass sie gehen darf. „Ich denke, das ist eine Gnade.“ Wahrscheinlich haben die Tanten und der Vater im Himmel für sie gebetet, meint sie lächelnd. Da der neue Mann der Mutter für Gebet nichts übrig hat, wird zu Hause nicht mehr gebetet.
Nach nochmaliger Übersiedlung, diesmal nach Baden, wird es noch schwieriger. Die Familie ist um eine Halbschwester gewachsen, aber es gibt nur ein Schlafzimmer für fünf Personen. Für eine 17-Jährige mit einem Stiefvater aus mehreren Gründen keine leichte Situation. Immer öfter denkt sie an ihren eigenen im Krieg gefallenen Vater und sehnt sich nach ihm…
Eines Tages geht sie in den Weingärten spazieren: „Da habe ich Gott richtig angejammert, weil ich meinen Vater nicht mehr habe und da hat Er mir deutlich gesagt: ,Ich bin dein Vater!’ Das war so lebendig, dass ich weinen musste. Ich habe da wirklich verstanden, dass Gott für mich da ist. Dass Er mein Vater ist. Ich habe Ihm gedankt und gesagt, dass ich so froh bin, dass Er mein Vater ist,“ erzählt Frau Haunold sichtlich bewegt. Diese so eindrucksvolle Erfahrung bestimmt ihren weiteren Lebensweg: Gott, der Vater, soll sie führen. „Ab da habe ich auch gemerkt, wie Gott mein Leben gelenkt hat.“
Nachdem sie ihre schulische Ausbildung erst in Altenmarkt, dann in der Hauptschule in Berndorf und Baden absolviert, an­schließend in einer Bäckerei zu arbeiten begonnen hatte, sucht sie nach einer Berufsausbildung. „Zufällig“ stößt sie auf das Bild einer Caritas-Socialis-Familienhelferin in ihrer schönen Tracht, das sie anspricht. Welchen Bildungsweg man für diesen Beruf einschlagen muss, ist unter dem Bild zu lesen. Das ist es! Daraufhin fährt die Mutter im Herbst mit ihr nach Wien. Obwohl die Ausbildung schon begonnen hat, wird sie noch aufgenommen.
Ab nun lebt sie in der Hauptstadt bei der Caritas Socialis und „das war ein Stück Himmel“, wie sie sich dankbar erinnert. Auch religiös wird ihr die Gemeinschaft zum neuen Zuhause. Die Gebetszeiten – früh, mittags, abends, das Tischgebet –, die Exerzitien, die sie besucht, sowie der Familienseelsorger, der die Mädchen betreut – alles war wunderbar für die junge Praktikantin. „Es war eine wirklich gute religiöse Ausbildung, die wir da bekamen. Eine richtige Heimat für mich. Ich war mir bewusst, dass mich Gott aus der schwierigen Situation daheim herausgeholt hatte,“ erinnert sie sich.
1957, nach einem Jahr Ausbildung, bekommt sie ihre Caritas­tracht. Es folgen Praktika im Kindergarten, im Kinderkrankenhaus, bei Familien mit überlasteten Müttern. „Ich habe mich sehr gern um Kinder gekümmert, sie gepflegt, mit ihnen gespielt,“ erzählt sie mir. Nach drei Jahren bestätigt die Brosche, die man ihr ansteckt, dass sie nun ausgelernte Familienhelferin ist. „Die Liebe Christi drängt mich,“ steht auf Latein darauf. Das entspricht genau dem, was sie fühlt. Da der Ansturm der Mädchen, die in diesen Berufszweig nachdrängen, groß ist, müssen die älteren (Hermine ist damals 20) in eine Wohnung im vierten Bezirk übersiedeln.
„Hier gab es kein geordnetes religiöses Programm mehr,“ bedauert Frau Haunold im Rückblick. „Wir waren auf uns selbst gestellt. Das war viel schwieriger – ein bisschen Heimatverlust.“ Auch von der Arbeitseinteilung her ist es nun wesentlich schwerer. Das und der Mangel an einer Halt gebenden religiösen Gemeinschaft belastet sie so, dass sie eine Art Depression bekommt. Der Arzt empfiehlt einen Aufenthalt am Land. St. Aegyd und Amstetten sind daraufhin die nächsten Stationen. Dann beginnt sie wieder bei Familien, in denen die Mutter aus Krankheitsgründen beeinträchtigt war, zu arbeiten, unter anderem bei einer fast blinden Frau mit fünf Kindern.
