VISION 20004/2014
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Sollen Christen in die Politik?

Artikel drucken Erfahrungen mit der EU-Wahlkandidatur (Christa Meves)

Kann, muss, oder soll – ein Christ politisch sein? Oder besser gefragt: Darf er, wenn ihm eine politische Partei ein Amt anbietet, dieses überhaupt annehmen? Überschreitet er da nicht eine Grenze, vor allem, wenn er in kirchlichem Rahmen ein Ehrenamt bekleidet?

Der Beantwortung dieser Frage habe ich mich in meiner langjährigen Öffentlichkeitsarbeit einige Male sehr abrupt stellen müssen. Es handelte sich dabei meist um höchst ehrenvolle Verlockungen. Aber sie lösten in mir keinen Konflikt aus. Ich sagte sofort „nein“; denn ohne die Frage überhaupt ventiliert zu haben, wusste ich: Politiker in einem Parteiapparat zu sein, ist nicht meine Aufgabe und entspricht auch nicht meiner Begabung.
Und doch blieb mir Nachdenken darüber nicht erspart – allerdings erst am Rand des Grabes: In meinem 90. Lebensjahr! In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Lage um das christliche Abendland zugespitzt. In den Verträgen der EU kommt in den Präambeln der Gottesbezug nicht mehr vor! Der Sündenfall der Abtreibung – von den Krankenkassen bezahlt – hat milliardenfaches Boomen ausgelöst, Gewalt eskaliert, die Schulkinder werden so unruhig, dass viele Lehrer wegen Burnout den vorzeitigen Ruhestand beantragen, ganze Heere von Arbeitslosen entstehen dadurch, dass immer mehr Menschen so krank oder schwach sind, dass sie für Weiterbildung untauglich und für Einstellungen in Betrieben nicht vermittelbar sind.
Aber am schlimmsten nun: Der Rauch Satans ist jetzt auch in die Schule eingedrungen und erlaubt es Lehrern, die Kinder zum Sex anzuleiten, und zwar in aller neumodischen „Vielfalt“ zu verabsolutiertem Sex bis zu Pornografie! Rien ne va plus!
Müssen wir uns nun einfach geschlagen geben und dem Riesen Goliath die Kehle hinhalten? Gab es das nicht einst, dass drei Männer, die den Götzen ihres Königs trotzten und ihre Knie vor dem falschen Gott nicht beugten? Und wäre denn Wegschauen angesichts ähnlicher Situationen heute für den Christen nicht Verrat von der gleichen Art? Wissen die Politiker heute, dass sie ihre Heimat, das Christentum, zum Ausverkauf anbieten? Oder sind sie einfach ignorant? Wie lange kann unser Gott die allgemeine Verrohung der Menschen, besonders der Kinder, ertragen?
Im Mai stand die Wahl zum Europaparlament an. Die Parteien stellten sich auf und gaben ihre Versprechungen bekannt. Es gab unter den 25 deutschen angetretenen Parteien keine, die es zu ihrer Hauptsache machen wollte, die Missstände in Bezug auf den aus dem Ruder gelaufenen Sex zu ihrem Thema zu machen. Aber bei genauem Hinsehen waren es doch nicht alle. Mehrere Kleinparteien verhielten sich in dieser Hinsicht tapfer. „Partei für Christen“ bezeichnet sich eine ganz unverblümt. „AUF“ nennt sie sich mit zugkräftigem Namen.
Aufstehen – in der Tat – das ist gefragt! Die Namensbuchstaben dieser Partei bedeuten: Arbeit, Umwelt, Familie. Gewiss, dafür setze ich mich vom Fach, von der Psychotherapie, her seit fast 50 Jahren ein! Ist das nicht ein Ansatz, der mit seinem Tenor einem Rettungsprogramm entspricht?
Ich war dabei, mich ins Parteiprogramm zu vertiefen, als mich der Ruf traf, mich dort als Kandidatin aufstellen zu lassen. „Ja“, sagte ich. Auch Maria sagte „JA“, obgleich vor allem Steinigung zu erwarten war – ging es mir durch den Kopf.
Ja, dann eben Steinigung. Bei den Demonstrationen in Stuttgart wurden die Mütter, die dort für ihre Kinder auf die Straße gingen, mit Kotballen beworfen, die in zerrissenen Bibelseiten eingewickelt waren… Auch ich hatte bei Vorträgen im vergangenen Jahr bereits üble Störungen auszuhalten gehabt.
Es ist hierzulande eben keine leichte Entscheidung, mit christlichen Einstellungen zum Zeitgeist Öffentlichkeitsarbeit betreiben zu wollen. Wer das tut, muss vor allem im Internet mit Diffamierungen rechnen, die über kurz oder lang die Existenz gefährden. Denn welcher Arbeitgeber mag schon das Risiko eingehen, Bewerber mit zweifelhaftem Ruf zu beschäftigen? Ja, wer holt solche umstrittenen Leute dann gar noch zu Vorträgen?
Was für ein probates, top-erfolgreiches Mittel, die Bevölkerung – ja, selbst die kompetentesten Informanten bei strittigen gesellschaftlichen Fragen – zum Schweigen zu bringen! Das war also klar: Für die Partei der Christen zu werben, würde für jemanden wie mich neue Verunglimpfung bedeuten, aber das war – so schien es mir – besser, als zu der bedrängten gesellschaftlichen Lage in Europa zu schweigen und den Kopf einzuziehen. Solche Redner „platt“ zu machen, wird im Internet schließlich allgemein vollmundig anempfohlen.
Nun also Wahlkampf: Vortrag auf Vortrag, Pressekonferenz, Interviews, vermehrtes Gegrummel im Internet…
Ja, doch dann war das Schilfmeer plötzlich weg! Meine beiden Mitstreiter und ich liefen trockenen Fußes von Stadt zu Stadt. Keine Hand erhob sich zum Stein! Über­all volle Säle mit freudig empfangsbereiten, ernst aufgeschlossenen Zuhörern. Unbehelligt durchpflügten wir die Länder! Die Stimmen für die AUF- Christen schwollen an!
Und dann verschonte mich der Herr auch noch damit, in Brüssel und Straßburg in Funktion treten zu müssen. Segen und Wirkkraft über Segen! Deo gratias!


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