VISION 20001/2021
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Der selige Pater Engelmar Unzeitig

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Michael Kain)

Man braucht nicht viel zu besitzen, um mit anderen zu teilen“: Einer der „nur sein Leben“ besaß und auch dieses mit anderen bis zur letzten Konsequenz „teilte“, war P. Engelmar (Hubert) Unzeitig CMM. Ein einfacher Bauernsohn und Ordenspriester, von Spitzel denunziert, verhaftet und 1941 ins KZ Dachau überstellt. In seinem Leben treffen das „Göttliche“ und das„Satanische“ aufeinander – frei nach dem Motto: Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade ...
P. Engelmar Unzeitig wurde am 1. März 1911 in Greifendorf bei Brünn im heutigen Tschechien geboren (damals österreichisches Staatsgebiet). 1928 nahmen ihn die Mariannhiller Missionare in Reimlingen in ihr Seminar auf, wo er 1934 sein Abitur ablegte und am 1. Mai 1935 in den Orden eintrat. In Würzburg studierte er Theologie und Philosophie.
Dort legte Unzeitig am 1. Mai 1938 auch seine ewigen Gelübde ab und wurde am 6. August 1939 zum Priester geweiht. Nach Abschluss seines Pastoraljahres wirkte P. Engelmar vor­übergehend in Riedegg bei Linz. 1940 übernahm er als Pfarrverweser die Pfarrei Glöckelberg im Böhmerwald. Bald kam er dort mit dem Naziregime in Konflikt. Nazispitzel denunzierten ihn als Judenverteidiger und bezichtigten ihn „heimtückischer Äußerungen“ über Staat und Partei.
Am 21. April 1941 wurde er in seinem Pfarrhaus von der Gestapo verhaftet und ins Gefängnis von Linz gebracht. Nach sechs Wochen Untersuchungshaft verlegte man ihn ins Konzentrationslager Dachau.
Trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen mit körperlichen und geistigen Qualen konnte P. Engelmar dort ein (halbwegs) religiöses Leben mit Eucharistiefeiern, Andachten und Gebeten führen.
Ab Jänner 1942 arbeitete er, meist auf den Knien und ohne jeden Schutz vor der Witterung, auf der berüchtigten Plantage (ein Kräutergarten, in dem mörderische Arbeitsbedingungen herrsch­ten). In der heimlichen Lagerseelsorge war P. Engelmar voll Engagement am Werk.
Im Dezember 1944 brach in Dachau eine Flecktyphus-Epidemie aus, an der pro Tag über 100 Menschen starben. Die Kranken lagen oft tagelang im eigenen Kot, verfielen dem Wahnsinn und waren mit Läusen, Flöhen und Wanzen bedeckt. P. Engelmar war einer der wenigen, die freiwillig in diese Todesbaracken gingen.
Unter größter Ansteckungsgefahr säuberte er die Baracken, wusch die zu Skeletten abgemagerten Kranken und spendete den Sterbenden die Sakramente. Alsbald war P. Engelmar selbst schwer erkrankt: Diagnose Flecktyphus im fortgeschrittenen Stadium. An dieser Krankheit starb er auch am 2. März 1945 im KZ. Sein Mithäftling Pfarrer Richard Schneider erreichte, dass er getrennt von den anderen Leichen verbrannt wurde und ließ die Asche aus dem Lager schmuggeln.
In seinem letzten Brief an seine Schwester Regina aus dem KZ Dachau verkündet er sein Vermächtnis, das da lautet: „Liebe verdoppelt die Kräfte, sie macht erfinderisch, macht innerlich frei und froh. Es ist wirklich in keines Menschen Herz gedrungen, was Gott für diejenigen bereithält, die Ihn lieben. Freilich trifft auch sie die rauhe Diesseitswirklichkeit mit all dem Hasten und Jagen und dem ungestümen Wünschen und Fordern, mit ihrer Zwietracht und ihrem Hass wie ein beißender Frost, aber die Strahlen der wärmenden Sonne der Liebe des allgütigen Vaters sind doch stärker und triumphieren, denn unsterblich ist das Gute, und der Sieg muss Gottes bleiben, wenn es uns auch manchmal nutzlos erscheint, die Liebe zu verbreiten in der Welt.“
Ein Märtyrer ist normalerweise einer, der um des Glaubens Willen verfolgt und getötet wird. Ein „Märtyrer der Nächstenliebe“ tut ähnliches – ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben anderen helfen zu wollen – mit der Gewissheit, dies höchstwahrscheinlich nicht zu überleben.
Diese Bezeichnung „Märtyrer der Nächstenliebe“, auf den jungen Mariannhiller Missionar bezogen, stammt ursprünglich von ehemaligen KZ-Mit-Häftlingen aus der sogenannten Priesterbaracke (Block 26). Wie kann man das verstehen?
Stimmen von jenen, die die Schrecken der KZ-Zeit überlebt haben und einhellig von P. Engelmar berichteten, verglichen sein Leben mit jenem von P. Maximilian Kolbe, der auch aus Liebe anstelle eines Mithäftlings in den Hungerbunker ging, um das Leben eines Mithäftlings zu retten – was ihm auch gelungen ist.