Es kommt der Mai 1963: Hermine löst eine Familienhelferin bei der Familie Haunold ab. Dort war die Mutter von sechs Kindern (zwischen drei und acht Jahren) 29-jährig im März verstorben. Der Vater, damals Schichtarbeiter, ist völlig verzweifelt. Wie soll das weitergehen? „Da hilft nur beten,“ meint die neue Familienhelferin. Und so beginnen die Beiden abends, wenn die Kinder im Bett sind, miteinander Rosenkranz zu beten. Da die Mutter schon länger krank gewesen war und sich kaum mehr um die Kinder hatte kümmern können, freuen sich diese trotz allen Kummers, wieder ein regelmäßiges, gut betreutes Leben zu haben.
Hermine selbst geht es nun gesundheitlich immer besser. Die Kinder und die Arbeit tun ihr gut. „Ich glaube, mir hat vorher einfach diese Aufgabe gefehlt,“ stellt sie heute fest. „Eine Zeitlang wollte ich ja Kinderdorfmutter werden, andrerseits aber doch auch gerne heiraten. Darüber hatte ich auch schon mit dem Herrgott gesprochen,“ offenbart sie mir. Im Oktober fragt der sechsfache Vater Hermine, ob sie ihn heiraten würde. Die Zustimmung der Kinder habe er schon eingeholt. Und was sagt die Familienhelferin dazu? Sie mag diesen fürsorglichen Vater, sieht seine Freundlichkeit, sein Bemühen, den Kindern Freude zu machen. Aus den Marillen hatte er sogar selbst Marmeladen und Kompotte gekocht, und zur Aufbesserung der angespannten finanziellen Lage arbeitete er auch abends und samstags… „Nur der Sonntag war ihm heilig. Der hat Gott und der Familie gehört.“ Auch, dass er gläubig ist, sagt ihr sehr zu. „Ich glaube, die Muttergottes hat da schon die Fäden gezogen,“ lächelt Frau Haunold.
Doch zunächst kommt es anders: Dechant Pichler, den sie an freien Tagen in Amstetten in der Kirche aufsucht, erzählt sie, wie es um sie steht. Nach einem Telefonat mit der Caritas-Zentrale in Wien, erklärt er ihr, sie müsse von dort weg, da die Beiden sich zueinander hingezogen fühlten. Und die junge Frau hält sich an diese Weisung. Ja, das waren eben noch andere Zeiten!
Von da an bekommen die Kinder alle paar Wochen andere Familienhelferinnen und Hermine arbeitet wieder im Raum Amstetten. Als Weihnachten naht, denkt sie an „ihre“ Familie, die sie verlassen musste, an den Vater, seine Kinder, die ihr schon ans Herz gewachsen waren. Und sie beschließt, zu Weihnachten zu ihnen zu fahren. Die Freude ist groß. Mit Herrn Haunold wird nun ernsthaft über eine Hochzeit gesprochen. Allerdings müsse er eine neue Wohnung suchen, rät die künftige Ehefrau. Der weite Schulweg sei für die Kinder eine Zumutung: Sechs Kilometer zu Fuß, mehr als 1,5 Stunden in die Schule nach Neuhofen! Im Winter eine besonders harte Sache. „Dass die Maria, die ja zunächst alleine gehen musste, damals da mitgemacht hat, vor allem bei dem Schnee, hat mich gewundert. Ich glaube, ich wäre nicht gegangen,“ bewundert die Mutter rückblickend „ihre“ Älteste.
