VISION 20004/2020
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Den Frieden suchen, den die Welt nicht geben kann

Artikel drucken In unruhigen Zeiten Halt im inneren Frieden finden (Christof Gaspari)

Wenn wir Europäer auf die letzten 75 Jahre seit dem 2. Weltkrieg zurückblicken, müssen wir zunächst dankbar feststellen: Wir haben eine in der Geschichte einmalige Periode erlebt, Jahrzehnte äußeren Friedens. Wir sind weitgehend von Kriegen verschont geblieben. Ein Grund zur Dankbarkeit. Nur sollte man sich davor hüten, diesen Zustand für selbstverständlich zu halten…

Denn diesen Frieden verdanken wir mehreren Faktoren: etwa dem Gleichgewicht des Schreckens zwischen Ost und West bis zum Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs, Jahrzehnten ununterbrochen steigenden Wohlstands, dem europäischen Einigungswerk, das 1952 mit der – übrigens von christlichen Politikern vereinbarten – Gründung der Mon­tan­union eingeleitet wurde… Mindestens ebenso wichtig wie der Friede zwischen Staaten ist jedoch der innerhalb der Nationen. Wie rasch jedoch Hass und Gewalt ausbrechen können, erlebten wir zwischen 1991 und 2001 während der Kämpfe in Ex-Jugoslawien und dem seit 2014 währenden Bürgerkrieg in der Ukraine: warnende Beispiele dafür, wie labil der Friede selbst im jahrzehntelang befriedeten Europa ist, sobald das Verbindende zwischen Bevölkerungsgruppen verloren geht.
Damit sind wir bei einem entscheidend wichtigen Thema, wenn wir uns Gedanken über den Frieden machen, nämlich bei der Frage: Was hält die Bevölkerung eines Landes zusammen?
Es ist das allgemein geteilte Verständnis davon, was dem Leben Sinn gibt, wie das Zusammenleben zu funktionieren hat, was wesentlich ist, was das Leben lebenswert macht. Kurzum, die gemeinsame Kultur ist der Kitt, der Menschen halbwegs harmonisch zusammenleben sowie mit- und füreinander wirken lässt. In Europa war es die christliche Kultur. Das Recht und die politische Ordnung basierten auf einem christlichen Menschenbild. Ein Blick auf die Weltkarte der Religionen macht das deutlich.
Genau diese Basis wird seit Jahrzehnten systematisch unterminiert und durch ein neues Modell, die „multikulturelle Gesellschaft“ ersetzt. Und so befinden wir uns in einem Umbruch, der an Radikalität zunimmt. Wie jeder gesellschaftliche Umbruch – etwa im untergehenden Römischen Reich, im Frankreich nach 1789, in Russland nach der Oktoberrevolution, in Deutschland nach der Machtergreifung der Nazis –, wird auch der derzeit stattfindende kulturelle Bruch in unseren Ländern großen Unfrieden bringen.
Keine Frage: „multikulturelle Gesellschaft“ klingt vordergründig weltoffen, tolerant und daher attraktiv. Sie verspricht, jeder könne nach seiner Fasson selig werden, werde nicht bevormundet. Fragen nach dem Sinn des Lebens seien Privatsache. Bei näherer Betrachtung ist das aber ein zerstörerisches Konzept. Warum?
Weil die multikulturelle Gesellschaft ihrem Wesen nach keine Beheimatung gibt. Sie soll nur für ein möglichst reibungsloses Zusammenleben von Leuten sorgen, die ganz unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, worauf es im Leben wirklich ankommt. Wo findet der Mensch dann aber Beheimatung? Bei Gleichgesinnten und nicht in der größeren staatlichen Gemeinschaft. Und das Internet bietet sich als ideales Medium an, Gleichgesinnte zu finden und mit ihnen in Verbindung zu treten.
Mangels verbindender kultureller Gemeinsamkeit sind unsere Staaten in Gefahr, in Subkulturen zu zerfallen: in überzeugte Laizisten, Muslime, Christen, die sich der Lehre der Kirche verpflichtet fühlen, solche, die sich mit dem Neuheidentum anfreunden, Esoteriker, Antifa-Kämpfer, LGBT-Verfechter, Neonazis, Veganer… Alle mit mehr oder weniger missionarischem Elan und Vorbehalten sowie Kritik an denen, die nicht denselben Heilsweg gehen. Am meis­ten kritisiert wird allerdings alles, was an die tradierte Ordnung erinnert oder appelliert. Sie gilt als überholt, als Feind des Fortschritts. Daher auch die immer aggressiver geäußerte Kritik an den Christen, insbesondere an der katholischen Kirche.
