VISION 20003/2014
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Darum ist er heilig

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Am 8. Juli 1948 machte sich Karol Wojtyla mit dem Bus auf den Weg in Richtung seiner neuen Pfarrei. Irgendwann musste er aussteigen und den Rest der Reise zu Fuß beschreiten. Ein Bauer, der vorbeifuhr, fragte ihn, ob er ihn auf seinem Pferdewagen mitnehmen könne. Sobald sie die Grenzen der Pfarrei erreichten, stieg Wojtyla vom Wagen, kniete nieder und betete nach dem Vorbild des heiligen Johannes Maria Vianney, dem berühmten Pfarrer von Ars, für die Mitglieder seiner neuen Pfarrgemeinde.
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Die Gemeindemitglieder waren tief bewegt von seiner großen, ganz auf die Eucharistie ausgerichteten Frömmigkeit, die durch lange Anbetungszeiten vor dem Allerheiligsten sichtbar wurde. Wojtyla verbrachte oft die Nacht im Gebet vor dem Altar liegend, sodass er mit seinen ausgestreckten Armen das Zeichen des Kreuzes bildete. (…) Nachdem sie das Verhalten des jungen Priesters eine Zeit lang beobachtet hatte, kam die Haushälterin der Pfarrei zu dem prophetischen Fazit: „Der wird noch Bischof werden.“
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An einem Sonntagmorgen musste in der Kirche des heiligen Florian eine Gruppe von Gläubigen lange Zeit auf ihn warten, bevor er erschien, um die heilige Messe zu feiern. Er trat erst in die Kirche, als es dem Sakristan gelungen war, ihm seine Schuhe leihen zu dürfen. Am Abend zuvor hatte der junge Pfarrassistent sein einziges Paar Schuhe einem befreundeten Studenten gegeben, der dringend Schuhe benötigte.
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Eine absolute Neuheit in der Diözese war die Fürsorge, mit welcher der Erzbischof sich jungen, alleinerziehenden Müttern widmete. Einige ältere Priester miss­billigten dieses Engagement, sie sahen nicht ein, dass man Frauen helfen sollte, die sie als „sündhaft“ ansahen. (…) Wojtyla aber antwortete, dass das Hauptziel dieser Maßnahme der Schutz der unschuldigen Kinder sei (es waren rund 1.500).
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1974 fragte der Kardinal Bernarda Krzeczkowska, die Oberin der Kongregation der Schwestern der Heilige Familie von Nazareth, ob die Schwestern das Haus von jungen Müttern leiten könnten. Die Oberin teilte Wojtyla offen ihre Zweifel mit: „Was wird passieren, wenn dadurch bei den jungen Schwestern der Mutterinstinkt wachgerufen wird und sie die Kongregation verlassen?“ Wojtyla versicherte ihr: „Wir werden das riskieren, Mutter. Ich weiß, dass dies ein Anliegen Gottes ist, und Sie werden sehen, dass ihre Sorgen unbegründet sind.“ Und tatsächlich, genauso kam es…
Der Lebensschutz besaß für ihn auch während des Pontifikats oberste Priorität. Einer der Zeugen des Seligsprechungs-Prozesses erzählt, dass Johannes Paul II. ihn eines Tages während einer Diskussion zu diesem Themadurchdringend angeschaut habe, um dann in einer Geste enormer Stärke mit erhobener Hand zu sagen: „Wir müssen jede mögliche Maßnahme ergreifen, um gegen das abscheuliche Verbrechen der Abtreibung Widerstand zu leisten.“
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Schon viele Wochen vor einer Reise feierte er die heilige Messe in der Sprache des Landes, das er besuchen wollte, meist unter Teilnahme von Priestern und Schwestern aus dem zukünftigen Reiseziel. Auf diese Weise wollte er die Kultur des Volkes würdigen und die Sprache durch die Feier der Liturgie heiligen. Auf seinem Schreibtisch lagen Wörterbücher und Lehrbücher, in denen er gelegentlich nach Informationen suchte. Er sprach mit den vatikanischen Beamten des jeweiligen Landes, um seine Aussprache zu verbessern. Vor der Reise nach Mexiko feilte der Papst viele Wochen lang eine Stunde morgens an seinen Spanischkenntnissen. Als er sich auf die Reise nach Papua-Neuguinea vorbereitete, nutzte er die Hilfe von zwei Missionaren der Kongregation des Wortes Gottes, weil er unbedingt etwas Pidgin lernen wollte, um wenigstens zur Begrüßung ein paar Sätze in der Sprache der Einheimischen sprechen zu können.
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Sein Pontifikat war ein wahres Pontifikat im Zeichen des Leidens. Am Anfang stand der dramatische 13. Mai 1981, nach welchem Johannes Paul Il. 164 Tage in der Gemelli-Klinik verbringen musste, dem „Vatikan Nummer drei“, nach Petersplatz und Castel Gandolfo, wie er selbst ironisch sagte. (…)
Am Ostersonntag, dem 27. März 2005, war Papst Johannes Paul II. nicht in der Lage, die Worte des Segens Urbi et Orbi vom Fenster des Petersplatzes aus zu sprechen und beschränkte sich darauf, mit der Hand das Zeichen des Kreuzes zu machen. Während er vom Fenster weggezogen wurde, zutiefst unglücklich über seine offengelegte Schwäche, sprach er die Worte der totalen Hingabe an Gott: „Wenn ich meinen pastoralen Dienst nicht mehr ausführen kann, mit den Menschen zu sein, die heilige Messe zu feiern, dann ist es wahrscheinlich besser, dass ich sterbe“, und fügte gleich dazu: „Dein Wille geschehe, Totus Tuus.“
Am Mittwoch, dem 30. März, lehnte er sich um etwa 11 Uhr, zur Zeit der traditionellen Generalaudienz, aus dem Fenster des Apostolischen Palastes, um Tausende von Pilgern, die auf dem Petersplatz versammelt waren, zu segnen. Dies war sein letzter öffentlicher Auftritt.
Slawomir Oder
Auszüge aus Darum ist er heilig – Der wahre Johannes Paul II.: Erzählt aus der Sicht seines Postulators im Seligsprechungsprozess. Von Slawomir Oder & Saverio Gaeta, fe-medienverlag, Kißlegg 2014, 176 Seiten, 12,80 Euro

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