Bei Haag findet sich dann ein kleines Haus, das Hermine möglichst rasch wohnlich zu machen versucht, während die Kinder noch eine andere Familienhelferin haben. Am 16. Mai 1964 wird geheiratet. „Heuer haben wir goldene Hochzeit,“ strahlt Frau Haunold. „Ich habe mir gewünscht, das noch zu erleben, weiß aber nicht, ob ich es schaffen werde, da ich immer schwächer werde,“ fügt sie ohne jede Bitterkeit in der Stimme hinzu. In Erinnerungen an diesen schönen Tag versunken, fährt sie fort: „Ich habe mir ein weißes Kleid nähen lassen. Auch die Kinder waren schön angezogen. In Haag haben wir geheiratet: Wir sind über den Hauptplatz gegangen, die sechs Kinder vor uns. Danach waren wir bei den Eltern eingeladen. Unsere Geschwister und die Geschwister der ersten Frau, die mich Gott sei Dank alle mochten, waren auch dabei. Am Abend des Hochzeitstages ist dann die letzte Familienhelferin abgezogen.“
Mit 25 ist die junge Frau nun sechsfache Mutter: „Es war ein kleines Häuschen. Der Brunnen war vor dem Haus. Es war kein einfaches Leben, aber das hat mir nichts gemacht. Die älteren Kinder haben ja schon mitgeholfen. Der dritte, der Bua, war schon recht stark und hat Wasser geschöpft.“ Mit den Kindern kommt sie gut zurecht: „Sie haben mich ohne weiteres angenommen,“ erinnert sie sich dankbar. Im Jahr darauf kommt der erste gemeinsame Sohn, Markus, zur Welt. Wie lieb sie die ersten Kinder hatte, merkt man daran, dass sie nun für sich selbst nicht bei eins zu zählen beginnt: „Ich hab’ mein siebentes Kind bekommen,“ sagt sie lachend. Im Jahr später folgt Nummer acht, Veronika. Dann ist ein Jahr Pause.
Bei Exerzitien lernt sie eine sehr nette Frau aus Haag kennen, die sie und die Kinder zu sich einlädt. Eine schöne Freundschaft entsteht mit dieser Familie, die Bauern sind. Diese Begegnung sei ein Segen Gottes gewesen, „der ja nie abgerissen ist“. „Denn in diesem Jahr wollte der Eigentümer, dass wir unser bisher gemietetes Häuschen kaufen.“
Mit dem kleinen, recht baufälligen Haus mit den winzigen Fenstern ist Hermine aber nicht glücklich. Sie schreibt P. Krois­bacher, dem Familienseelsorger, von ihren Sorgen. Dieser schlägt bei einem Besuch vor, doch ein Grundstück zu erwerben. Er würde dafür sorgen, dass der Bauorden ihnen beim Bau eines Hauses helfen würde. „Da sind wir zu diesen befreundeten Bauersleut’ gegangen und haben wegen eines Grundstücks gefragt. Die haben gleich gesagt, dass wir einen großen Baugrund haben könnten,“ erzählt sie. Und die Freunde geben ihnen sogar 10 Jahre Zeit zum Ausbezahlen.
Und wie ging das mit dem Hausbau? „Wir haben immer so viel Segen gehabt, gell Hubert,“ meint sie zu ihrem Mann, der im Hintergrund mithört. Denn einen Teil des neuen Grundstücks hätte eine Firma für eine Zufahrt gebraucht und dafür  30.000 Schilling geboten. „Uns war das recht, so hatten wir ein wunderbares Anfangskapital für den Hausbau.“ Im Juli 1969 kommen vier Männer (belgische Studenten und ein Priester) sowie eine Köchin vom Bauorden. Sie beginnen mit dem Hausbau. Hubert Haunold nimmt sich frei und so wird tagsüber gearbeitet und abends miteinander gesungen. Nur sonntags nicht! Lachend erinnert sie sich: „Einmal habe ich trotzdem am Sonntag eine Arbeit machen wollen. Es hat sich dann herausgestellt, dass das nicht gut war und wieder beseitigt werden musste.“ Daher sonntags keine Arbeit mehr!
