VISION 20002/2014
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Der selige Manuel Lozano Garrido

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Christa Pfenningberger)

Die Leidenschaft für das Wort und das Schreiben ist ihm offensichtlich in die Wiege gelegt, als er, Manuel Lozano Garrido, am 9. August 1920 in Linares, in Andalusien zur Welt kommt. Als kleines Kind soll er bisweilen ungezogen gewesen sein, erinnert sich seine jüngere Schwester Lucia, eines der acht Kinder der Garridos, und als einziger von allen erhält er von der Mutter einen Klaps mit dem Hausschuh; immer dann, wenn er sich nicht von den Zeitungen losreißen kann...
Manuel ist sportbegeistert, wanderlustig und ein großer Liebhaber der Natur. Früh verliert die Familie den Vater. Manuel zählt damals 16 Jahre. Er hilft der Mutter so gut er kann, die Familie zu versorgen. Wenige Jahre darauf stirbt auch Señora Garrido.
„Was in der Kindheit als ein kleines Samenkorn begann, nahm in den Jahren der Pubertät deutliche Gestalt an: Meine Berufung war mir mit 15 Jahren völlig klar, selbst wenn ich die ersten Artikel erst mit 19 schrieb. Ich wollte Journalist sein.“ Während Lolo in Hinblick auf seine Zukunft Klarheit gewinnt, werden die Zustände in Spanien immer chaotischer: 1936 bricht der Bürgerkrieg aus, der 1939 mit dem Sieg der Anhänger Francos endet. Schon vor, aber vor allem während des Bürgerkrieges ist die Kirche schwer bedrängt vom Hass und den grausamen Verfolgungen durch die Kommunisten. An den Schulen ist der Religionsunterricht verboten, Kirchen werden geschlossen oder zerstört, Priester und Gläubige inhaftiert, erschossen...
Während dieser Jahre geht er einem gefährlichen Apostolat nach: Er bringt den Christen, die sich, um nicht getötet zu werden, versteckt halten, die Eucharistie. Der einzige, nicht inhaftierte Priester seiner Heimatstadt bittet ihn darum. In seiner Autobiographie schreibt Lolo später über diese Erfahrung: „Wir erlebten diese Zeit wie die Zeit der Katakomben ... Trotz des Terrors und des Schreckens spürten wir die Gegenwart von Gottes schützender Hand. Und inmitten des unfasslichen Elends die völlig unverdiente Gunst: Gott wurde zum Brot des Sakramentes und das beinahe täglich. Das waren die innigsten Momente meines geistlichen Lebens – inmitten pfeifender Granaten und heulender Sirenen.“
Schließlich wird er geschnappt und ins Gefängnis geworfen. Kaum auf freiem Fuß, startet er 1939, nach dem Bürgerkrieg, neue Initiativen: Er gründet Zentren für die Katholische Aktion, deren Mitglied er ist, organisiert Radioprogramme zur Verkündigung des Evangeliums, gibt Katechismusunterricht und geht in die Gefängnisse. Viele Stunden verbringt er bei den Gefangenen und bleibt vor allem die letzte Nacht bei den zum Tod Verurteilten. Und natürlich arbeitet er als Journalist bei verschiedenen regionalen und nationalen Zeitungen.
„Der Journalist weiß, wie kein anderer, wie schwierig es ist, der Wahrheit zu dienen. Er spürt wie kein anderer die Verantwortung, tagtäglich mit tausenden Lesern zu sprechen; er kennt und fürchtet seine Fehler. Er weiß, dass es einen sehr schwierigen Ort gibt, Christ zu sein und zu bleiben: die Presse.“
1944, Lolo zählt 24 Jahre, beginnt der zweite Abschnitt seines Lebens, brutal eröffnet durch eine furchtbare Diagnose: Morbus Bechterew. Eine Form entzündlichen Rheumas, das hauptsächlich die Wirbelsäule betrifft. Die Krankheit ist bis zum heutigen Tag unheilbar und von Phasen unerträglicher Schmerzen begleitet. Im Endstadium führt sie zur völligen Versteifung der Wirbelsäule und damit zur Bewegungslosigkeit. „Der Schmerz meiner Krankheit veränderte mein Leben radikal. Ich nahm meinen Titel und musste mich von den Lehrsälen zurückziehen. Einsamkeit und Stille wurden mein Anteil. Der Journalist, der ich gerne geworden wäre, der konnte ich nicht werden. Der kleine Apostel des Herrn, von dem ich träumte, er streifte nicht mehr durch die Stadt. Und doch habe ich mein Ideal und meine Berufung vor mir, in einer Fülle, von der ich nie zu träumen gewagt hätte.“
Seine Schwester Lucia ist und bleibt an seiner Seite. Sie pflegt den immer hilfsbedürftiger Werdenden. Die Lähmungserscheinungen schreiten bei Lolo sehr rasch voran, bald kann er nicht mehr laufen und muss im Rollstuhl sitzen.
