VISION 20003/2015
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Attraktiv, was die Kirche lehrt – nur leider fast unbekannt

Artikel drucken Über den Widerstreit in Sachen Sexualität, Ehe und Familie (Christof Gaspari)

Die Themen Sexualität, Ehe und Familie stehen seit Jahrzehnten im Zentrum medialer Debatten. Die Kirche hat sich dieser Dis­kussion gestellt und in vielen Dokumenten (Humanae Vitae, Familiaris Consortio, Evangelium Vitae…) klar Position bezo­gen. Und dennoch nehmen die Bemühungen, diese Position aufzuweichen nicht ab – vor allem auch innerkirchlich.

Verwunderlich ist dies nicht. Denn weltweit wird eine Politik des Umbaus der überkommenen Gesellschaftsordnung betrieben. Das ist den meisten von uns gar nicht bewusst. Nie war diese Neuausrichtung auch jemals Thema eines Wahlkampfes. Sie etablierte sich im Gefolge der sexuellen Revolution ab den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und hat seither das Zusammenleben der Menschen massiv verändert.
Von Philosophen wie Jean Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Herbert Marcuse, Max Horkheimer u. a. vorausgedacht, von Sexologen wie Wilhelm Reich, Alfred Kinsey, John Money u.a. mit „wissenschaftlicher“ Aura umgeben, von diversen Lobbys international gepusht, von den Medien seit Jahrzehnten lustvoll ausgewalzt und g’schmackig gemacht, wird dieses Konzept mehr und mehr durch Gesetze und politische Maßnahmen verordnet.
In ihrem Buch Die globale sexuelle Revolution beschreibt Gabriele Kuby treffend, was uns da angepriesen wird: „Im Namen der Freiheit wurden neue ,Rechte’ proklamiert und propagiert, um die kulturellen und religiösen Traditionen zu untergraben: das Recht auf freie Liebe, das Recht auf Verhütung, das Recht auf Abtreibung (,Mein Bauch gehört mir’), das Recht auf künstliche Befruchtung, das Recht auf die freie Wahl der sexuellen Orientierung, …“ Ergänzt sei diese Liste durch ein Recht, das derzeit stark gepusht wird: das Recht auf freie Verfügung über den eigenen Tod.
Damit Sie, liebe Leser, nicht den Eindruck haben, ich male hier schwarz, seien einige Meldungen allein aus den ersten Monaten dieses Jahres in Erinnerung gerufen: In Deutschland darf die „Pille danach“ seit neu­es­tem rezeptfrei abgegeben werden, quasi zur Abtreibung in den eigenen vier Wänden; das britische Oberhaus gab grünes Licht für das „Basteln“ von Kindern aus der Erbmasse von zwei Frauen und einem Mann; das Europaparlament hat mit Zwei-Drittel-Mehrheit ein Menschenrecht auf Abtreibung beschlossen; Österreichs Ethik-Kommission hat sich für die Straflosigkeit der Beihilfe zum Selbstmord ausgesprochen; der Entwurf eines Grundsatz-Erlasses sieht vor, dass in Österreich eine liberale Sexualerziehung ab der Grundschule vermittelt werden soll.
In der täglichen Nachrichtenflut tritt dieser Umbau nicht deutlich ins Bewusstsein der Menschen. Aber er wird konsequent vorangetrieben. Und ihm stellt sich genau genommen nur eine große, weltweit vertretene Gemeinschaft entgegen: die Katholische Kirche. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sie eine umfassende, in der Schöpfungsordnung begründete Lehre von Ehe und Familie entwickelt, die man durchaus als Höhepunkt bisheriger lehramtlicher Aussagen zu diesem Thema bezeichnen kann.
Das Fundament dieses Leitbildes ist die gottgewollte Polarität von Mann und Frau, die beide aufeinander zugeordnet sind, um in der Ehe, also in unverbrüchlicher und fruchtbarer Einheit, das Wesen des Dreifaltigen Gottes in der Schöpfung aufleuchten zu lassen.
Damit macht sich die Kirche für folgende Anliegen stark: für die Unauflöslichkeit der Ehe; für das unaufgebbare Recht jedes Menschen auf Leben ab dem Moment der Zeugung; für die Ehe als einzigen Ort, in dem sexuelle Beziehungen wirklich erfüllt gelebt werden können; für die Ehe als Einrichtung, die nur von einem Mann und einer Frau eingegangen werden kann; für die eheliche Umarmung als einzig angemessenen Ort der Zeugung; für die Freude an Kindern.
Sie merken schon, liebe Leser, den Widerspruch zu den oben angeführten „neuen Rechten“. Diese Positionierung der Kirche muss zum Ärgernis für den Zeitgeist werden. Die Befürworter einer neuen Gesellschaftsordnung müssen daher alles daran setzen, dieses Bollwerk Kirche sturmreif zu schießen – und sei es durch eine Theologie, die all diese Positionen infrage stellt: als unbarmherzig, dem „Geist des Konzils“ widersprechend, als unlebbar unter heutigen Bedingungen und unhaltbar aus wissenschaftlicher Erkenntnis.
Dass sich auch Bischöfe finden, die sich gegen die Lehre der Kirche stellen oder meinen, sie sei zwar richtig, aber praktisch nicht umzusetzen, ist kein spezifisches Merkmal der jetzigen Krise. Ähnliche Konfrontationen begleiten die ganze Kirchengeschichte.
