VISION 20001/2021
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Du musst lernen loszulassen

Artikel drucken Anregungen, um in Krisenzeiten bestehen zu können

Wir leben schon bald ein Jahr lang in einer Art Ausnahmezustand. Gewohntes ist nicht mehr möglich, Erwartungen werden enttäuscht, Verunsicherung greift um sich, Kon­takte werden seltener und problematischer… Es gilt, sich dieser Herausforderung zu stellen und in einen „geistigen Kampf“ einzutreten. In seinem neuen Buch gibt P. Guibert dazu einige Anregungen:

Befürchten Sie nicht, dass Ihr Buch über den geistigen Kampf Ihren Lesern Angst einjagt?
P. Joel Guibert: Es stimmt schon, dass dieser Begriff auf ersten Blick entmutigend wirken kann. Aber er ist untrennbar mit dem Untertitel „Schlüssel für den inneren Frieden“ verbunden. Das Anliegen ist jedenfalls extrem positiv! Es geht nicht um die Tugend um der Tugend willen, nicht um eine masochistische Haltung, sondern darum, sich als Mensch zu entfalten. Wachstum und tiefe Gottverbundenheit werden nur durch diesen Kampf ermöglicht.

Heute ist Selbstverwirklichung sehr in. Besteht da ein Unterschied zum geistigen Kampf?
P. Guibert: Beide Methoden verfolgen das gleiche Ziel: das Glück. Beide erfordern es, dass man sich selbst durchschaut und lernt, sich anzunehmen. Die Selbstverwirklichung kann allerdings zu einer Art Selbstzentrierung führen, während der geistige Kampf die Selbsthingabe anstrebt. (…)  Der geistige Kampf lädt dazu ein, sich der Realität zu stellen und Gefahren auf sich zu nehmen…

Wer einen Kampf führen will, muss seinen Gegner kennen. Woher kommen die meisten Versuchungen?
P. Guibert: Die Tradition der Heiligen Schrift, zusammengefasst bei Johannes vom Kreuz und Thomas von Aquin, nennt drei Feinde: das Fleisch, die Welt, den Teufel. Ersteres bezeichnet das Menschliche, das nur auf die eigenen Kräfte setzt. Das Zweite symbolisiert den „Geist der Welt“: das Geld, die Kultur des Todes, den Individualismus… Den dritten kennen wir gut.


Ist es nicht passé, vom Teufel zu reden?
P. Guibert: Papst Franziskus spricht viel und komplexfrei von ihm. Katholiken aber ist es oft peinlich, wenn von ihm die Rede ist. Jedoch außerhalb dieses Milieus strahlt er eine gewisse Faszination aus. Dennoch muss man das Bild zurechtrücken: Er ist der „Herrscher der Welt“, deren wahrer König Jesus ist. Er wirkt durch Versuchung, im Wege unserer Sinne, bis unsere Phantasie angesprochen wird: ein Whisky-Geruch, der einen Ex-Alkoholiker vom Nebentisch herweht, eine empfindliche, in unserem Gedächtnis vergrabene Erinnerung, die hochkommt, um zwei Personen auseinanderzubringen. Er wirkt auf unsere Gefühlswelt und verstärkt einzelne Aspekte (die Angst, die Entmutigung), aber er kann auch unsere Tugenden zu Sünden verleiten. Ich denke an die Gründer von Gemeinschaften, die im Zuge der Miss­brauchskrise vor nicht allzu langer Zeit zu Fall gekommen sind… Wo es Erfolge gibt, da lauert der Dämon.

Welche Haltungen braucht der geistige Kampf?
P. Guibert: Vor allem muss man Hingabe erlernen. Je mehr wir es schaffen, uns „von Gott her“ anzunehmen, umso mehr sorgt Er für uns, umso mehr Raum nimmt Er in uns ein. Von Natur aus haben wir den Drang alles unter Kontrolle zu haben. Aber Jesus sagt uns: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und dann wird euch alles andere dazugegeben werden.“ (Mt 6, 24-34) Warum sich wegen morgen sorgen oder sich mit Schuldgefühlen wegen Vergangenem herumschlagen? Der gute Gott hat einen Plan der Liebe für uns. Ihn schreibt man vierhändig: mit Seinen und meinen Händen. Dieser Plan lässt sich nur verwirklichen, wenn wir das „Ja“ der Hingabe sprechen.

Wie macht man es, „ja“ zu Gott zu sagen?
P. Guibert: Zuerst muss man ja zum eigenen Leben sagen. Die Hingabe erfordert, dass man sich selbst und seine Geschichte annimmt. Ich möchte sogar sagen: Unser Versagen und unsere Sünden können am Beginn unseres Weges stehen, den barmherzigen Gott zu preisen. Die Dankbarkeit hat einen unglaublich wohltätigen Einfluss auf unseren Leib und unsere Psyche. Und sie wirkt ansteckend auf unsere Umgebung. „Danke“ sagen, sich bewusst machen, was uns alles seit unserer Geburt geschenkt worden ist und was wir täglich von Gott empfangen, erfüllt das Herz mit Freude. Nicht mehr selbst­zentriert sein, um sich auf den Geber auszurichten, ist einfach heilsam.

Der Schlüssel zum geistigen Kampf heißt also: Lass los von dir?
P. Guibert: Der Mensch findet nur dann zu sich, wenn er sich selbstlos hingibt. Wir sind alle weitgehend von der Krankheit der Selbstliebe befallen, von der schon die Kirchenväter gesprochen haben. Sie kommt vom Kult des Ego und dessen zwanghaftem Stolz. Als Antwort darauf muss man in die Schule der Selbstvergessenheit gehen. Diese „Reinigung“ erfolgt durch kleine Schritte im Alltag: durch die Kampfansage an den Perfektionismus, der von der Selbstliebe herrührt, durch das Nichtbeachten, dass uns ein Danke vorenthalten blieb… Wir haben einfach keine Kontrolle über die Art, wie andere uns lieben. Das wahre Glück findet man in der hingebenden Liebe, die den anderen nicht in Besitz nimmt, sondern ihm nur Gutes will.

Kann man, in der Art zu lieben, fehlgehen?
P. Guibert: Manche Leute lieben in Besitz ergreifender Weise, die selbstbezogen ist. Sie sind großzügig, mildtätig – aber in der Hoffnung, dass dies eine Gegenleistung einbringt. Immer wenn ich die Freude oder den Frieden in einer solchen Beziehung verliere, sollte ich mich fragen: Ist meine Reaktion nicht auf eine selbstbezogene Liebe zurückzuführen, die meinen Frust und meinen Rückzug erklären könnte? Versuchen wir, von der Besitz ergreifenden zur hingebenden Liebe zu gelangen.

In diesem Kampf  sprechen Sie auch davon, man müsse Gedanken bekämpfen, die einem das Herz vergiften.
P. Guibert: Sein Inneres zu schützen, steht im Zentrum des geistigen Kampfes. Negative Gedanken, nicht zurück gedrängte Anfälle von Traurigkeit, irrationale Sorgen um das Morgen… Gedanken, die vergiften, sperren uns in uns selbst ein. Wir sind nicht dafür verantwortlich, dass sie uns befallen. Aber wir haben die Macht, sie zu stoppen, indem wir sie abdrehen…

Auszug aus einem Interview, das Marguerite Lefèbvre für Famille Chrétienne v. 20.11.20 geführt hat. P. Joel Guibert ist gefragter Leiter von Exerzitien und Einkehrtagen und Autor des kürzlich erschienenen Buches Combat spirituel (Geistiger Kampf), Artège Verlag, 288 Seitien, 17,66€.

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