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Von einem Pfosten durchbohrt nach einem Sturz aus 15 Metern: Charle überlebt

Artikel drucken Das Wunder zur Heiligspechung von Charles de Foucauld (Hugues Lefèvre)

Am 26. Mai hat Papst Franziskus der Veröffentlichung von acht Dekreten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse zugestimmt. Unter den anerkannten Wundern ist jenes, das dem seligen Charles de Foucauld zugesprochen wird. Im Folgenden die Schilderung dessen, was sich im November 2016 in Saumur zugetragen hat.

Mittwoch, der 30. November: Eine Gruppe von Mitarbeitern der Firma „Asselin“ – sie ist auf Restaurationsarbeiten im Bereich Denkmalschutz und bei historischen Bauwerken spezialisiert – arbeitet im Dachbereich der Kapelle des Schulgebäudes Saint Louis in Saumur. An diesem Tag werkt der 21-jährige, junge Zimmermann Charle zwischen der Kuppel und dem Dachstuhl. Gegen 16:30 Uhr ereignet sich ein außergewöhnlich schwerer Unfall. Durch eine unüberlegte Bewegung, übertritt er den abgesicherten Bereich und setzt seinen Fuß auf das Kapellendach. Unter dem Gewicht des jungen Mannes bricht dieses plötzlich zusammen. Charle fällt aus 15,5 Metern Höhe und landet bäuchlings auf einer Kirchenbank. Ein senkrechter Holzpfosten durchbohrt knapp unter dem Herzen seinen Körper.
Entsetzen auf der Baustelle. „So einen Unfall hatten wir vorher noch nie gehabt,“ erklärt François Asselin, der Unternehmer. Alle meinen, Charle sei tot, aber es ereignet sich etwas Unfassbares. Der junge Mann erhebt sich mitsamt dem Holzstück, das ihn vollständig durchbohrt hatte. Noch unglaublicher: Er geht 50 Meter, begegnet Mitarbeitern der Schule und teilt ihnen mit, es habe sich soeben ein Unfall ereignet. Entsetzt von dem, was sie da sehen, rufen diese in großer Eile Hilfe herbei. Diese kommt per Hubschrauber. Wegen des Holzpfostens, der ihn durchbohrte hatte, kann man aber Charle nicht an Bord hieven. Also muss er mit der Rettung nach Angers gebracht werden. Es vergehen weitere 45 Minuten, in denen alles mögliche passieren kann.
„Etwa 1,5 Stunden nach dem Unfall erfahre ich, was da geschehen ist, weiß aber nichts von seinem Zustand. Ich kenne nur die Fakten, diesen schrecklichen Sturz… Meiner Vorstellung nach kann er das nicht überleben,“ erklärt François Asselin. Der Chef dieses Unternehmens mit 130 Mitarbeitern hält sich nämlich in Paris auf. In seiner übergroßen Sorge denkt er nur an eines: Man muss beten. Gemeinsam mit seiner Frau ruft er die „Fraternité de Marie, Reine immaculée“ an, mit der er und seine Pfarre in Saumur in enger Beziehung stehen. 2012 gegründet, trägt die Gruppe den Namen Charles de Foucauld…
„Dieses Zusammentreffen ist erstaunlich. Als mich François angesprochen hat, um mir von dem Unfall zu erzählen, waren wir in der Pfarre mitten in den Vorbereitungen, um das Fest von Charles de Foucauld vorzubereiten,“ erzählt Vincent Artarit, der Pfarrer. Tatsächlich war am Tag darauf, am 1. Dezember, dessen 100. Todestag. Ein Jahr lang hatten nämlich die Pfarrmitglieder gebetet, er, der 2005 seliggesprochen worden war, möge heiliggesprochen werden. In diesem Umfeld also, genau als man die Novene zur Vorbereitung des Pfarrfestes fertig gebetet hatte, fand der Unfall statt…
Gebetsketten werden aktiviert und mehrere hundert Personen bitten den seligen Charles de Foucauld, für die Gesundheit des jungen Charle Fürsprache zu halten. P. Ardura, der Postulator, wird im Zuge des Heiligsprechungsprozesses berichten, dass tatsächlich ein gemeinsamer und unmittelbarer Hilferuf an Charles stattgefunden hatte.