Schon im November desselben Jahres können Haunolds mit ihren mittlerweile 10 Kindern – 1969 kam nach Elisabeth Judith zur Welt – das Haus beziehen. P. Kroisbacher kommt für die Haussegnung. „Mit dem Schule- und Kirchegehen war das nun ide­al,“ stellt Frau Haunold fest. Ihr Mann ist mittlerweile Buchhalter und der Verdienst besser. So reicht das Geld, um einen Sohn  nach Göttweig zu schicken. Er ist jetzt übrigens Diakon.
1971 kommt noch ein Mädchen und 1975 die Nummer 12: ein Bub. Lächelnd vertraut sie mir an „Jetzt kann ich nicht mehr, ich mache jetzt Schluss, habe ich gesagt. 36 war ich damals und mein Mann 47. Die Leute haben schon gesagt: ,Der Opa geht mit dem Enkerl spazieren’.“ Bei der Geburt des Jüngsten ist die Älteste 20, von Beruf Köchin und eine große Hilfe: „Die hat dann daheim schon den Laden geschupft, wie ich im Spital war. Zu Weihnachten hat sie gebacken und gebacken…“ Dass sie alle Kinder gleich geliebt haben muss, zeigt ein Ausspruch eines ihrer eigenen Kinder, das erst mit 12 Jahren daraufgekommen sei, dass sie Kinder von zwei Müttern und nicht nur von einer seien.
Die Jahre vergehen und aus den Kindern werden tüchtige Menschen. Die meisten sind selber Eltern: Drei Söhne werden Buchhalter, einer Tischler. Einige der Töchtern machen es der Mutter nach und wählen einen sozialen Beruf: Kinderdorfmutter – später Mutter eigener Kinder –, Krankenschwester, Kindergärtnerin, eine pflegt aufopferungsvoll Familienmitglieder, bevor sie in den Karmel eintritt. Katrin war 12 Jahre bei den Steyler Anbetungsschwestern und arbeitet nun als Sozialhelferin bei der Caritas. Frau Haunold selbst hat sich trotz des großen Haushalts in der Pfarre für die Arbeit der Caritas engagiert und alte Leute besucht. Als bei einem Sohn „Not am Mann“ ist, übernimmt sie die Betreuung eines Enkelkindes.
In all den Jahren fährt das Ehepaar immer wieder nach Medjugorje, mit Bus oder per Flugzeug. Insgesamt zieht es sie 20 Mal in die Herzegowina, zuletzt in der Karwoche 2013. Damals treffen sie auf ihre Tochter Katrin, die dort im Land Familienhelferin ist und die Eltern bittet, doch über Ostern zu bleiben. Obwohl die eigene Gruppe heimreist, entschließen sie sich zum Bleiben. Die Vorsehung wird für die Rückfahrt sorgen. Und so ist es auch: Ein Mann aus ihrer Pfarre bietet ihnen Plätze für die Heimreise an. „Gott ist sooo groß,“ strahlt Frau Haunold. Er habe ihr ganzes Leben begleitet.
Das bedeutet nicht, dass ihr jeder Kummer erspart blieb: So ist vor wenigen Jahren einer ihrer Enkel bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Und außerdem: Bei einer so großen Familie – zu den 12 Kindern kommen noch 19 Enkel – gibt es neben vielen Freuden, auch genug Kummer und Sorgen aus vielfältigen Gründen. Da gibt es für mein Gegenüber viel zu beten und zu hoffen – auch jetzt, da sie selbst die größten gesundheitlichen Probleme hat.
Daher wohnt das Ehepaar Haunold nun schon seit einiger Zeit in einer netten kleinen Wohnung von „Betreutem Wohnen“ in Wolfsbach. Die Kinder sind „Hilfe, Stütze und Freude“: Eli­sa­beth, ihr neuntes Kind, ist Krankenschwester in Steyr und kommt jede Woche, um bei der Pflege der Mutter zu helfen. Sonntags stellt sich Tochter Judith zur Betreuung ein. Die anderen rufen häufig an, um sich nach ihr zu erkundigen.
Ich bewundere den großen Flachbildfernseher im Zimmer: „Ja, ich freu mich, dass ich täglich über EWTN eine Heilige Messe mitfeiern darf. Das ist schön. Das lass’ ich nie aus.“ Jeden Morgen betet das Paar den Rosenkranz und, wenn kein Besuch kommt, einen auch am Nachmittag. Am liebsten betet sie ganz persönlich zum Herrgott.
