VISION 20003/2020
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Die eiserne Ration des katholischen Glaubens

Artikel drucken Über den Rosenkranz (Kardinal Joachim Meisner †)

Kardinal Meisner erzählt von einer Begegnung im Erfurter Dom, die ihn herausgefordert hat. Er wurde gefragt, was der Christ als Minimum  brauche, um in einer absolut glaubensfeindichen Umwelt zu überleben.

Einen Tag nach meiner Bischofsweihe, am 18. Mai 1975, feierte ich im Erfurter Dom die heilige Messe und dabei fiel mir eine Gruppe von Mitfeiernden in die Augen, die mir einerseits wie ein Fremdkörper erschien, auf der anderen Seite aber mit einer inneren Ergriffenheit dabei waren, die mich faszinierte.
Nach dem Gottesdienst ging ich sofort vor den Dom und begrüßte diese Gruppe. Es war eine Anzahl katholischer Christen aus Kasachstan, die im Rahmen einer Touristikreise in die damalige DDR mitgefahren sind und sich zum Gottesdienst von ihrer Reisegruppe freigemacht haben.
Sie erzählten, dass sie nach 40 Jahren zum ersten Mal wieder ein katholisches Gotteshaus betreten und die heilige Messe mitgefeiert haben. Ihr Sprecher sagte; „Wir haben Heimweh nach der Kirche.“ Und er fügte gleich die Frage an, was sie ihren Kindern und Kindeskindern an Glaubenswahrheiten weitergeben müssten, damit sie das Ewige Leben erlangen könnten. Ich muss ehrlich gestehen:
Eine so wesentliche und kluge Frage habe ich davor und danach nie mehr gestellt bekommen. Auf mein Angebot, dass ich ihnen einen Katechismus und ein Neues Testament mitgeben wolle, antworteten sie mir, dass es leichter sei, in die Sowjetunion Waffen mitzunehmen als religiöse Literatur.
Ich setzte also noch ein zweites Mal an und sagte: ,,Können Sie den Rosenkranz mitnehmen?“ Darauf sagten sie: ,,Ja, den können wir uns als Schmuck um den Hals hängen. Aber was hat das mit unserer Frage nach dem Kern von Glaubenswahrheiten zu tun, die wir unseren Kindern vermitteln müssen?“
Ich antwortete ihnen darauf: ,,Am Kreuz des Rosenkranzes beten wir das Glaubensbekenntnis. - Das ist unsere ganze Glaubenslehre. Dann kommen die drei kleinen Perlen: Glaube, Hoffnung und Liebe, - das ist unsere Lebenslehre. Mehr braucht man nicht zu glauben und zu leben. Das ist alles! Und dann kommt – gleichsam in Geheimschrift – das ganze Neue Testament aufgefädelt: Die Geheimnisse der Menschwerdung Got­tes im Freudenreichen Rosenkranz; die Geheimnisse unserer Erlösung im Schmerzhaften Rosenkranz und die Geheimnisse unserer Vollendung im Glorreichen Rosenkranz.“
Da nahm der Sprecher der Gruppe den Rosenkranz in seine Hand, er erhob ihn und sagte: ,,Wie, dann habe ich den ganzen katholischen Glauben in einer einzigen Hand?“ Meine Antwort lautete: ,,Ja, Sie haben im Rosenkranz den ganzen katholischen Glauben in ihrer Hand. Mehr braucht man nicht zu glauben. Wer mit dem Rosenkranz in der Hand stirbt, der wird im Ewigen Leben vollendet.“
Wir halten im Rosenkranz gleichsam die eiserne Ration unseres katholischen Glaubens in der Hand, die uns nie verlässt und uns immer zur Verfügung steht. Im Rosenkranz schauen wir, wie Papst Johannes Paul II. sagt, ,,mit den Augen der Mutter in die Augen ihres Sohnes. Und darum ist Maria das Zeichen Gottes am Himmel für die Erde.
 
Der Autor war von 1980 bis 1989 Bischof von Berlin und von 1989 bis 2014 Erzbischof von Köln.
Er starb am 5. Juli 2017. Aus  Çagri – Der Ruf Nr. 150

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