P. Engelmar tat ähnliches: Aus Liebe zu den an Typhus Erkrankten, stellte er sich bereit, in die berüchtigte Typhusbaracke zu gehen, um den dort Sterbenden die Sakramente zu spenden, ihnen beizustehen, zu helfen, sie zu pflegen – wissend, dass er sehr wahrscheinlich dann auch an dieser hochansteckenden Krankheit erkranken und sterben würde. Trotz dieses Wissens stellte er sein eigenes Leben hintan, um anderen zu helfen und seelsorglich beistehen zu können.
Es war aber nicht (nur) diese heroische Tat von P. Engelmar, die ihm nicht nur den Tod, sondern ebenso den Beinamen „Engel von Dachau“ eingetragen hatte. Sein unermüdliches Wirken und Handeln in den Baracken und Arbeitsstätten, sein nicht enden wollender Optimismus trotz jeglicher Hoffungslosigkeit, Müdigkeit, Hunger, Kälte, Entbehrungen, Schmach, Folter, den Tod immer vor Augen sprach er anderen Mut und Trost zu. Obwohl dies streng verboten war, wirkte er als Seelsorger selbst an diesem „höllischen“ Ort.  
In allen seinen überlieferten Briefen klagte er nie über sein Schicksal. Er war immer guten Mutes und in der Hoffnung, das Lager wieder verlassen zu können. Trotz der schrecklichen und ausweglosen Zeit im Lager schreibt P. Engelmar vom „Großmut Gottes“ – und verliert trotz seines kurzen Lebens und der traumatisierenden Erlebnisse nie die Hoffnung. Zitate aus diesen Briefen: „Wir sind allezeit in Gottes Hand und Er weiß, alles zum Guten zu lenken.“ Und: „Im Vertrauen auf Gott schauen wir in die Zukunft.“ Mehrere ähnliche Zitate sind uns erhalten geblieben.
Dachau war für P. Engelmar nicht nur ein Ort qualvoller Leiden und unmenschlicher, abscheulicher Untaten, sondern auch – man wird es kaum glauben – „eine Schule des Betens und der seelischen Erneuerung“.
Hier, im Umfeld des Bösen, hat P. Engelmar Gott intensiv gesucht – und gefunden. Hier hatte er „seinen Missionseinsatz“, hat er unermüdlich missionarisch gewirkt, marianisch gebetet und hier reifte er zu wahrer innerer Größe. Das beweisen – neben den Dutzenden von Aussagen ehemaliger Priesterhäftlinge – in besonderer Weise eben die Briefe, die P. Engelmar aus dem KZ heraus geschrieben hat.
Letztlich opfert er sich als Freiwilliger für die Pflege in den  mit Typhus verseuchten Baracken, um dort bei den Sterbenden Seel­sorger sein zu können. In diese Todesbaracken traute sich kein Aufseher mehr hinein,  und so konnten Priester, die dort waren, gefahrlos Sterbenden beistehen, sie pflegen, ihnen die Sakramente spenden, was ja sonst im Lager strengstens verboten war. Sie konnten also genau das tun, wofür sie geweiht worden waren.
Das zentrale Wort P. Engelmar’s: „Was aus Liebe zu Ihm gegeben wird...“ Hier trennt sich der Spreu vom Weizen, die Liebe macht’s aus, die Liebe ist der Knackpunkt. Wir Christen sagen – und glauben: Gott ist die Liebe. So ist es ein und dasselbe, die Liebe – mit der wir geben – und die Liebe zu Gott.
Papst Benedikt XVI. hatte 2009 den heroischen Tugend­grad bestätigt. Am 24. September 2016 wurde P. Unzeitig im Würzburger Dom seliggesprochen. Papst Franziskus hat ihn dann offiziell als einen „Märtyrer der Nächstenliebe“ vorgestellt, der im KZ zu Dachau den Tod eines Märtyrers gestorben sei. Er nannte ihn auch den „Der Engel von Dachau“  – ein Vorbild für alle Christen.
Ein einfacher Tiroler Priester aus der Kongregation der Mariannhiller, P. Eugen Krismer, inzwischen schon verstorben, war maßgeblich an der Seligsprechung seines Mitbruders P. Engelmar beteiligt, dessen Gedenktag der 2. März ist.
Das Tagesgebet zu seinem Fest lautet: „Allmächtiger, ewiger Gott, du hast dem seligen Märtyrer Engelmar die Gnade geschenkt, inmitten der Grausamkeit der Gefangenschaft deine barmherzige Liebe zu bezeugen. Gib auch uns auf seine Fürsprache die Kraft, die Schwestern und Brüder mit Hingabe zu lieben und ihnen voll Erbarmen zu dienen. Darum bitten wir durch Jesus Christus.“

Empfehlenswert ist das Buch:
Eine Spur der Liebe hinterlassen von Adalbert. L. Balling, Verlag Mariannhill,  die Biografie von P. Engelmar: ein schonungsloser, erschütternder Tatsachenbericht, der ausführlich über das Leben im KZ und in der Priesterbaracke berichtet.



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