VISION 20002/2017
« zum Inhalt Schwerpunkt

Liebst du mich?

Artikel drucken Und Jesus fragte ihn: (Von P. Darius Lebok OFM)

Jemand kann theologisch bewandert sein, regelmäßig sonntags in die Kirche gehen, zu Drei-König die Sternsinger begleiten – den Durchbruch zu einem erfüllenden, fruchtbaren Glauben schenkt aber erst die positive Antwort auf Jesu Frage: Liebst du mich?


Es war früher Morgen. Nach der durchschufteten Nacht durchnässt und ein wenig überrascht stand Petrus am Ufer des Sees von Tiberias. Es war ziemlich unwirklich. Zuerst sah Petrus einen Mann am Strand stehen. Er wunderte sich ein wenig, wer in dieser Stunde zum Spazieren hinausgehen würde. Dann geschah noch etwas – der Fremde gab Petrus Anweisungen.
Langsam kamen Erinnerungen hoch. Galiläa, Jerusalem, Golgota… Jesus, der nach dem Tod lebendig den Jüngern erschienen war… Ist das Jesus, da am Ufer?
Als das schwere Netz ans Land gezogen war, stand der Fremde schon am Feuer und machte das Frühstück. Es war Jesus. Mit vollem Bauch, immer noch müde von der Arbeit, saß Petrus mit Jesus am Strand. Und dann kam diese unmögliche Frage: Petrus, liebst du mich?
*
Es ist für mich eine der wichtigsten Geschichten, die in der Bibel überliefert wurden. Man muss sich das vorstellen… Ziemlich unwirklich… und doch so unfassbar real!
Ich habe mich lange gefragt, worum es hier wirklich geht. Der erste wichtige Hinweis ist, dass diese Erzählung der Abschluss der Evangelien ist. Hier endet etwas; hier beginnt etwas Neues. Warum ist das so wichtig? Aus einem einfachen Grund. Bis zu dieser Begegnung mit Jesus ist Petrus nur ein Jünger gewesen. Danach ist er Hirte geworden. Wie ist das passiert?
Es muss für Petrus eine bittere Frage gewesen sein. Nach all dem, was er und die anderen durchgemacht haben, fragt ihn Jesus, ob Petrus Ihn liebe… Das muss echt weh getan haben!
Um diese Frage zu verstehen, ist es wichtig zu sehen, zu wem Jesus eigentlich kommt. Der Herr kommt zu Petrus – dem ersten unter den Jüngern, demjenigen, der das Leiden und die Auferstehung Jesu aus nächster Nähe erlebt hat. Nach diesen weltverändernden Ereignissen tut Petrus etwas unglaublich Merkwürdiges – er fischt!
Was für eine Enttäuschung! Petrus, der Erste der Apostel, verkündet nicht das Evangelium, sondern tut, was er schon immer getan hat – er fängt Fische. Eigentlich müsste es anders sein. Jesus erlöst die Menschen, und dann gehen die Jünger hinaus und verkünden diese tolle Nachricht den Juden und allen anderen Menschen! So sollte es ablaufen und nicht anders. Die Jünger sollten in Jesu Namen Wunder tun. Was Petrus tut, ist echt unverständlich – er fischt. Hätte er dabei Erfolg gehabt, könnte ich es noch verstehen. Aber nicht einmal das ist das Los Petri. Er geht beim Fischen leer aus – wie immer… Erst auf das Wort Jesu füllen sich die Netze.
Das ist der Schlüssel, um das Gespräch Jesu mit Petrus zu verstehen. Gott lädt jeden von uns in die Nachfolge ein – ohne irgendwelche Unterschiede zu machen. Und viele folgen Jesus begeistert nach. Es ist schon toll, die Nähe Gottes zu erfahren und aus dieser Nähe heraus zu wirken. Das ist auch eine Eigenschaft, die Petrus ausmacht – er ist offen für die Einladung Jesu, sein Jünger zu sein.
Petrus zeichnet noch etwas anderes aus – etwas, das Westeuropäer meistens nicht verstehen können. Er will der Erste sein – er will der Beste sein – er will Jesus gefallen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele Christen heute sehr zurückhaltend geworden sind, wenn es darum geht, die Gunst des Herrn zu suchen. Man geht in aller Demut und Verborgenheit in die Kirche, engagiert sich in der Wohlfahrt und versucht, hier oder dort das Evangelium ein bisschen zu verkünden. Ein bisschen…
