VISION 20003/2014
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Er hatte das Charisma des Betens

Artikel drucken Erinnerungen eines engen Mitarbeiters von Johannes Paul II.

Ab 1992 war Renato Boccardo  für die Organisation der Weltjugendtage verantwortlich und somit ein enger Mitarbeiter von Papst Johannes Paul II.. Im folgenden Interview mit dem französischen Fernsehen K-TO blickt er auf die Zusammenarbeit mit dem Papst zurück.

Waren Sie als Verantwortlicher immer in die Vorbereitungsarbeiten eingebunden?
Erzbischof Renato Boccardo: Ja, es war unsere Aufgabe, gemeinsam mit dem örtlichen Veranstalter detailliert den Ablauf des Weltjugendtages vorzubereiten. Ich erinnere mich z. B. gut an die Zeit der Vorbereitung für Paris. Wir waren etwas besorgt, wie die jungen Franzosen auf den Appell des Papstes reagieren würden. Am Anfang gab es auch kleine Probleme, aber dann im Zuge der Ereignisse war die Reaktion weit über allem, was man erwarten konnte. Man denke nur an den Abend und die Heilige Messe in Longchamps, aber auch an das Treffen auf dem Champs de Mars…

War nicht Rom so etwas wie ein Testament des Papstes. Ich jedenfalls war damals überzeugt, es würde sein letztes Weltjugendtreffen sein.
Erzbischof Boccardo: Vielleicht hat es der Papst selbst so gesehen. Ich denke, dass er nach dem Jubiläumsjahr irgendwie die Einstellung des alten Simeon übernommen hatte: „Jetzt lässt Du, Herr, Deinen Knecht … in Frieden scheiden.“ Er hatte seinen Auftrag erfüllt. Er hatte die Kirche ins 3. Jahrtausend geführt…

Kardinal Wyszynski hatte es ihm anlässlich seiner Wahl vorhergesagt…
Erzbischof Boccardo: Genau. So hatte er sein Pontifikat verstanden: Die Menschheit ins 3. Jahrtausend zu begleiten. Wie Moses, der das Volk Israel bis zum Heiligen Land geführt hatte.  Und dann sagt er: Jetzt ist meine Mission beendet. Nun hat der Liebe Gott aber dem Papst noch weitere fünf Jahre gegeben – eine Zeit allerdings mit gesundheitlichen Problemen. Nunmehr begleitete er die Kirche in einer anderen Art des Dienstes, als wir es bis dahin gewohnt waren.
Der leidende Knecht…
Erzbischof Boccardo: Er war nicht mehr der Athlet Gottes, der starke, gesunde Papst. In seinen letzten Jahren war er ein Mann der Schwäche, des Leidens. Er bedurfte rundherum der Hilfe.

War das für ihn eine große Prüfung, ein schwer zu tragendes Kreuz?
Erzbischof Boccardo: Mein Eindruck war: ja. Der Athlet Gottes, kräftig, gesund, imstande, die Menschenmassen in seinen Bann zu ziehen, befand sich jetzt schrittweise auf einem Weg der Entäußerung. Ich denke oft daran: Dieser Mann hatte seine Gesten und seine Wort zum Kennzeichen seines Wirkens gemacht. Man erinnere sich an das Mienenspiel und die Gesten, die er auf diversen Podien mit den Jugendlichen zum Besten gab. Und immer mehr hat ihm Gott die Möglichkeit genommen, sich mit Gesten und mit der Sprache zu äußern. Das war wirklich ein Kreuzweg. Man hat gesehen, dass ihm das schwergefallen ist: sich helfen lassen zu müssen, von anderen abhängig zu sein. Es gab Momente, wo man gespürt hat, dass er sehr darunter litt, nicht mehr Herr seines Leibes zu sein. Ja, er war geschwächt, krank… schon in Paris. Ich erinnere mich, dass mir ein junger Mann in Long­champs gesagt hat: „Klar, dass die Botschaft des Papstes stark war, als er noch vor Kraft und Gesundheit strotzte. Mittlerweile sieht man, dass er nicht mehr so ist wie früher – aber seine Botschaft bleibt die selbe. Jetzt habe ich begriffen: Die Botschaft ist das Wichtige, nicht die Person, die sie vermittelt.“ Das war sicher eine Erkenntnis, die der Papst im Grunde genommen der Jugend, aber auch der ganzen Kirche hatte vermitteln wollen: „Habt keine Angst, öffnet die Tore weit für Christus!“

