VISION 20003/2020
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„Aufeinander Aufpassen“ – ein Paradox

Artikel drucken (Monika Metternich)

Mögen Sie einmal darauf achten? Wenn Politiker uns im Moment dazu anhalten wollen, Abstand voneinander zu halten, freiwillig oder verordnet Alltagsmasken zu tragen, oder wenn sie aufrechterhaltene Restriktionen erklären, dann enden ihre Ausführungen oft mit den Worten, wir alle müssten „aufeinander aufpassen“.

Auf den ersten Blick leuchtet das auch sehr ein, denn schließlich ist das Teuflische am inzwischen nicht mehr „neuartigen" Corona-Virus, dass es über die Atemluft verbreitet wird. Was jedes menschliche Gegenüber – auch wenn es völlig gesund wirkt – zur potentiellen Gefahr werden lässt, speziell für Vorerkrankte, Schwache und Ältere. Da erscheint es völlig angebracht, aufeinander aufzupassen. Das bedeutet, mit dem eigenen Verhalten dafür zu sorgen, dass die Infektionsquote so gering wie möglich gehalten wird. (…)
„Aufeinander aufpassen" heißt in Coronazeiten aber auch, die einsame, kranke Mutter, den alten Vater in der Pflegeeinrichtung nicht besuchen zu dürfen. Viele alte Menschen leben im Moment in völliger Isolation, weil wir „aufeinander aufpassen" müssen.
Das Corona-Paradox ,,wer sich liebt, bleibt sich fern" setzt sich grausam fort in diesem „aufeinander aufpassen", das so weit führt, dass Sterbende nicht an der Hand von Angehörigen ihren letzten Weg antreten können und Tote nicht von allen ihren Anverwandten beerdigt werden dürfen – zwischen vier und zehn Personen ist die maximale Anzahl von Menschen, die, mit Abstand natürlich, an einem frischen Grab stehen dürfen. Für viele heißt das: Kein Abschied von den Liebsten.
„Aufeinander aufpassen" bedeutet auch, sich nicht mehr auf einer Parkbank ausruhen oder Gottesdienste besuchen, das eigene Ferienhaus nicht mehr betreten zu dürfen, wenn es nur der Zweitwohnsitz ist und gegen all das zu demonstrieren. Einige passen besonders gut auf:  Sie denunzieren ihre Nachbarn, wenn eine Person, die nicht zum Hausstand gehört, in deren Garten sitzt, wenn der Sohn die kranke Mutter besucht, Jugendliche zu nah beieinander stehen oder eine Familie die Picknickdecke im Park ausbreitet: Ein Griff zum Hörer und die Polizei sorgt dafür, dass wir „aufeinander aufpassen". Tausendfach passiert in den letzten Wochen.
Und „aufeinander aufpassen" bedeutet für Tausende der drohende wirtschaftliche Bankrott, Arbeitslosigkeit, Verarmung. Hoffnungslosigkeit herrscht bereits jetzt in vielen Branchen.
Nicht nur Hilf- sondern auch Ratlosigkeit breitet sich da aus. Es ist schwierig, laut „So geht das doch nicht!" zu rufen, wenn doch all diese Maßnahmen dazu beitragen, dass die Infektionsrate niedrig gehalten wird und jeder auch schwer Erkrankte ein Bett auf einer Intensivstation sowie lebensrettende Hilfe dort bekommt, wo wirklich auf die Kranken aufgepasst wird: den Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern ist gar nicht genug zu danken für ihren großen Einsatz, für ihr „Aufpassen" auf Patienten in dessen ureigenem, wahren Sinn. Vielleicht erhalten wir auf diese Weise einen ungewohnten Blick auf den Wert, den unsere Verfassung zuvörderst schützen muss: Nicht etwa die Gesundheit um jeden Preis, sondern die Menschenwürde. Genau hier liegt der Dreh- und Angelpunkt des ,,Aufeinander Aufpassens": Es muss menschenwürdig sein. Das Allgemeinwohl und die Fürsorge für die Kranken, Schwachen und Hilflosen müssen täglich neu abgewogen und auf den Kern aller Menschenrechte hin geprüft werden, auf die Menschenwürde. Passen wir darauf auf.

Auszug aus PURmagazin 5/2020

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