Ereignisse der jüngsten Vergangenheit führen uns vor Augen, wie groß die Gefahr ist, dass sich das Spannungsverhältnis in gewaltsamen Konflikten äußert und wie labil der Friede innerhalb der Demokratien tatsächlich ist. Da krachen am 20. Juni Tsche­tschenen und Nordafrikaner im französischen Dijon aneinander. Vermummt, mit Eisenstangen und Feuerwaffen ausgestattet, gehen sie aufeinander los und hinterlassen in der Stadt zerstörte Läden, brennende Autos, verwüstete Straßen, 20 Verletzte.
Ähnlich das Bild in Stuttgart. Dort kommt es zu einem Ge­walt­ausbruch, nachdem Polizisten eine Drogenkontrolle durchgeführt haben. 400 bis 500 meist vermummte Täter, darunter viele Migranten, verwandeln das Zentrum in ein Chaos, verletzen 19 Polizisten, zerstören, ja plündern Geschäfte. Gewaltakte auch in Wien-Favoriten. Hier geraten sich an mehreren Tagen Kurden und Türken in die Haare. Auch hier: massiver Polizei-Einsatz, Gewaltakte, Verletzte, Sachschäden…
Und dann die Ausschreitungen der letzten Wochen infolge des Todes von George Floyd, eines Afroamerikaners, der von weißen Polizisten in Minneapolis brutal misshandelt worden war. „Black lives matter“ wird zum Schlachtruf bei unzähligen, oft gewalttätigen Demonstrationen, die in zahlreichen Städten, nicht nur in den USA, großen Schaden anrichten.
Ein besonderes Merkmal dieser Aktionen ist ihre Aggression gegen christliche Symbole: umgestürzte Statuen von Heiligen, beschmierte oder beschädigte Kirchen und Kathedralen in Los Angeles, Denver, New York, Dallas. „Tötet alle Polizisten“, „Gott ist tot“ oder „Pädophile“ bekommt man zu lesen. In Wien wird das Priesterseminar von gar nicht so friedlichen Antirassismus-Demonstranten beschmiert. In Saint Louis werden  betende Gläubige „gejagt, gehetzt und tätlich angegriffen“, als sie die Statue ihres Stadtpatrons, des heiligen Königs Ludwig, vor Aktivis­ten schützen wollen, berichtet Die Tagespost. Ähnliche Schändungen sind leider fast schon alltäglich. So berichtet das „Observatory on Intolerance and Discrimination Against Christians“, dass es 2019 allein in Europa zu Vandalakten an „3.000 christlichen Kirchen, Schulen, Friedhöfen und Denkmälern“ kam.
Wieder einmal muss ich betonen: Nicht um Angst zu verbreiten, bringe ich das zur Sprache, sondern um auf eine Realität hinzuweisen, der wir Christen uns stellen müssen. Sie etabliert sich beinahe unbemerkt, wird leicht ausgeblendet, insbesondere jetzt, da die weiterhin geschürte Corona-Angst auch uns Christen in Atem hält: Die wirkliche Gefahr geht nicht vom Virus aus, sondern von der zerstörerischen Gottlosigkeit, die sich in unseren Ländern breitmacht. Auf sie müssen wir uns einstellen und lernen, auch in Zeiten eines zusammenbrechenden äußeren Friedens, den inneren zu bewahren.
Wie ist das aber mit diesem Frieden? Er ist Geschenk Got­tes. Wir haben es schon oft gehört: Er unterscheidet sich von dem Frieden, den wir meist im Auge haben, nämlich der Ungestörtheit von außen, dem Frieden, den die Welt geben kann. „Meinen Frieden gebe ich euch,“ sagt Jesus (Joh 14,27). Er ist Sein Geschenk an uns, persönliche Zuwendung, wohldosiert, dem Beschenkten zur Freude, auf seine besondere Persönlichkeit zugeschnitten, quasi maßgefertigt. Aber er muss persönlich angenommen werden, ist er doch Frucht einer persönlichen Beziehung.