Nach dem Jahr 2000 waren Sie dann für alle Reisen des Papstes zuständig. Aufgrund seiner Erkrankung war dies wohl besonders schwierig. Was hat Sie da besonders beeindruckt, wo es sich doch auch um eher schwierige Begegnungen gehandelt hat?
Erzbischof Boccardo: Schwierig waren diese Reisen vor allem wegen des Gesundheitszustandes des Papstes. Man musste alles so organisieren, dass es für ihn möglichst wenig anstrengend sein würde, mit wenig Ortsveränderungen. Diese Reisen, vor allem jene in die Ukraine, nach Griechenland, nach Bulgarien, also in Länder mit mehrheitlich orthodoxer Bevölkerung, waren aber auch in anderer Hinsicht nicht einfach. Die Kontakte mit Repräsentanten der orthodoxen Kirchen sind sehr heikel. Da hat mich die Sehnsucht des Papstes beeindruckt, seinen christlichen Brüdern entgegenzugehen. Er sagte immer: Selbst wenn uns nicht so geantwortet wird, wie wir es uns wünschen würden, müssen wir jeden Stillstand vermeiden. Christus hat uns dazu aufgerufen. Der Papst hat also nie gesagt: Jetzt ist Schluss, warten wir ab. Bemerkenswert auch: Wenn es zu den ersten vorbereitenden Kontakten kam, merkte man meist eine gewisse Zurückhaltung auf der anderen Seite. Aber dann, wenn der Papst eingetroffen war, beeindruckte seine Art, auf die anderen zuzugehen, seine Menschlichkeit, seine Gesprächspartner derart, dass sich deren Haltung änderte. Wenn die Katholische Kirche heute brüderliche Kontakte zu bestimmten orthodoxen Kirchen unterhält, so verdankt sie dies diesen Besuchen und der brüderlichen Haltung des Papstes.

In seinen 27 Jahren hat der Papst einen enormen Energieeinsatz an den Tag gelegt: Enzykliken, Apostolische Schreiben, 1338 Selig- und 482 Heiligsprechungen, acht Konsistorien, in denen 231 Kardinäle kreiert wurden, 104 Auslandsreisen… – man kann gar nicht die Zahl der Leute erfassen, die ihn gesehen haben, woher kam seine Energie? Ist er nie der Versuchung des Aktivismus erlegen?
Erzbischof Boccardo: Der Papst hatte ein sehr starkes und klares Bewusstsein seiner Mission, in der ganzen Welt das Evangelium zu verkünden. Eines Tages sagte er: „Ich bin Nachfolger Petri und lebe daher hier in Rom, im Zentrum der Kirche. Gleichzeitig fühle ich mich auch als Nachfolger des Paulus und daher berufen, in der ganzen Welt das Evangelium zu predigen.“ Meinem Eindruck nach bedeutete ihm der Applaus, den er fast über­all erntete, nicht wirklich viel. Man merkte das sogar: Wenn er sich mitten in einer singenden, applaudierenden Menge befand, konnte er sich ins Gebet vertiefen. Ich denke, das war das Geheimnis seiner Kraft. Die Energie, von der Sie sprachen, schöpfte er in seiner persönlichenFreundschaft mit dem Lieben Gott. Was mich am Papst stets beeindruckt hat: seine Fähigkeit, selbst mitten in unüberschaubaren Menschenansammlungen in die Gegenwart Gottes einzutreten. Als wäre er allein. Man erlebte ihn dann tief ins Gebet versunken.

Er hatte offenbar ein Charisma des Betens…
Erzbischof Boccardo: Seine Fähigkeit, Abstand von der Realität zu nehmen, war eindrucksvoll. Dadurch entfernte er sich nicht von dem Geschehen, in dem er sich jeweils befand, sondern er trat erst richtig in dieses ein. Wenn er während der Reisen betete oder die Eucharistie feierte, geschah dies jeweils für die Menschen, zu denen er gekommen war. So trug er dieses Volk, das ihn empfing und das rund um ihn feierte, vor Gott hin. Es war bewegend, das zu sehen.

