VISION 20002/2017
« zum Inhalt Portrait

Helden und Heilige

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Eduard Werner)

Workuta – Das schreckt mich nicht.

Es wird immer unverständlich bleiben, wie westliche Intellektuelle den Kommunismus so verherrlichen konnten, obwohl ihnen die Grausamkeiten dieses Systems nicht verborgen blieben. Der weißrussische Kardinal Swiatek von Minsk hat unter zwei totalitären Systemen gelitten.
Er wurde am 21. Oktober 1914 geboren. Als er sechs Jahre alt war, wurde seine Familie von den Bolschewiken nach Sibirien zwangsdeportiert. Erst als Erwachsener kehrte er nach Weißrussland zurück, wo er 1939 heimlich zum Priester geweiht wurde. 1941 wurde er von den Sowjets als angeblich reaktionärer Priester zum Tode verurteilt.
In der Nacht vor der Exekution kamen plötzlich die deutschen Truppen. Die Sowjets liefen davon, ohne ihre Gefangenen zuvor noch zu erschießen. Überrascht sagte Swiatek: „Jetzt haben mich die Faschisten gerettet.“ Eines Tages erfuhr er von einer deutschen Militärangestellten, dass er in der nächsten Nacht erschossen werden sollte. Eine Chance zur Flucht sah Swiatek nicht mehr. „Wohin auch?“ Er betete und schwieg.
Am nächsten Morgen wurde er tatsächlich eingesperrt, um einen Tag später erschossen zu werden. Doch morgens um drei Uhr brach plötzlich ein Geschosshagel über den Ort herein. Die Sowjets kehrten zurück und die Deutschen mussten fliehen. Und Swiatek konnte feststellen: „Dieses Mal haben mir die Sowjets das Leben gerettet.“
Nach fünf Monaten wurde er wieder verhaftet und zum Tode verurteilt. Am Tag der geplanten Hinrichtung teilte der Militärrichter ihm mit: „Wir werden keine Kugel vergeuden. Du kommst nach Sibirien. Dort wirst du arbeiten, bis du krepierst.“ Darauf wurde Swiatek zunächst in ein sibirisches Lager jenseits des Polarkreises deportiert, später kam er in das berüchtigte Lager Workuta. Das war die tiefste Hölle im Archipel Gulag.
Nach zehn Jahren wurde Swiatek ins KGB-Büro gerufen. Über die dortige Vernehmung berichtete er: „Wieder sollte ich erschossen werden. Der mit meiner Sache betraute Offizier studierte meine Unterlagen lange in meinem Beisein und fragte dann endlich: ,Wie hast du das alles ausgehalten? Du solltest eigentlich schon längst tot sein’.“ Darauf Swiatek: „Du wirst mir wahrscheinlich nicht glauben. Das war Gott, der mich am Leben erhalten hat.“ Erst nach einer Pause fragte der Offizier zurück: „Wer ist Gott?“ Dann schrieb er etwas in die Akte, ohne aufzusehen. Swiatek betete leise und wartete. Es dauerte eine Ewigkeit. Er erzählt weiter: „Schließlich hat der Offizier mich angeschaut, sein Blick war geradezu zärtlich und voller Mitleid. Dann sagte er: ,Du bist frei. Da, unterschreib'.“
Und der langjährige Häftling war tatsächlich frei. Im Jahr 1954 kam er wieder nach Weißruss­land. Dort gab es keine Priester und keine Kirchen mehr. Auf Swiateks Antrag auf eine Seel­sorgeerlaubnis drohte ein KGB-Mann ihm einmal mit einer neuen Haft in Workuta. Swiatek reagierte jedoch gelassen: „Damit könnt ihr mich nicht mehr schrecken. Ich kenne Workuta. Vergesst aber nicht: In der Sow­jetunion gibt es drei Arten von Bürgern: jene, die in Workuta waren, jene, die dort sind, und jene, die einmal dort hinkommen. Gehört ihr vielleicht zur dritten Gruppe?“
Da bekam Swiatek endlich die Erlaubnis, Seelsorge auszuüben. Auch in totalitären Systemen gibt es manchmal gute Menschen. Nach der Wende 1989 ernannte Papst Johannes Paul II. Swiatek zum Erzbischof von Minsk und später zum Kardinal. Nach einer segensreichen Wiederaufbauarbeit starb Swiatek  am 21. Juli 2011.

