VISION 20004/2014
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Die Großeltern: ihr wichtiges Zeugnis

Artikel drucken Für viele ein lebenslanger Denkanstoß (Caroline Wallet & Bénédicte Drouin)

Heute, da viele Müt­ter berufs­tätig sind, verbringen Kinder oft viel Zeit mit den Groß­eltern. Es ergeben sich Gesprä­che, Möglichkeiten für wegweisende Antworten – und für ein Zeugnis, wie Leben aus dem Glauben aussehen könnte. Anregungen, wie man diese Zeit nutzen kann.


Wer den Glauben weitergeben will, muss der nachkommenden Generation ihre Identität lassen. Yvonne Castellan, Honorarprofessorin für klinische Psychologie, spezialisiert auf Familienfragen, wirft die Frage auf: „Muss die älteste Generation deswegen die Werte, die ihr ganzes Leben geprägt haben, verstecken oder gar verleugnen, wenn dies den Vorstellungen des jungen Haushaltes nicht ganz entspricht?
Keineswegs. Sie rät daher den Großeltern: „Seien sie wohlwollend, aber bleiben Sie authentisch, ansprechbar und großzügig, ohne jedoch das fallen zu lassen, von dem Sie spüren, es ist das Entscheidende an Ihnen. Damit erweisen Sie den anderen den größten Dienst und werden bei ihnen beliebt sein. Letztendlich werden die Jugendlichen viel von dem verinnerlichen, was Sie ausstrahlen, was Ihr Bild in ihnen geprägt hat.“ Seinen Glauben zu zeigen, zu leben, ihn zu vertreten, bedeutet keineswegs, ihn aufzudrängen. „Christliche Großeltern müssen wahre Zeugen sein und nur ja nicht Zwangsbeglücker,“ stellt Jean Villeminot, Diakon, Vater und Großvater fest. (…)
Schon allein die Teilnahme am Leben der Kirche ist innerhalb der Familie ein Zeugnis. Domi­nique und Edmund leben am Land. Ihre Pfarre umfasst sieben Dörfer. Der Pfarrer wird demnächst in Pension gehen. Ihre Enkel registrieren das Engagement des Großvaters sehr wohl, wenn er während der Messe aufsteht, um die Lesung vorzutragen oder die Kommunion auszuteilen. Und sie haben die Großmutter begleitet, als sie die Kinder ihrer Katechismus-Gruppe einzeln mit dem Auto holen gefahren ist. (…)
Für André Fossion, Mitautor von Dire Dieu à ses petits-enfants (Seinen Enkeln von Gott erzählen) bedeutet, „seinen Glauben vor den Kindern zu bekennen: nicht etwa den Blick auf sich selber zu richten, sondern mit dem Finger auf den „Anderen“ und die anderen zu zeigen: auf Christus und die Gemeinschaft, die an Ihn glaubt.“ (…)
Warmherzige und zärtliche Beziehungen zu den Enkeln herzustellen, ist eine Grundvoraussetzung. „Wenn wir unsere Enkelkinder so lieben, wie sie nun einmal sind, und nicht erwarten, dass sie so seien, wie wir das gerne hätten, so ergeben sich gute Beziehungen zu ihnen. Es stellt sich ein Klima der Freude, der Wahrheit und des Friedens ein. Dann wird auch das ankommen, was wir ihnen vermitteln wollen,“ versichert Marie-Catherine Montagner, verantwortlich für die Katechese einer Gruppe von Großeltern in der Diözese Paris.
Luc und Eliane haben das Glück, in der Nähe ihrer Enkelkinder zu wohnen. Das ermöglicht es ihnen, mit ihnen Mittag zu essen. „Die schon lange bestehende Gewohnheit, über Alltägliches zu reden, erleichtert es, auch über wesentliche Fragen zu sprechen. Es kommt oft vor, dass unsere Enkelinnen uns nach unserer Meinung über Filme oder ein Buch fragen.“
Auch wenn Zärtlichkeit und Zuneigung den Ton angeben, so kann es den Alten dennoch so vorkommen, als würden das Leben, die Werte und Prioritäten der Jungen eine Welt für sich sein. Daher kommt es darauf an, sich so gut wie möglich mit dem auseinanderzusetzen, was heute läuft, um besser zu verstehen, was die Jugend antreibt, um sie begleiten zu können.
„Im Leben wird man zu dem, was die anderen aufgrund des Vertrauens, das sie uns schenken, zugelassen haben,“ erklärt André Fossion. „Dieser Grundsatz ist auch im Bereich des Glaubens gültig. Das Vertrauen, das wir unseren Enkeln entgegenbringen, ist das geeignete Umfeld für die Glaubensvermittlung.“
Obwohl der Glaube immer Frucht der Gnade und der freien Entscheidung ist, so kommt dennoch dem Gebet der Großeltern ein besonderer Stellenwert zu. Catherine und François, Mitglieder der Équipes Notre-Dame, beten jeden Morgen gemeinsam und vertrauen Gott ihre Kinder und Enkel an. Gaetan, ein Vierjähriger, pflanzt sich einmal vor ihnen auf: „Sag, Oma,“ fragt er, „betet Ihr auch für das Baby in Mamas Bauch?“ (…)
„Die Hoffnung ist jene göttliche Tugend, die Großeltern kultivieren müssen,“ stellt Jean Villeminot fest. Dabei ist es nicht leicht, ohne Bedauern und Sorgen die Zeit verrinnen und die Kinder eigene Wege einschlagen zu sehen. Wenn große Sorgen aufkommen, alles verfahren erscheint, ist es nicht einfach, zuversichtlich zu bleiben. „Ich hüte mich vor negativen Äußerungen wie: , zu meiner Zeit…’ oder ,alles geht den Bach hinunter…’ Das ist Ausdruck einer übertriebenen Verklärung der Vergangenheit, eine Mischung aus Groll und Angst. Und dabei ist der Heilige Geist auch heute am Werk in unserem Leben und in jenem unserer Zeitgenossen.“
Dieser Diakon predigt oft vor Familien. Er rät Eltern und Großeltern die Geheimnisse des freudenreichen Rosenkranzes zu meditieren, vor allem die beiden letzten. „Maria und Joseph haben ihr Kind Gott dargebracht. Gleiches müssen wir mit unseren Kindern und Enkeln tun. Jesus verlässt Seine Eltern – wir müssen unsere Kinder loslassen. Und obwohl Joseph und Maria Ihn wiederfinden, müssen sie dennoch den von Ihm eingeschlagenen Lebensweg akzeptieren, auch wenn sie dies nicht zwangsläufig verstehen.“

Auszug aus Famille Chrétienne v. 31.7.-6.8.06

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