VISION 20003/2014
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Il Papa buono

Artikel drucken Der hl. Johannes XXIII., der die Güte Gottes ausstrahlte Von Loris Francesco Kardinal Capovilla

Der Name „Papst der Güte“ entstand urplötzlich am Palmsonntag, den 7. März 1963, bei einem Besuch Johannes XXIII. in der römischen Pfarrei San Tarcisio al Quarto Miglio.
 
Zu diesem Zeitpunkt war der Wahlkampf in vollem Gange. Anlässlich dieses Besuchs entschieden die Sekretäre der gegeneinander angetretenen Parteien einstimmig, Wahlplakate und Fahnen zu entfernen. Sie wurden ersetzt durch weiße Tücher mit der Aufschrift: „Es lebe der gute Papst“  – „Viva il Papa buono.“
Dies gereicht allen Beteiligten zur Ehre. Beispielhaft haben sie gezeigt, dass es möglich ist, sich zu einigen und dem gemeinsamen Vater Respekt und Zuneigung zu bekunden. (…)
Papst der Güte! Unterschiedlichste und doch charakteristische Begebenheiten, überraschende Erklärungen bedeutender Vertreter aus dem Bereich der Kultur und der Religion legen überzeugend dar, dass Johannes XXIII. auf Weltebene bewirkte, dass wieder neu wahrgenommen wurde, welch anziehenden Wert die im Evangelium aufscheinende Güte besitzt. Und diese Güte, so heißt es in seinem Geistlichen Tagebuch, „nimmt in der Bergpredigt einen Ehrenplatz ein; selig die Armen, die Sanftmütigen, die Friedfertigen, diejenigen, die Erbarmen üben, die nach Gerechtigkeit dürsten, die Leid erfahren, die Verfolgten.“
(…) Als kaum vierzehnjähriger Ministrant begann er sein Geistliches Tagebuch zu schreiben. Er führte dies bis zu seinem 81. Lebensjahr fort, ohne diesen Brauch und seine Einstellung dazu jemals wieder zu ändern. In seinem langen Leben blieb er stets der gleiche Priester, der er in seiner Jugend gewesen war: Denken und Handeln waren bei ihm stets in einer für ihn typischen Weise verbunden, die in seinen verschiedenen Diensten und Ämtern entsprechende Einsatzfelder fand – wenn auch begrenzt und behaftet mit Fehlern und Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur, des sozialen Umfeldes und der geschichtlichen Situation, in der er arbeiten musste.
So war er ein Priester, wie man sie von früher her kennt, tief verwurzelt im Boden der christlichen Offenbarung, aus der er Spannkraft und Schwung für seinen Dienst bezog. Er wollte Priester sein, gezeichnet durch das Brandmal seiner Vertrautheit mit Christus, und sich um nichts anderes kümmern als um den Namen, das Reich und den Willen Gottes.
Dieser Priester! Wenn er sein Brevier betete, strahlte sein Gesicht von der inneren Freude, die er empfand beim Lesen der Stundengebete, die in der Aneinanderreihung von Hymnen, Psalmen, Perikopen der Bibel und Texten der Kirchenväter so etwas sind wie ein mehrstrophiges Gedicht. Die Messe feierte er mit einer unglaublichen inneren Beteiligung, so wie einer, der ständig im Raum der Messe lebt; am Altar war er derselbe wie im normalen Leben. (…)
Der Priester! Täglich hielt er strenge Gewissenserforschung. Er beichtete jede Woche, denn er war sich seiner Schuld und seiner persönlichen Fehler und auch der Schuld einer Gemeinschaft und deren Fehler deutlich bewusst: folglich versprach er unaufhörlich, Werke der Buße zu tun, damit sich der Sünder und zugleich Erwählte bekehrt; mit Umsicht bereitete er einen monatlichen Rückzug sowie jährliche Exerzitien vor – denn damit wollte er der Gefahr vorbeugen, auszubrennen und müde zu werden: darin gehorchte Johannes XXIII. Christus, der ihn, nachdem er ihn auf dem Berg Tabor mit Freude erfüllt hatte, aussandte, um den Menschen das Evangelium zu verkünden, die Trost und Liebe brauchen. (…)
Zu den „kleinen Leuten“ zu sprechen, Kranken und Alten zur Seite zu stehen, Gäste zu einem Fest einzuladen, das Brot in Freundschaft mit allen möglichen Menschen zu brechen, waren für ihn die schönsten Augenblicke seiner angeborenen und zugleich durch Erziehung erworbenen Neigung, mit allen zu kommunizieren und dabei andere den Reichtum seiner hervorragenden priesterlichen Sensibilität spüren zu lassen.
Wenn er in einer zauberhaften Umgebung betete – in den Bergen rund um Bergamo, den blühenden Gärten in Sofia, an den duftenden Ufern des Bosporus, auf dem Altan des Patriarchenhauses in Venedig und dem Hügel des Vatikan – oder auch wenn er neben einem Kranken betete, in den römischen Katakomben, mit Häftlingen im runden Innenraum des Regina-Coeli-Gefängnisses oder mit den Kriegsversehrten von Don Orione, strahlte er jedes Mal so sehr, dass dieses Strahlen auch auf die Menschen überging, die ihn aus der Nähe anschauten. Diese spürten dann, dass sie im Kontakt standen mit einem, der „an das glaubte, was er las, dass er das lehrte, was er glaubte, und das praktizierte, was er lehrte“.
Der Autor war Privatsekretär von Papst Johannes XXIII. Der Text des Beitrags ist ein Auszug aus dem Nachwort des lesenswerten Buches Heiterkeit, die von Gott kommt. Johannes XXIII. – der heilige Papst. Von Marco Roncalli. Echter Verlag, Würzburg 2014, 229 Seiten, 19,80 Euro.

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