Die Stunden vergehen. François Asselin ruft zwar laufend im Spital an, bekommt aber keine Antwort. „Solche Nächte sind kurz…“ erinnert er sich. Beim Morgengrauen ruft ihn endlich die Mutter von Charle an. Sieg! Die Operation zur Entfernung des Holzstücks war erfolgreich. Ihr Sohn lebt. Kein lebenswichtiges Organ sei betroffen. „Einfach unfassbar. Drei Tage darauf durfte ich ihn besuchen und habe mit ihm gesprochen wie jetzt mit Ihnen,“ erzählt der Chef, immer noch ganz verwundert.
Im Spitalszimmer erstaunt den Unternehmer ein weiteres Geschehen. „Als ich zu ihm gekommen bin, hat er mich zunächst um Vergebung gebeten… Um Vergebung für eine Handlung, die so viele Umstände bereitet habe… Ich war ganz weg. ,Du musst dich überhaupt nicht entschuldigen. Hauptsache, du lebst,’ musste ich ihm antworten,“ erzählt der Mann, der auch Vorsitzender der Vereinigung mittlerer und kleinerer Unternehmen ist. Im an­schließenden Gespräch mit ihm und seiner Mutter erzählt François Asselin von der großen geistigen Mobilisation, die rund um den jungen Zimmermann stattgefunden hatte. So kommt die Rede auch auf Charles de Foucauld, von dem die beiden noch nie gehört hatten. Daher schenkt er ihnen die Comic-Geschichte des seligen Franzosen.
Zwei Monate später arbeitet Charle wieder. Es treten keinerlei Spätfolgen des Unfalls auf. Für viele Christen, die die Geschichte mitverfolgt hatten, gab es keinerlei Zweifel: Das ist ein Wunder, ein Wink Gottes in diesem Jubiläumsjahr.
Erst nachdem sich die Euphorie gelegt hatte, beschließt der Pragmatiker François Asselin der Sache auf den Grund zu gehen. Das Geschehen war so eindeutig, dass man es nicht ad acta legen kann. „Ich wusste, dass man sich da auf ein Abenteuer einlassen müsste, das lange und mühsam sein würde. Aber das Ereignis stand wirklich in Beziehung zu Charles de Foucauld, und ich hatte einfach nicht das Recht, mich da nicht einzubringen. Wir waren nicht die Herren dieser Angelegenheit, sie reichte über uns alle hinaus.“
Charle, der nicht Christ ist, hatte keinen Einwand dagegen, dass die Kirche diesen Fall untersuchen würde. „Die Anerkennung des Wunders war nur möglich, weil er von Anfang an zu Gesprächen bereit und damit einverstanden war, dass man Einblick in seine Gesundheitsakte nehmen durfte. Er selbst spricht zwar nicht von Wunder, hat aber sehr wohl den Eindruck, dass er durch etwas gerettet worden war, das ihn überstieg,“ erklärt Vincent Artarit. Der Pfarrer von Saumur-centre sieht übrigens auch darin ein Zeichen: „Wenn man das Leben von Charles de Foucauld kennt, ist man verblüfft, dass dieses Wunder, das ihm zugesprochen wird, jemanden betrifft, der nicht Christ ist… Es erinnert an seine, Mission, jene zu evangelisieren, die nicht zum inneren Kreis gehören.“
Im Einverständnis mit Charle wird also die Prozedur eingeleitet. Der Bischof von Tamanrasset, wo Charles de Foucauld starb, wird kontaktiert. Er benachrichtigt den Postulator. Der Bischof von Angers, Mrsg. Delmas, eröffnet das diözesane Verfahren und schickt das Dossier 2019 nach Rom. Und nun war es also der 26. Mai, an dem Papst Franziskus die Veröffentlichung der acht Dekrete der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse genehmigt hat.
„Charle freut sich für die Christen, dass dieses Wunder anerkannt und dem seligen Charles de Foucauld zugesprochen wurde,“ erzählt der Pfarrer. Auch im Unternehmen Asselin herrscht Freude. „Ich weiß nicht, wie viele der 130 Angestellten an Gott glauben, aber die Nachricht hat große Begeisterung ausgelöst. Zur Heiligsprechung organisieren wird ganz sicher etwas auf dem Petersplatz. Ich übertreibe nicht, wenn ich vermute, dass da viele mitmachen werden,“ freut sich François Asselin.
Famille Chrétienne v. 29.5.20


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