Lolo schreibt weiter für Tageszeitungen und katholische Zeitschriften. Außerdem diktiert er seiner Schwester neun Bücher, alle zum Thema Spiritualität sowie seine Autobiographie. Schreibend verarbeitet er sein Leid, seine „Schule des Kreuzes“. Schreibend verleiht er seiner Freude Ausdruck, seiner Liebe zur Eucharistie. Sein schriftstellerisches Schaffen wird mit mehreren Literaturpreisen bedacht.
„Was einen Christen kennzeichnet, sind nicht Geduld, Annahme oder Güte, sondern – Freude. Wer eine Prüfung nicht mit Freude tragen kann, ist noch nicht völlig in das Geheimnis des Kreuzes eingedrungen. Alle Tugenden wachsen aus der Freude. Sie allein genügt.“ Hinter diesen Worten steht ein Mann, der ohne Unterlass äußerste Schmerzen leidet! Wecken, ankleiden, waschen, alles verursacht ihm Schmerzen. In der Nacht quälen ihn oft Albträume. Und doch lächelt Lolo.
Als er krank wird, ist ihm der tägliche Empfang der Eucharistie ein existentielles Bedürfnis. Er weiß, dass er alle Kraft zum Leiden, allen Antrieb zur Freude, allen Grund zur Hoffnung in ihr findet. Als seine zweite große Liebe bezeichnet er Maria. Ihr widmet er viele Artikel, Gedichte und Gebete. Wiederholt fährt er mit seiner Schwester nach Lourdes, um die „Muttergottes zu besuchen.“ Schließlich bittet er den Bischof, dass die hl. Messe bei ihm zuhause gefeiert werden dürfe.
1961 verliert Lolo das Augenlicht. Er benützt zum „Schreiben“ nun ein Tonbandgerät, auf das er seine Artikel spricht. Man läge weit fehl in der Annahme, dass für Lolo dieser sein Zustand, seine Krankheit immer und ausnahmslos nur „Freude im Herrn“ bedeutet. Erst nach langen Nächten, die er schlaflos und in Schmerzen verbringt, erblickt er voll tiefer Hoffnung das Licht des anbrechenden Tages. Doch ist auch das noch nicht ganz richtig, denn Schmerz und Freude folgen nicht streng chronologisch aufeinander. Man wird Lolos Freude erst gerecht, wenn man versteht, dass er sie im Schmerz findet; oder, um es mit den Worten von Thérèse von Lisieux zu sagen: auf dem Grund des Kelches.
„Wir sagen: Ich akzeptiere, ich akzeptiere. So wie jemand, der einen Scheck unterschreibt und inbrünstig hofft, die Summe möge so niedrig wie möglich ausfallen. Akzeptieren ist ein schönes Wort, aber wie wenig wird es tatsächlich gelebt! Christliches Akzeptieren ist viel mehr als ein einfaches Zustimmen. Es heißt das, was Gott gibt oder nimmt, als ein Gut zu lieben. Es heißt, absolut, bedingungslos zu vertrauen, dass alles, was Gott tut und zulässt, reine Güte ist.“ Der diese Worte geschrieben hat, ist an einen Rollstuhl gefesselt und blind. Vor allem als sich abzeichnet, dass er erblinden wird, ist sein Vertrauen auf eine äußerste Probe gestellt: „Ich werde nicht mehr sehen können, ich werde noch abhängiger werden!“
Fünf Jahre nach seiner Erblindung diktiert Lolo: „Vor fünf Jahren, genau zu dieser Stunde, war der Moment gekommen, wo es klar war, dass ich mein Augenlicht unwiederbringlich verlieren würde. Ich dachte sofort an alles, das ich noch sagen, das ich noch schreiben wollte. Ich sah viele Probleme auf mich zukommen und sann voller Angst auf Lösungen, ich zweifelte. Heute steigt ein Wort in mir auf: Danke. Trotz allem Leid wurde mein Leben auf eine eigene Art und Weise reicher durch die Liebe, die ich von oben erhielt. Ich spüre eine neue Sensibilität in mir. So, als wäre ich eine Harfe, auf der eine neue Saite geschlagen würde, inmitten von Dunkelheit. Danke!“
Lolos Ausstrahlung ist anziehend. Sein Haus wird zum Treffpunkt für Jugendliche, Journalisten, Priester, ja, die verschiedensten Menschen versammeln sich um diesen ganz verkrümmten Mann im Rollstuhl, diesem Mann der Schmerzen, diesem Mann der Freude.
Am 3. November 1971 erlischt das Leben Lolos. Lucia sowie sein enger Freund und Vertrauter, P. Higueras sind bei ihm. „Sein Todeskampf dauerte lange, 24 Stunden lang. Bis zum letzten Augenblick war er bei klarem Verstand. Während ich das Ave Maria betete, starb er, in Frieden und in Seelenruhe.“
Seliggesprochen wird Lolo am 12. Juni 2010, nachdem die wunderbare Heilung eines todkranken Kindes bestätigt ist.
Auf den Tag genau, 12 Jahre vor seinem Tod, schreibt Lolo: „Dieser Tag heute schmeckt nach Bahnsteig; wenn der Zug ankommt und der Freund aussteigt, den ich lange nicht mehr gesehen habe. Und jetzt ist er da und legt seinen Arm um meine Schulter...“
Auszug aus „Feuer und Licht“

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