VISION 20001/2021
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Wo die Heilige Familie wohnte, bevor sie fliehen musste

Artikel drucken Die „Milch-Grotte“ in Bethlehem (Karl-Heinz Fleckenstein)

 Im Herzen von Bethlehem befindet sich eine  Kapelle über der  Grotte „Magharet Sitti Maryam“, wie sie die Christen vor Ort bezeichnen. Es ist die Grotte  „Unserer Lieben Frau Maria“ oder „Milchgrotte“ genannt, in der die Heilige Familie gewohnt haben soll.

Gemäß einer  frühchristlichen Tradition hielten sich Maria und Josef nach der Geburt Jesu in einem Stall von Betlehem  (Lk 2, 7) eine gewisse Zeit in dieser Haus- oder Wohngrotte mit ihrem Kind auf. Dort hätten auch  die Sterndeuter aus dem Morgenland  als Vertreter der nichtjüdischen Welt das göttliche Kind verehrt.
Diese Tradition beruft sich auf den Evangelisten Matthäus (Mt 2,11), wo es heißt: „Als sie in das Haus gekommen waren, sahen sie das Kind mit Maria, seiner Mutter, und sie fielen nieder und huldigten ihm.“ Hier hätte auch Josef im Traum die Botschaft erhalten, vor den Soldaten des Herodes nach Ägypten zu fliehen (Mt  2,13-14):  „Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.  Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.“
Eine  außerbiblische  Überlieferung aus dem 6. Jahrhundert  erzählt weiter: „Nachdem Joseph  von einem Engel vor der drohenden Gefahr für das Kind gewarnt war,  bereitete er sich sofort auf die Reise vor und drängte die stillende Jungfrau, aufzubrechen. In ihrer Eile fielen ein paar Tropfen Milch zu Boden und der rosa Stein der Grotte wurde weiß.“ Der weiße Kalkfelsen der Grotte ist auf jeden Fall eine geologische Besonderheit der Gegend.
Tatsache ist, dass die  Milchgrotte seit den ersten Jahrhunderten als „Haus der Heiligen Familie“ verehrt wird. Auch der Kirchenvater Hieronymus, der im 4. Jahrhundert über 30 Jahre in Bethlehem verbracht hat, berichtet davon. Um 385 wurde eine Kapelle darüber errichtet. Mosaik­fragmente, Kreuze und Spuren von ursprünglichen Mauern sind bis heute erhalten geblieben.
Ab dem 7. Jahrhundert  brachten Pilger Fragmente aus der Höhle, sogenannte „Marienmilch-Reliquien“ als Erinnerungsstücke nach  Europa mit:  Bruchstücke von pulverisiertem Gestein. Die ältesten, bekannten Beispiele sind zwei: Karl der Große erhielt nach 800 eines davon, das in einer Kirche der Picardie untergebracht wurde. Bischof Ascetino brachte eine  Reliquie während der Belagerung von Ascalon im Jahr 1123 in das Lager Balduins III.
Ab dem 6. Jahrhundert hält das Gnadenbild der „Maria lactans“ – der „stillenden Madonna“  – Einzug in den Marienhymnus von Venantius Fortunatus,  ein lateinischer Dichter, Hymnodist und Bischof der frühen Kirche:  „Du höchste Herrin, schönste Frau, hoch über Sternen steht dein Thron. Du trugst den Schöpfer, der dich schuf und nährtest ihn an deiner Brust“.
Der russische Pilger Abt Daniel, der von 1106-1107, das Heilige Land bereiste, schreibt über die Milchgrotte: „Nicht weit von der Geburtskirche, ein Steinwurf gegen Mittag hin, findet sich eine große, in den Berg gehauene Grotte. In dieser Grotte hat die heilige Jungfrau mit Christus und  dem heiligen Josef gewohnt.“   
In einer  Proklamation  von Papst Gregor XI im Jahre 1375 wurde der Ort als heilige Stätte offiziell von der Kirche  anerkannt. Die Franziskaner  bauten 1872 eine kleine Kirche darüber. Kunsthandwerker aus Bethlehem  schmückten den Schrein als Ausdruck ihrer Liebe zu Maria mit Perlmutt-Schnitzereien. Außerdem  findet der Besucher dort mindestens ein  Dutzend  von Gemälden, wie Maria das Kind stillt.  
Das göttliche Wort ist eben zum Menschen geworden. Mit all seinen Bedürfnissen. In Windeln gewickelt. An der Mutterbrust genährt. In intimer Beziehung zu seiner Mutter. So wird das Gotteskind zu einem sterblichen Menschen, damit wir sterbliche Menschen das göttliche Leben empfangen.
Vor allem aber macht diese Grotte deutlich,  dass Maria die Mutter der Kirche ist und ihre Kinder  zu einer tiefen  Beziehung zu ihrem Sohn führen und all jene einladen will, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und zu kurz gekommen sind.   Teilte  sie  doch selbst das Schicksal eines Flüchtlings, das so viele Millionen Menschen heute erfahren.
Wer sich in der Milchgrotte  etwas länger aufhält, sieht vielleicht die eine oder andere Frau, wie sie   ihre Finger in das Öl des „ewigen Lichtes“ taucht und  damit  ihre Brust berührt oder ganz selbstverständlich vor dem Bild der Madonna ihr Kind stillt. Ein wunderbarer, heiliger  Moment an diesem biblischen  Ort. Kinderlose Frauen verschiedenster  Religionen pilgern seit Jahrhunderten dorthin, um ein Kind  zu erbitten.  Ein starker Glaube und das Gebet können tatsächlich  Wunder bewirken, was Zehntausende Mütter erlebt  haben. In einem Nebenraum sind die Wände vollgepflastert mit  Briefen und Babyfotos von Menschen aus aller Welt als  Zeugnis für Gebetserhörungen.  
Eine Mutter aus Spanien schreibt: „Carmen ist ein Geschenk des Himmels.“ Ein Ehepaar aus Irland: „In tiefer Dankbarkeit Unserer Lieben Frau für unseren Sohn Jamie.“ Eine Frau aus Venezuela gebar nach fünf Fehlgeburten ihr  „Wunderbaby Leonardo Jose“. Manche Eltern bringen  ihre Kinder aus weit entfernten Ländern wie Sri Lanka, den USA, Kanada, Bermuda oder England zu dem kleinen Schrein in der Grotte, um danke zu sagen.
Eigentlich ist es nicht verwunderlich, dass direkt  daneben ein Kloster der  Schwestern von der ewigen Anbetung des  Allerheiligsten Sakraments im Jahr 2006 gegründet wurde. In enger Zusammenarbeit mit den Franziskanern geben diese Schwestern aus  Brasilien, Frankreich, Spanien, Polen, Mexiko, Irland und den Philippinen  dort ein Zeugnis ihres gemeinschaftlichen Lebens; denn die Anbetungskapelle ist mit einem Gang durch die Milchgrotte verbunden.
Die  einheimischen Christen wie auch die Heilig-Land- Pilger können dort vor dem Allerheiligsten, wo immer eine Nonne anwesend ist, in stiller Anbetung verweilen oder ihre Gebetsanliegen auf einem Zettel schriftlich hinterlassen. „Die lauten  Rufe der Muezzin von den benachbarten Minaretten stören die Schwestern nicht,“ versichert die Oberin Maria von Jesus. „Auch die israelische Mauer vor Bethlehem bedeute für unsere Gemeinschaft kein Problem, da die Schwestern ihr Leben „ohnehin freiwillig hinter Mauern verbringen“.


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