VISION 20004/2020
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Der wahre Friede: ein Geschenk Gottes

Artikel drucken Weder Ruhe, Koexistenz oder Pazifismus (Alain Bandelier)

Was den Frieden betrifft, ist die Botschaft der Bibel eindeutig: Der wahre Friede geht von Gott aus, ist Sein Geschenk. Daher kann der Apostel Paulus auch sagen: „Christus ist unser Frieden“. Denn Er ist der Sohn Gottes, Zeuge für den Frieden schlechthin. Im Folgenden der Versuch, diesen Frieden zu kennzeichnen und ihn von landläufigen Friedensvorstellungen zu unterscheiden.


Der wahre Friede ist nämlich etwas ganz anderes als die Ruhe; Ruhe erlebt, wer sich in sein Eck zurückzieht: „Lasst mich in Frieden!“ Friede ist auch mehr als friedliche Koexistenz, obwohl diese dem Gleichgewicht des Schreckens vorzuziehen ist. Es sei denn, man versteht „Ko-Existenz“ im eigentlichen Wortsinn: miteinander zu sein, miteinander zu leben. In seiner Ansprache vor der UNO hat Papst Paul VI. Wege des Friedens zwischen den Nationen aufgezeigt: Niemals mehr die Einen gegen die Anderen, niemals die Einen ohne die Anderen, sondern die Einen mit den Anderen und schließlich die Einen für die Anderen.
Der biblische Frieden, Schalom, geht weit über das hinaus, was wir Frieden nennen. Es handelt sich um Harmonie, um die Fülle des Seins: Gesundheit, Wohlbefinden, Gelingen, Segen. Daher grüßt man sich auf Hebräisch auch mit: „Schalom“. Eine Harmonie und Fülle, die jeder dauernd sucht und doch niemals findet. (…)
Israels Propheten hatten begriffen, dass der wahre Frieden allein Geschenk Gottes sein konnte: das große Zeichen der messianischen Zeiten. Es geht einher mit dem Heil, das man erhofft; der Messias würde Friedensfürst heißen. Es würde allerdings kein ruhevoller Frieden sein: Er würde nicht dem Nirwana gleichen, nicht einem schönen Traum ähneln, nicht durch Zauberstab  herbeigeschafft sein. Der Diener Gottes würde alle Verletzungen der Menschheit, alle Zerrissenheit der Welt auf sich nehmen, um alles zu versöhnen. Nur um diesen Preis wird er dann Frieden verkünden, „Friede den Fernen und den Nahen“ (Jes 57,19).
„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“ (Joh 14,27) Der Friede der Welt ist nur allzu oft ein prekäres Gleichgewicht von Drohungen und Interessen oder aber die Bewahrung eines Status quo, das heißt, einer Unordnung, an die man sich gewöhnt hat. Es gibt auch die Friedhofsruhe infolge physischer oder moralischer Vernichtung des Gegners.
Der Friede Christi ist das kostbare Geschenk des österlichen Abends: „Friede sei mit euch!“ Er ist die Frucht der Passion, denn in Seinem Fleisch hat der Gekreuzigte den Hass besiegt. Ein göttlicher Friede, den uns der Heilige Geist vermittelt: ein Friede, „der alles Verstehen übersteigt“ (Phil 4,7) und daher auch mitten in Prüfungen Bestand hat.
Der Friede der Seligpreisungen muss „gestiftet“ werden: Der Evangelist gebraucht da ein Wort, um auszudrücken, dass der Christ nicht nur ein friedfertiger Mensch zu sein hat, wie es ja viele gibt, auch nicht ein Pazifist, Ein Menschentyp, den man schon seltener antrifft, sondern ein Friedensstifter.
Der christliche Friede ist kein Irenismus. „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert,“ (Mt 10,34) hat der Herr gesagt. Es ist paradox, aber Frieden zu stiften, ist ein Kampf. Das heißt nicht etwa, dass wir gegen jemanden aggressiv vorgehen sollten. Aber wir müssen uns den Widerständen – in uns und rund um uns – stellen.
Es ist ein Kampf im Gebet, unter Tränen, durch Mitleid. Denn die schuldhafte Gleichgültigkeit überlässt dem Spalter das Feld. Es ist ein Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit, denn gesellschaftliche Unordnung führt zu unterschwelligen oder offenen Kriegen. Ein Kampf des Widerstands gegen Gewalttäter: durch Gewaltlosigkeit und – wenn erforderlich – Gegengewalt bei Notwehr. Es ist weiter ein Kampf durch Vergebung, um die teuflische Kette des Frusts und der Rache zu sprengen. Und zuletzt ein Kampf, der bis zum Martyrium führen kann.
Friedensstifter sind brüderliche Menschen. Nach dem Vorbild des hl. Franz von Assisi kennen sie keine Feindschaft, sie vermögen nicht nur Tauben zu zähmen, sondern auch den Wolf, sie schaffen es, den Leprakranken zu umarmen, den Bettler, den Räuber. Weil sie Brüder sind, sieht Gott sie als Seine Söhne an. „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat. Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. “ (1Joh 3,1-2)

Famille Chrétienne v. 21.8.04

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