VISION 20001/2021
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Die Pandemie – ein Wendepunkt?

Artikel drucken Gedanken zur „neuen Normalität“ (Christof Gaspari)

Es ist jetzt 30 Jahre her: Die Berliner Mauer war gefallen, der sowjetische Machtbereich löste sich, Demokratie, Menschenrechte, marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem schienen sich endgültig durchgesetzt zu haben.

Ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung begann, der Siegeszug der Elektronik nahm seinen Lauf. Internet, Handy, Facebook, Google, Amazon veränderten das Leben tiefgreifend, zumindest in den wohlhabenden Industriestaaten. Im Bewusstsein der meisten etablierte sich die Vorstellung: materieller Wohlstand, langes, möglichst gesundes Leben, weite Reisen, hohes Bildungsniveau gehörten selbstverständlich zum normalen Leben.  Der Politikwissenschaftler  Francis Fukuyama sprach vom Ende der Geschichte. Sein Buch wurde ein Bestseller.
Sicher, es gab Krisen. Aber mit denen schienen Wirtschaft und Politik zurecht zu kommen. Und dann gab es auch die Peripherie, Regionen der Welt, wo noch Nachholbedarf herrschte – und Kriege, Unterdrückung, Verfolgung. Aber all das war weit weg von unserem Alltag.  
Und nun erleben wir plötzlich dieses Jahr 2020: Von Normalität keine Spur. Lockdown löst Lockdown ab. Alarmmeldungen begleiten uns seit fast einem Jahr auf allen Kanälen, kein Tag ohne Infektionsstatistik und Todeszahlen… Am Horizont ein Hoffnungsstreifen: die Impfung. Endlich werde sich die „Normalität“ von früher wieder einstellen.
Wer sich dieser Hoffnung hingibt, dem empfehle ich die Lektüre von Klaus Schwabs neuem Buch: Covid-19: Der große Umbruch. Klaus Schwab ist nicht irgendwer, sondern Gründer und Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums, einer Einrichtung, in der sich jährlich die wirklich Mächtigen der Welt treffen, bekannte und weniger im Rampenlicht stehende.
Lassen wir ihn zu Wort kommen: „Viele von uns fragen sich, wann sich die Dinge wieder normalisieren werden. Die kurze Antwort lautet: niemals. Nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor. Die Normalität in dem Sinne, wie wir sie kannten, ist zu Bruch gegangen, und die Coronavirus-Pandemie stellt einen grundlegenden Wendepunkt auf unserem globalen Kurs dar. Einige Analys­ten sprechen von einem Scheideweg, andere von einer tiefen Krise ,biblischen’ Ausmaßes, das Ergebnis ist gleich: Die Welt, wie wir sie in den ersten Monaten des Jahres 2020 kannten, gibt es nicht mehr, sie hat sich im Kontext der Pandemie aufgelöst. Es kommen derart radikale Veränderungen auf uns zu, dass manche Experten bereits von der ,vor Corona’ (BC) und ,nach Corona’ (AC) sprechen.“
Halten wir fest: Die Corona-Pandemie ist ein Wendepunkt – und zwar weltweit. Und: Es gibt eine Zeit „vor Corona“, BC. Im englischen Sprachraum ist BC die Bezeichnung für die Jahre vor der Geburt Christi (Before Christ), bisher der Angelpunkt der Zeitrechnung. Wenn nun also mit BC Corona als markantestes Ereignis der Geschichte hervorhebt, das künftig die Geburt  Christus in den Schatten stellt, sollte das uns Christen hellhörig machen.
Daher sei noch einmal Schwab zitiert. Er spricht von einer neuen Normalität, „die sich radikal von jener unterscheidet, die wir nach und nach hinter uns lassen werden. Viele unserer Überzeugungen und Annahmen, wie die Welt aussehen könnte oder sollte, werden sich dabei zerschlagen.“
Ich sage das jetzt nicht, um Angst zu machen, sondern um auf die Notwendigkeit hinzuweisen, uns zu fragen, vor welche Herausforderungen eine durchaus absehbare, tiefgreifende Krisenzeit uns Christen stellt. Denn in Krisenzeiten werden Weichen neu gestellt. Und das geht uns Christen an. Wir dürfen uns nicht verschreckt ins Kämmerlein zurückziehen und abwarten, wohin der Wind weht.
Es muss auch Schluss mit einem nostalgischen Blick zurück in die „Normalität“ von einst sein. Sie war und ist in vieler Hinsicht unerträglich: Man denke an die -zig Millionen umgebrachten Kinder im Mutterleib, die Einführung gleichgeschlechtlicher „Ehen“, mit der um sich greifenden Euthanasie…  
Also kein Zurück in die „gute, alte Zeit“, sondern Rückbesinnung auf die ursprüngliche Berufung: der Welt vor Augen zu führen, dass Gott Herr der Geschichte ist, dass ohne Ihn absolut nichts geht. Und dass es eine lebenswerte, erfüllende Alternative zu dem gängigen Lebensentwurf gibt, in dem der einzelne immer mehr unter die Räder einer gesellschaftlichen Maschinerie kommt. Denn deren weitere Perfektionierung ist das Programm von morgen.



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