VISION 20004/2020
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Gebetsinitiative in Corona-Zeiten

Artikel drucken Die Heilig-Haupt-Andacht in Klagenfurt – St. Egidi (Gerhard Simonitti)

Entstanden 1749 im Kampf gegen eine Epidemie, hat die Heilig-Haupt-Andacht seither in Klagenfurt Tradition, die jedoch im Zeitalter des enormen medizinischen Fortschritts an Elan einbüßte. Heuer sollte sie in der Fastenzeit wieder bewusster  begangen werden. Und dann kam Corona…

Über drei Monate haben heuer die Transparente, die die Heilig-Haupt-Andacht ankündigten, am Turm gehangen. Durch Wind und Wetter und die lange Zeit haben sie etwas gelitten. Und natürlich kam der unweigerliche Anruf, diese „hässlichen Transparente“ endlich zu entfernen, weil auch die Heilig-Haupt-Andacht schon lange vorbei sei.
Dabei haben wir heuer früher angefangen und eben später aufgehört.
Ursprünglich wurde diese Hauptandacht initiiert, um eine kaum beherrschbare Epidemie 1749 in Klagenfurt in den Griff zu bekommen. Damals sind viele Ärzte aus verschiedensten Teilen Österreichs gekommen, um zu helfen – mit mäßigem Erfolg. Am Ende der Möglichkeiten haben die Bürger von Klagenfurt den damaligen Pfarrer mehr oder weniger gezwungen – sozusagen als letztes Mittel –, eine Gebetsnovene zu starten. Weil gerade eben ein Votivbild – das dornengekrönte Haupt Chris­ti – gespendet worden war, hat man damals dieses Bild ins Zentrum der Novene gestellt und sich daran gemacht zu beten.
In der Chronik heißt es, dass schon während der Novene die Epidemie spürbar nachgelassen hat.
Die Menschen damals waren vom „Erfolg“ der Novene dermaßen begeistert, dass sie sich vorgenommen haben, diese Novene von da an jährlich zu wiederholen: eine Novene in der Fas­tenzeit, als Vorbereitung und spirituellen Impuls für Ostern, mit viel Katechese und Beichte, aufrüttelnden Predigten und einem Abschlussfest (in Kärnten inzwischen: Fest des dornengekrönten Hauptes – in St. Egid sogar ein Hochfest).
Auch die Nachbarpfarren und darüber hinaus haben die spirituelle Kraft erkannt und selbst ähnliche Bilder angeschafft. Jährlich wurden in vielen Pfarren in der gleichen Woche (4. bis 5. Fastensonntag) eine „Heilig-Haupt-Andacht“ abgehalten.
Die Chroniken berichten auch, dass in speziellen Jahren (1831 und 1849 – Cholera-Epidemien; 1920 – Spanische Grippe) auch besondere, anlassbezogene Novenen in Erinnerung an den ursprünglichen Anlass abgehalten wurden. Das Ergebnis dieser Gebetsoffensive: Klagenfurt ist immer relativ glimpflich davongekommen. Es gab zwar Opfer – Erkrankte und Tote –, jedoch im Vergleich zu anderen Orten und Ländern immer deutlich weniger!
Im 20. Jahrhundert hat die Medizin und Wissenschaft außerordentliche Fortschritte gemacht. Viele Krankheiten und medizinische Bedrohungen haben den Schrecken verloren. Mit der Selbstüberzeugung von uns Mitteleuropäern, dass wir jetzt im Grunde alles selbst im Griff haben und uns in relativer und absoluter Sicherheit wiegen können, hat dann auch die Begeisterung für die Novene zum dornengekrönten Haupt nachgelassen; alles Beiwerk (Katechesen, Beichtgelegenheiten, …) kam mit der Zeit abhanden. In vielen anderen Pfarren haben lokale Traditionen aufgehört. Als Erinnerung an vergangene Zeiten ist oft nur noch ein altes Bild übriggeblieben.
Doch dann kam dieses ominöse Jahr 2020!