Der Mann vom See Tiberias ist anders gestrickt. Er ist immer der Erste gewesen! Als einziger hat er Jesu Leben in Getsemani retten wollen. Er ist der Erste gewesen, der die Botschaft von der Auferstehung Jesu geglaubt hat – er ist auf das Wort einiger Frauen zum streng bewachten Grab geeilt – und hat geglaubt. Er hat so viel mit Jesus durchgemacht.
Wenn ich das Neue Testament lese, fällt es mir wirklich auf, wie unglaublich Petrus war. Er war immer dabei, wenn etwas Wichtiges passierte. Mir ist schon klar, dass das mit Jesus zusammenhängt. Der Herr hat die Jünger dazu erwählt, dass sie die Wahrheit Gottes erkennen. Aber Petrus wäre nicht dabei gewesen, wenn er nicht jedes Mal versucht hätte, Jesus nahe zu sein. Nicht ohne Grund wird er der Erste unter den Aposteln genannt – er hat Autorität und zwar eine, die von Gott selber kommt. Deswegen folgt er Jesus nach, und deswegen folgen ihm andere Jünger nach.
Was für ein Mensch aber steht da am See von Tiberias? Dafür gibt es nur ein Wort: Versager. Petrus ist gescheitert. Die Gründe dafür kann man nur erahnen. Ich stelle mir das so vor, dass der Apostel irgendwie resigniert hat. Er hat Jesus als den Sohn Gottes erlebt, und trotzdem konnte er nichts tun. Vielleicht hat er sein Scheitern erkannt und ist dann depressiv geworden?
Ich glaube, dass es heute vielen Christen ähnlich geht. Man weiß, was man hat. Die Kirche ist mein Zuhause. Gott ist mein Retter. Man sieht Wunder und Zeichen. Man glaubt. Man engagiert sich hier und dort. Man steht zum Evangelium – wenn es mit den eigenen Vorstellungen vereinbar ist. Man… ist müde! Das ist das Ende der Jüngerschaft. Und es ist wichtig, das mal erlebt zu haben.
Es kommt im Leben eines jeden Christen auch der Moment, wo man vor den Trümmern der eigenen Träume steht – so wie Petrus. Der Herr ist nämlich mein Meister, und Er zeigt mir erbarmungslos, dass ich Ihn verlassen habe. Ist er wirklich erbarmungslos? Oder ist es vielleicht eher umgekehrt – der Herr hat Erbarmen mit mir und zeigt mir, was ich aus meinen Träumen über die Nachfolge gemacht habe. Er ist der Meister!
Und doch zeigt Jesus Seinem Petrus einen anderen Weg. Zweimal fragt Jesus: liebst du mich? Im griechischen Original steht hier das Wort ἀγαπάω. Es ist schwer zu übersetzen, auch wenn es klar ist, worum es hier geht – Jesus fragt Petrus, ob er Ihn liebe, mehr als andere. Jesus erinnert Petrus an seine Vergangenheit – dass er dem Herrn gefallen will, dass er der Erste sein will, dass er besser als andere dastehen will. Und wo steht Petrus? Vor dem Nichts…
Als Jesus dieselbe Frage das dritte Mal stellt, verwendet er ein anderes Wort: φιλεῖς. Auch hier geht es um die Liebe. Aber Jesus fragt hier nicht, ob Petrus sein Jünger sein will, er fragt: willst du Mein Freund sein? Und diese Frage ändert alles!
Ab diesem Zeitpunkt weiß Petrus, dass er Jesus nichts vormachen kann, er weiß, dass er nichts beweisen muss. Jesus nimmt die Liebe seines Freundes an – das ist die frohe Botschaft für Petrus! Und als Petrus es endlich kapiert, dass Jesus ihn schon immer geliebt hat – nicht wegen seines Eifers und seiner Verdienste – beginnt aus ihm ein Hirte zu werden.
Wenn man das Neue Testament weiterliest, sieht man, wie diese Begegnung Petrus verändert hat. Aus einem resignierenden Jünger wird ein wahrer Hirte! Petrus wird erwachsen – er wird ein mündiger Bürger des Reiches Gottes. Und dann bekehren sich auf sein Wort Tausende, Kranke werden gesund, Tote stehen zum Leben auf, und es geschieht die Kirche.
*
Was ist mit dir? Willst du weiterhin in deinem Boot nach Fischen Ausschau halten? Oder gehst du zu Jesus und wirst Sein Freund?
Gott nimmt unsere Schwäche und verwandelt sie in Stärke. Er hat das mit Petrus gemacht. Er wird es auch mit jedem Seiner Jünger machen. Es braucht nur den ersten Schritt.

P. Darius ist Mitglied des franziskanischen Zentrums La Verna für junge Erwachsene (16-35 Jahre) in Maria Enzersdorf.


© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11