Diesen Schatz, den uns der Herr zuwendet, ist die Gewiss­heit, dass wir im Angesicht des allmächtigen Gottes leben, dem wir vertrauensvoll unser Leben übergeben können, weil Er uns durch und durch kennt. Im Psalm 139 wird das so beschrieben: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“ (Vers 5) Und: „Meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“ (Vers 16)
Dieser Friede, den der Herr Seinen Jüngern am Ostermorgen zuspricht, hat zwei Merkmale: Er ist kein Ruhekissen, auf dem wir ausruhen und das Leben in aller Gemütlichkeit genießen könnten. Er ist vielmehr ein Geschenk, das es weiterzugeben gilt. Im selben Atemzug nämlich, wie Jesus sagt: „Friede sei mit euch!“, erklärt er Seinen Jüngern klar und deutlich: „Wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21).
Und ein zweiter Aspekt ist bei dieser Friedenszusage bemerkenswert: Der Friede wird dadurch vermittelt, dass den Jüngern der Atem Gottes vermittelt wird: „Empfangt den Heiligen Geist,“ sagt der Herr. Die Jünger brauchen eine ganze Weile, bis sie erfassen, was sie da beizutragen haben, um den zugesagten Geist auch tatsächlich empfangen zu können: Sie werden mit Maria einmütig im Gebet verharren, um sich für den Empfang dieses Geschenks zu öffnen.
Und dann geschieht das Unfassbare: Verängstigte Menschen werden plötzlich zu unerschrockenen Zeugen für eine neue Nähe Gottes in dieser Welt. Sie haben den verheißenen Frieden – den Heiligen Geist, der Gott selber ist – empfangen, den Frieden, den die Welt nicht geben kann, der gleichzeitig aber auch dazu drängt, ihn zu bezeugen und weiterzugeben.
Ich denke, das ist die Herausforderung in unseren Tagen, in denen die christliche Kultur in Auflösung begriffen ist.
Der Friede, den der Herr vermittelt, schenkt uns Bergung, wo immer wir sind. Er begleitet uns auf all unseren Wegen – soweit wir uns für ihn öffnen. In Notsituationen ist gerade das aber schwierig, weil die Versuchung groß ist, von der Angst übermannt, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Aber der Herr verlässt uns nicht mit Seinem Frieden.
P. Clemens Pilar schreibt in diesem Zusammenhang: „Jünger können auch in Zeiten der äußeren Erschütterung voller Zuversicht bleiben.“ Und dass dies nicht nur schöne Theorie ist, macht das Zeugnis des kürzlich vom australischen Höchstgericht vom Kindesmissbrauch freigesprochenen Kardinals George Pell deutlich: „Ich fühlte mich nie verlassen,“ schreibt er, „weil ich wusste, dass der Herr bei mir war – auch wenn ich in den meisten der 13 Monate nicht verstand, was Er tat.“ Er bestätigt damit, was viele Christen in Gefängnissen des kommunistischen Ostens erlebt hatten, so etwa der slowakische Arzt Sylvester Krcméry: „Wer gewohnt war zu beten, zu meditieren, anzubeten, konnte in der Zeit der Einzelhaft, wo die anderen durchgedreht haben, ein tiefes geistiges Leben führen. Wir nannten das die Erfahrung der ,Schwerelosigkeit’.“
Nach diesem Frieden müssen wir uns ausstrecken. Ihn werden wir brauchen, um als Christen auch in schwierigen Zeiten bestehen und überleben zu können.
Und noch ein Gedanke kann uns helfen, im Frieden Gottes zu verharren, auch wenn die äußeren Umstände dagegen sprechen, wenn unser eigenes Versagen uns zu entmutigen droht oder sich die Umstände, die uns jahrelang bedrängt haben, nicht ändern: Gott behält das letzte Wort und kann alles zum Guten wenden. Der heilige Apostel Paulus spricht es im Römerbrief an, wenn er klipp und klar erklärt: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die Ihn lieben, alles zum Guten führt…“ (Röm 8,28) Und gerade Paulus weiß, wovon er spricht. Im 11. Kapitel des 2. Korintherbriefs zählt er auf, was er alles in der Nachfolge Christi zu erdulden hatte. Es zahlt sich aus, das nachzulesen.



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