„Wir haben es hier sehr gut. Ich möchte von hier nicht weg. P. Jakobus kommt jede Woche mit der Hl. Kommunion für mich und eine Nachbarin. Mit dieser Frau kann ich mich sehr gut austauschen. Wenn sie mich besucht, können wir über das, was wir in Radio Maria gehört haben, plaudern und über die Probleme, die es so gibt und die belasten,“ erzählt sie aus ihrem Alltag.
Mit „Problemen“ meint sie, wie ich später feststelle die ihrer Kinder. „Sie machen sich mehr Sorgen um ihre Kinder als um sich selbst,“ stelle ich fest. „Ja,“ meint sie mütterlich: „Um mich selbst mache ich mir keine Sorgen, nur um die Kinder und Enkerln.“ Besonders auch, was deren Glaubensleben betrifft: Wenn eines zum Glauben findet – welche Freude! Und wie leidet sie, wenn sich eines entfernt. Denn aus eigener Erfahrung weiß sie, wie wichtig der Glaube ist– besonders jetzt in ihrer schweren Krankheit, über die sie mir nüchtern erzählt.
2011 wird sie an Brustkrebs operiert. Zunächst scheint alles in Ordnung zu sein. 2012 keine Beschwerden, die Befunde sind gut. 2013 stellen sich jedoch massive Rückenprobleme ein: „Durch Metastasen haben sich Löcher in der Wirbelsäule gebildet,“ erklärt sie sachlich. Sie bekommt also Chemotherapie – wöchentlich. Wegen schlimmer Nebenwirkungen wird die Chemo auf zweiwöchentlich umgestellt. Nach der Behandlung erklärt man ihr, es sei keine Besserung eingetreten – und keine mehr zu erwarten. Man könne es zwar noch einmal versuchen, das ergäbe aber nur eine kurze Lebensverlängerung.
Hat sie Schmerzen? „Nein, mit einer halben Morphiumtablette  habe ich keine Schmerzen,“ schildert sie mir ruhig ihren Zustand. Ihr Mann müsse ihr halt sehr viel helfen, da ihr die Kraft für jede Tätigkeit fehle. Liebevoll schaut sie ihn an: „Ich habe so einen gu­ten Mann. Er hat mich so liebevoll betreut.“ Und lacht leise: „Zu den Kindern habe ich unlängst gesagt: Ich wusste gar nicht, was ich für einen braven Mann habe. Alles tut er. Auch in der Nacht muss er ein paar Mal aufstehen. Ich merke einfach, dass ich immer schwächer werde.“
Wie sie damit umgeht, zeigen ihre nächsten Worte, die sie mit strahlendem Blick hinzufügt: „Zu P. Jakobus habe ich gesagt: Wenn Gott ‚Amen’ sagt, dann sage auch ich: ‚Amen’. Das ist unser Weg. Da kommen wir eh nicht aus.“ Das stimmt natürlich. Letztendlich ist es unser aller Schicksal. Aber wie gut tut es zu sehen, dass diese Frau ihrem baldigen Lebensende  (ein halbes bis ein Jahr sagen die Ärzte) mit so viel Vertrauen und Ruhe entgegengehen kann! Was für ein Vorbild, von dem ich da lernen darf! Hermine Haunold betont noch­mals die Quelle, aus der sie schöpft: „Mit 17 ist mir richtig bewusst geworden, dass Gott mein Vater und für mich da ist. Ich kann also nur in Seine Hände fallen.“
„Vater ich komme jetzt zu Dir“: Dieses Lied soll bei ihrem Begräbnis gesungen werden, wünscht sie sich. Also hadert sie nicht mit ihrem Schicksal oder mit Gott? „Nein überhaupt nicht,“ erklärt sie entschieden und lächelt mich immer noch an: „Ich weiß ja, wo ich hingeh’!“
Ein Rat für unsere Leser? „Ja: sich fest im Glauben verankern. Das ist das Allerwichtigste“.

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