VISION 20001/2019
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Der Tod betrifft die Lebenden, nicht nur die Sterbenden

Artikel drucken (Clotilde Hamon)

Unsere Gesellschaft verschweigt den Tod. Heute haucht man sein Leben im Krankenhaus aus. Und die Friedhöfe befinden sich außerhalb der Städte. Es ist der Tod selbst, den man an den Rand verdrängt. Er ist eine „Panne des Lebens“, nicht mehr der Horizont auf den wir mit Sicherheit zusteuern. Ein Nicht-Ereignis, das keine drängenden Fragen aufwirft, sondern mit Stehsätzen banalisiert wird: „Nachher ist es aus“; „Wir haben Papa im Herzen“…
Wo sind die Zeiten der suggestiven Bilder mit Totenschädeln, wohin man blickte, mit Sanduhren, die das Verrinnen der Zeit darstellten, den Tod, die Schalheit der Leidenschaften, die Zeiten, in den fast zwanghaft wiederholt wurde: „Bedenke, dass du sterblich bist“? „In Europa wurde das Büro der eschatologischen Angelegenheiten gegen Ende des 18. Jahrhunderts geschlossen,“ stellt der Agnostiker Régis Debray in einem treffenden Essay über die Letzten Dinge fest.
Damit habe man sich eben abzufinden, am besten nicht mehr daran denken. Sich auf die Bausparpläne konzentrieren und auf die Gegenwart. Das Leben genießen, bevor alles den Bach hinuntergeht. Ein trauriges „Carpe diem“ verflacht unser Dasein, das aller Hoffnung, aller Transzendenz entbehrt. Und dennoch betrifft der Tod die Lebenden, nicht nur die Sterbenden, denn das Leben hier steht im Banne des ewigen Lebens, in der Erwartung des Königreichs.
Wir Christen müssen daran erinnern, dass die tief in uns sitzende Sehnsucht nach Ewigkeit nicht erstickt werden darf, damit sich die Welt nicht häuslich in Daseinsbedingungen des Todes einrichtet und das Christentum zu einer Kunst des Lebens verkümmert.
Famille Chrétienne Nr.  2129

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