VISION 20003/2014
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Begegnungen mit einem Heiligen

Artikel drucken Alexa und Nicole Gaspari bei der Papst­audienz 1982

Gottes Zärtlichkeit
Dieser Papst, ein Mystiker, der sechs Stunden täglich betet, hat eine erstaunliche Fähigkeit, das Umfeld auszublenden. An diesem Abend bleibt er vor jedem der 200 vom Leben Verletzten, die das Kirchenschiff füllen, stehen. Mit leichter Hand weißes Haar streichelnd. Über das blaue Bett eines jungen Behinderten gebeugt. Die Wange eines kleinen Autisten streichelnd. Eine junge, in Tränen aufgelöste Afrikanerin „ohne Papiere“ mit einem roten um den Kopf gewundenen Tuch umarmend.
Krebskranke, Blinde, Aids-Kranke, Arbeitslose, Homosexuelle, Sträflinge, Zigeuner sind da. Man hört weder Forderungen noch Klagen. Bewegend war diese intime Begegnung durch ihr geheimnisvolles, fast verstohlenes Gegenüber von Angesicht zu Angesicht. Einigen verschlug es die Rede. Andere frohlockten: „Großartig!“, „Unvergesslich!“ Philippe, 22 Jahre alt, an Beinen und Armen amputiert… Und Anne-Marie tief in ihrem Sitz ohne Arme und Beine: „Das Leben ist unendlich wertvoll. Ich bat den Papst, das immer wieder zu verkünden, gebeten oder ungebeten!“ Durch ihre Reihen schreitend hat er allen von der Zärtlichkeit Gottes erzählt.
 Henri Tincq
Begegnung mit Kranken und Rand­existenzen in der Kathedrale von Tours, Le monde v. 24.9.96

Ein Vatererlebnis
Liebevoll, interessiert und aufmerksam trotz des Trubels rundherum vermittelte er den Eindruck, niemand sei jetzt wichtiger als sein Gesprächspartner: So habe ich Johannes Paul II. in Erinnerung.
Jänner 1982, einen Tag vor meinem Geburtstag und einen Monat nach dem Tod meines Vaters: Wir, meine Mutter, ihr Bruder mit Frau, meine Tochter Nicole, mein Bruder mit Frau und schließlich ich, stehen in der ersten Reihe bei der Generalaudienz. Wird der Papst zu uns her­überkommen? Ich erinnere mich an die ungeheure Anspannung und freudige Erwartung. Und dann kam er auf uns zu entspannt und lächelnd. Meine Mutter, die erste in der Reihe erklärte dem Papst, wen sie da mitgebracht hatte. Das kann er sich unmöglich merken, dachte ich bei mir. Doch als er mit jedem von uns sprach, fügte er jeweils hinzu: „Sie sind also die Tochter, der Sohn, du bist die Enkelin…“ Nicht zu glauben: Er hatte sich alles gemerkt, jeden persönlich angesprochen.
Welchen Eindruck er bei der damals 12-jährigen Nicole hinterließ? Sie sei damals mehr an italienischen Schuhen als am polnischen Papst interessiert gewesen, erzählte sie mir kürzlich. Es sei nicht ihre „heiligste Zeit“ gewesen. Daher hatte sie sich wenig von der Begegnung erwartet. Rückblickend sei ihr zwar nicht der Inhalt des Gesprächs über die Schule in Erinnerung. Fasziniert habe sie die unglaublich anziehende Ausstrahlung des Papstes. Er habe sie sofort ganz in seinen Bann gezogen. Sie könne sich nicht erinnern, je wieder einen Menschen mit so faszinierender, starker Ausstrahlung getroffen zu haben.
Als sich der Papst dann mir zuwandte und mich ansprach, war das ein ungemein bewegender Moment. Völlig mir zugewandt und konzentriert hörte er meiner etwas verwirrenden Geschichte über den Glaubenskurs, bei dem ich gerade als Mitarbeiterin mitgewirkt hatte, zu. Dessen Teilnehmern hatte ich versprochen, sie alle dem Papst ans Herz zu legen. Interessiert fragte er mich nach dem Kurs und segnete die Teilnehmerliste, die ich in Händen hielt. Ohne sagen zu können wieso: Diese kurze Begegnung war für mich ein tröstendes, liebevolles Vatererlebnis.
Alexa Gaspari

Ein Kuss auf die Wunde
Es war im Anschluss an eine öffentliche Audienz auf dem Petersplatz in Rom. An diesem Tag befand sich mitten unter den Botschaftern eine kleine schwarz gekleidete Frau, eine Süditalienerin, die in ihren Armen ein kleines Mädchen von zwei oder drei Jahren trug. Das Gesicht des Kindes war von einem Krebsgeschwür zerfressen, schrecklich anzuschauen.
Der Papst kommt also zu der Frau und dem Kind: „Was hat denn dieses Kind?“, fragt er. Die arme Frau darauf: „Heiliger Vater, man sagt, es sei Krebs. Wissen Sie, zuerst war es ein kleiner Punkt. Dann ist er gewachsen…“ „Und waren Sie beim Arzt?“ „Wir haben kein Geld, wir sind arm.“ Und der Papst: „Woher kommen Sie?“ „Aus Neapel.“ „Wir haben dort Freunde, Professoren,“ sagt der Papst und dreht sich zu seiner Begleitung: „Notieren Sie, Monsignore!“
Er blickt das Kind mit leuchtenden Augen an. Und dann geschah etwas, woran ich mich mein Leben lang erinnern werde. Wir hatten die Gnade zu verstehen, was in ihm vorging: „Ich muss mehr machen!“ Und so tat er einen Schritt nach vorne, hat das Kind in die Arme genommen und es genau auf seine schreckliche Wunde geküsst. Dann hat er das Kind seiner Mutter zurückgegeben und den Kopf gewendet. Er hatte Tränen in den Augen…

Jean Claude Darrigaud
„Il est vivant!“ Nr. 68

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