Sie hatten das große Privileg, 13 Jahre lang in seiner Umgebung, also in der eines Heiligen zu leben. Was hat das für Sie bedeutet? Hat es etwas in Ihnen verändert? Wirkt es nach?
Erzbischof Boccardo: Es war eine Gnade. Ich habe sie nicht verdient. Gott hat mir geschenkt, neben einer solchen Persönlichkeit zu leben. Das war klarerweise eine Schule. Vor allem, wie schon gesagt, was das Beten betrifft. Ich würde gern ebenso beten – aber es ist schwer. Und dann seine Leidenschaft für die Kirche und das Evangelium. Er konnte einfach nicht nein sagen. Im vorletzten Jahr seines Lebens, als er noch einmal nach Mexiko, nach Guatemala aufbrach, haben die Ärzte gemeint, das würde  nicht gehen, es sei zu viel Anstrengung. Auch seine nächsten Mitarbeiter waren dieser Ansicht. Der Papst hat sich das angehört, den Kopf aufgestützt und festgestellt: „Wird schon gehen, wird schon gehen…“ Er hat nie nein gesagt. Welche Großzügigkeit! Er gehörte nicht mehr sich selbst, sondern der Kirche. Auch das war mir eine Lehre.
Und noch etwas: Er hat uns zwar verlassen, aber er ist immer noch gegenwärtig. Ich bitte ihn um Fürsprache. Als ich noch neben ihm stand, habe ich mit ihm gesprochen – und das tue ich weiterhin.

In Ihrem Buch schreiben Sie, er habe die Kirche in einem anderen Zustand hinterlassen als in jenem, in dem sie sich zu Beginn seines Pontifikats befand. Sie beschreiben die ursprüngliche Lage so: ein deutscher Theologe leugnete die Auferstehung Christi, in den USA richtete man die Blicke eher nach Woodstock als nach Galiläa, in Lateinamerika geriet man sich wegen der Befreiungstheologie in die Haare, in Frankreich forderten die Einen im Gefolge des 2. Vaticanums neue Abmachungen mit dem Himmel, die Anderen folgten einem Bischof, der jede geringste Erneuerung als Revolution bezeichnete…
Erzbischof Boccardo: Ja, am Ende seines Pontifikats hatte sich die Kirche gewandelt, die Welt auch übrigens. Johannes Paul II. hat diesen Wandel begleitet, indem er der Kirche ihr Selbstbewusstsein, wiedergegeben hat, ihren Stolz darauf, dass sie es ist, die Christi Botschaft zu verkünden hat: „Fürchtet euch nicht!“ Wohin immer er in der Welt kam, sagte er den Leuten: Ihr seid wichtig, weil ihr Jünger Christi seid. Ihr habt eine wichtige Aufgabe in der Welt von heute. Damit hat er das Vertrauen der Gläubigen gestärkt und in ihnen das Bewusstsein geweckt: Ihr seid in der Welt und teilt deren Leben, aber ihr habt dieser Welt etwas Wichtiges zu überbringen. Diese Veränderung, die er auch durch sein persönliches Zeugnis bewirkt hat, ist das große Geschenk, das er der Kirche bis heute hinterlassen hat.
Das Interview hat Hubert de Torcy für den französischen Fernsehsender KTO (gesendet am 14.4.14) geführt.
http://www.ktotv.com/videos-chretiennes/emissions/nouveautes/un-coeur-qui-ecoute-mgr-renato-boccardo/00083985

Zur Person des Erzbischofs: Nach mehreren Stationen im Diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls wird Renato Boccardo 1992 mit der Aufgabe betraut, die Weltjugendtage zu organisieren. Damit wird er zu einem der engen Mitarbeiter von Papst Johannes Paul II., den er auch auf zahlreichen Auslandsreisen begleitet hat. Seit 2009 ist er Erzbischof von Spoleto-Nurcia. Er hat kürzlich das Buch Dans l’intimité de Jean-Paul II, (Ed. des Béatitudes, 160 Seiten, 16 Euro) veröffentlicht

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