Daher ist auch im Vorfeld der kommenden Bischofssynode Zuversicht angebracht: Der Heilige Geist, den der Herr Seiner Kirche zugesagt hat, wird sie durch den Petrus-Dienst in der Wahrheit halten – wie Er dies auch schon in den letzten 2.000 Jahren getan hat. Gerade die Auseinandersetzungen im Vorfeld und während der Bischofssynode im Vorjahr sowie die Reflexionen seither sind Vorzeichen dafür. Sie haben eine Fülle von Publikationen ausgelöst, welche die Schönheit und Lebensträchtigkeit der Lehre zu Ehe und Familie neu aufleuchten lassen.
Das ist ja das große Manko bisher: Kaum jemand weiß, was die Kirche wirklich lehrt! Wer hat denn schon die viel gescholtenen Enzykliken gelesen? Wann haben Sie, liebe Leser, zuletzt eine erhellende Predigt zu den einschlägigen Themen gehört? An welchen theologischen Lehrkanzeln, in welchen kirchlichen Akademien wird Keuschheit als attraktives Lebensmodell für Menschen unserer Tage vorgetragen, die Natürliche Empfängnisregelung als bestens geeignet für verantwortete Elternschaft empfohlen, die lebenslange Ehe als einmaliger Weg der persönlichen Entfaltung dargestellt, die Mutterschaft als erfüllendes Lebensmodell für die Frau vor Augen geführt?
Wenn die Kirche einer Erneuerung bedarf, dann nicht in Form von Anpassung an die Praktiken in der Welt von heute – sie haben sich längst als Irrweg erwiesen –, sondern durch eine Verkündigung, die klar, verständlich, zeitgemäß und attraktiv darstellt, was die Kirche zu sagen hat – besonders, was die Mann-Frau-Beziehung betrifft. Wir müssen über die Schönheit der Unauflöslichkeit von Beziehungen reden. Gerade in Zeiten des raschen Wandels, des Rufs nach Flexibilität und Mobilität braucht der Mensch zu seiner Entfaltung einen Fixpunkt im Leben: die Geborgenheit in tragfähigen Beziehungen.  Dazu Kardinal Raymond Burke: „Ich sage den Menschen immer: Die Unauflöslichkeit ist kein Fluch, sondern der große Segen einer ehelichen Beziehung. Das ist es, was die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau schön macht: dass sie treu, fruchtbar und unauflöslich ist. Nur hat man heute beinahe den Eindruck, die Kirche schäme sich dieses wunderbaren Schatzes, den wir in der von Gott gestifteten Ehe zwischen Mann und Frau haben.“
Dass Ehe kein „weltlich Ding“, keine Vereinbarung zwischen Verliebten ist, sondern ein Akt, in dem der lebendige Gott eine entscheidende Rolle spielt, muss sich endlich wieder herumsprechen: Denn wenn Christen eine Ehe schließen, muss ihnen klar sein: Sie können konkret mit der Hilfe und dem Wirken Gottes in ihrem Alltag rechnen. Sie lassen sich nicht unüberlegt auf ein riskantes Abenteuer ein, überschätzen sich nicht als besonders edle Charaktere, die einer bewährten Ideologie folgen. Nein, sie lassen sich auf eine Beziehung zu dritt ein, die deswegen tragfähig ist, weil der allmächtige Gott den beiden in Zeiten der Not und Bedrängnis Zuflucht geben und sie wieder stärken wird.
Das ist die Botschaft, die wir von der Synode erwarten dürfen: In Fragen von Ehe und Familie geht es für die Christen nicht um das Befolgen von beinharten, lebensfremden Geboten, nicht um ein unerreichbares Eheideal, nicht um eine weltfremde Morallehre, sondern um ein erfülltes Leben aus dem Glauben an Jesus Christus.
Das zu bezeugen, ist die große Herausforderung, vor der die christlichen Familien stehen. Sie sind nämlich die Säulen beim Aufbau einer Gegenkultur zu unserer dekadenten Welt, in der  nämlich erfahrbar werden muss, dass Gott gegenwärtig ist, dass Er wirkt, dass Er ein Zusammenleben ermöglicht, welches die meisten Menschen ja auch heute noch ersehen, aber vielfach als unerreichbar ansehen.
Christliche Familien haben also die schöne Aufgabe, Zeichen des Widerspruchs zu sein, die aber auch die Hoffnung vermitteln, dass es eine Alternative gibt zum gängigen Lebensstil, den die meisten Menschen ja ohnedies belastend finden, von dem sie aber meinen, man könne ihm nicht entkommen.
Am Aufbau dieser Gegenkultur kann jeder mitwirken, der sich bemüht, in seiner eigenen Familie aus dem Glauben zu leben. Diese Erneuerung muss nicht als großartiges Projekt hinausposaunt werden, sie findet einfach überall dort statt, wo christliche Familien ihrer Umgebung erfahrbar machen: Gott ist unter uns gegenwärtig; wenn wir fallen, hebt Er uns auf; wir gehen miteinander durch Dick und Dünn, denn jeder einzelne ist für uns wertvoll. Es gibt also eine Alternative zum heute gängigen Modell der Wegwerf-Beziehung.
Uns zu ermutigen, diesen Weg zu gehen, ist die eigentliche Herausforderung der Synode.



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