In St. Egid wollten wir die Heilig-Haupt-Andacht wieder mehr beleben und haben uns viel Mühe mit Einladungen und technischer Aufrüstung (Monitore in entlegenen Winkeln der Kirche und der Empore) gemacht. Als die Freude über das kommende Fest schon fast nicht mehr auszuhalten war, hat ganz Europa die nächste Katastrophe in voller Breitseite erwischt: CoViD19 breitet sich aus – inklusive allem: … und zehn Tage vor der Heilig-Haupt-Andacht auch der kirchliche Lockdown!
Nach erstem Erschrecken und Hilflosigkeit kam dann die Lösung: Wir beginnen die Heilig-Haupt-Andacht! Nicht zur üblichen Zeit, sondern sofort. Nicht die übliche Dauer, sondern für die gesamte Zeit des Ausnahmezustandes. Nicht auf die übliche Art, sondern angepasst an die Situation:
– Die Kirche ist den ganzen Tag offen, mit weit geöffneten Türflügeln.
– Es liegen Gebetszettel auf, Musik (Taize-Gesänge) läuft den ganzen Tag über die Lautsprecheranlage.
– Abends nach der täglichen Messe das „Gebet zum dornengekrönten Haupt“ und Segen mit dem Bild.
Mit viel Mühe und Liebe zum Detail konnten alle Gottesdiens­te auch übers Internet übertragen werden – eine neue Art der Andacht…
Den „Erfolg“ konnte man an kleinen Details erkennen: über 600 Gebetszettel sind „mitgegangen“, über 1.200 Weihwasserfläschen (inkl. Weihwasser) haben wir aufgelegt und sind mitgenommen worden. Tags­über waren immer wieder Leute da, die sich in die Kirche setzten und beteten. Diese Gebete – unbekannten Inhalts – haben wir dann noch ins abendliche Gebet hineingenommen und gemeinsam Gott ans Herz gelegt.
Die Menschen, die tagsüber gekommen sind, spürten instinktiv, dass gerade diese Epidemie uns Mitteleuropäern noch mal deutlich gezeigt hat, dass wir doch nicht alles im Griff haben. Und wenn man das irgendwann mal kapiert, dann tut es gut, seine Sorgen mit jemandem zu teilen, der alles zu unserem Gunsten wenden kann: mit Gott eben.
Dabei ist Gebet gar nicht schwer: es reicht, wenn man sich Zeit nimmt, seine Gedanken mit Gott teilt – unzensuriert – und nur im Ausnahmefall vorformulierte Gebete hernimmt. Das geht leicht, wenn man erlebt, dass mein Gegenüber – Gott – mich gern hat und sich für mich einsetzt.
Das haben die Menschen in Klagenfurt offensichtlich getan.
Schaut man sich die Zahlen an (Infektionen und Todesfälle), dann fällt auf, dass Kärnten mit einem blauen Auge davongekommen ist. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Die Maßnahmen der Politik könnten gewirkt haben; es könnte Kärnten auch grundsätzlich so unattraktiv sein, dass nicht mal ein Virus nach Kärnten kommt. Es kann aber auch sein, dass schlichtweg das gemeinsame Gebet gewirkt hat. Bei jedem einzelnen, der in den letzten Monaten in die Kirche gekommen ist, bin ich mir sicher, dass er Letzteres annimmt.
Mit großer Dankbarkeit haben wir heuer am Herz-Jesu-Fest die außerordentliche Heilig-Haupt-Andacht abgeschlossen.

PS: Seit dem Abschluss der Heilig-Haupt-Andacht am 19. Juni haben die Infektions- und Erkrankungsfälle wieder zugenommen! Könnte man da einen Zusammenhang erkennen? Wie auch immer: Sollten sich die Fälle wirklich wieder eklatant häufen, werden wir mit der Heilig-Haupt-Andacht wieder beginnen – auch mitten im Sommer!

Der Autor ist  Stadtpfarrprovisor in Klagenfurt – St. Egid, St. Martin und St. Hemma.


Ein Zahlenvergleich

Ein Blick auf die Zahlen lässt Folgendes erkennen: Kärntens Anteil an Österreichs Bevölkerung beläuft sich auf 6,3%. Im Vergleich dazu weist Kärnten deutlich niedrigere Anteilswerte bei den Corona-Toten (1,8%) und bei den Corona -Infizierten (2,3%) auf.

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