Wie Gott will –
Er lenkt alles

Wer heute über Vorgänge und Personen in der NS-Zeit urteilt, hat oft keine Ahnung von den Schwierigkeiten, denen Christen damals ausgesetzt waren. Die Schicksale Tausender heute vergessener Märtyrer belegen sowohl die totale Überwachung durch das System als auch die Standhaftigkeit vieler Christen damals. Ein Beispiel dafür ist das Leben und Sterben der Lehrerin Charlotte Holubars.
Sie wurde 1883 in der niederschlesischen Kreisstadt Striegau geboren. Sehr früh verlor sie ihre Mutter. Obwohl sie nur acht Jahre die Volksschule besucht hatte, konnte sie schließlich die Ausbildung zur Volksschullehrerin absolvieren.
Ab 1906 unterrichtete sie in Heusweiler bei Saarbrücken. In ihrer Freizeit hielt sie für die Jugend der Pfarrei Gruppenstunden und versuchte dabei, die Jugendlichen für Christus zu gewinnen. Schüler, Eltern und der Ortspriester waren von Charlottes Einsatz begeistert.
Als 1933 an ihrer Schule der  nationalsozialistische Lehrerbund gegründet wurde, sah sie es als ihre Aufgabe an, diesen Verband zu missionieren. Da sie dabei erfolgreich war, wurde ihr dies bald verboten. Folglich trat sie aus diesem Verband wieder aus. Als ihre Vorgesetzten überdies begannen, ihren Unterricht ideologisch zu beeinflussen, beantragte sie die vorzeitige Versetzung in den Ruhestand.
1937 zog sie nach Schönstatt am Rhein. Dort schloss sie sich dem klösterlichen Säkularinstitut „Frauen von Schönstatt“ an und versuchte, religiöse Jugendgruppen zu bilden. Das durfte nur sehr unauffällig geschehen, weil die Nationalsozialisten neben der Hitlerjugend keine Konkurrenz duldeten. Schon im Saarland war der Gestapo ihre erfolgreiche Seelsorge in Jugendgruppen nicht verborgen geblieben. Deshalb wurde sie genau beobachtet.
Der Gestapo fiel auf, dass Charlotte Holubars besonders viele Kirchgänger empfing, die alle im Verdacht standen, den Nationalsozialisten gegenüber zurückhaltend eingestellt zu sein. Überdies bekam sie Briefe von dem im KZ Dachau gefangenen Priester Pater Josef Kentenich. Er war der Gründer der Schönstatt-Bewegung. Das führte zu einer Razzia in ihrer Wohnung. Die einzelnen Briefe Kentenichs waren der Zensur wohl zunächst als harmlos erschienen. Aber in der Gesamtschau ergaben sie eine Schilderung der Zustände im KZ Dachau.
Daher wurde Charlotte Holubars verhaftet und zunächst ins Gefängnis nach Koblenz gebracht. Dort schrieb der Gefängnisseelsorger über sie: „Sie war eine jener starken fraulichen Seelen, wie sie mir in meiner langen Zeit als Seelsorger nur ganz selten begegnet sind. Nichts von Bedrückung merkte ich an ihr, kein Wort der Klage vernahm ich aus ihrem Mund. Auf meine Frage nach ihrer Zukunft gab sie ganz ruhig die Antwort: ,Wie Gott will. Er lenkt alles'.“
Der Gefängnisseelsorger war überzeugt davon, dass ihr Opfer bei Gott die glückliche Heimkehr von Pater Kentenich aus dem KZ bewirkte. Die Mitgefangenen waren von Charlotte Holubars so beeindruckt, dass sie sie die „heilige Lehrerin“ nannten. Aber in einem normalen Gefängnis durfte sie nicht bleiben. Die Gestapo hatte sie für einen schlimmeren Ort bestimmt. Das war die Hölle im KZ Ravensbrück.
Dort starb sie am 9. November 1944 an den Folgen von Hunger, Kälte und Misshandlungen - ungebrochen in ihrer Überzeugung, dass ihr Leiden für Christus einen Sinn hat und in die ewige Seligkeit führt.


108 Kurzgeschichten

Zwei Zeugnisse aus dem Buch Helden und Heilige in Diktaturen. Das Werk enthält 108 Kurzportraits von Personen, die sich in den Zeiten der Verfolgung durch Nationalsozialismus und Kommunismus heroisch zu ihrem Glauben bekannt, Widerstand geleistet und verfolgten Menschen geholfen haben. Eine leicht lesbare Ermutigung zu einem Leben mit Jesus Christus, der auch in widrigsten Lebensumständen die durchträgt, die sich Ihm anvertrauen.

Helden und Heilige in Diktaturen. Von Eduard Werner. Media Maria-Verlag, 253 Seiten, 18,50 Euro.

© 1999-2017 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11