VISION 20004/1999
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Der ungestillte Durst nach Gott

Artikel drucken Hilfe für Alkoholkranke (Irene Ertl)

Das 20. Jahrhundert wurde bereits als Zeitalter der Süchte bezeichnet. Immer mehr Menschen werden heute abhängig, sei es nun von Alkohol, Drogen, Glücksspiel und vielem mehr. Warum ist das so? Auf diese Frage gibt es sicherlich mehrere mögliche Antworten und unzählige Theorien. Die eigentliche und tiefste Wurzel der Sucht beschreibt jedoch der Tiefenpsychologe C.G. Jung So: "Alkoholismus ist auf niederer Stufe das Äquivalent für den spirituellen Durst nach Gott."

Nicht nur der Alkoholismus, sondern auch jede andere Sucht kommt aus der Sehnsucht nach dem ursprünglichen paradiesischen Zustand, in dem der Mensch mit Gott, mit sich selbst und mit den anderen Menschen in Frieden und Harmonie lebte.

Süchtige Menschen versuchen, ihr Verlangen nach innerem Frieden und seelischer Befreiung mit Hilfe eines Ersatzmittels zu befriedigen. Das hat zur Folge, daß sie sich in schwere Beziehungskonflikte hineinmanövrieren und ihre tiefe Sehnsucht nach Gott ungestillt bleibt.

Als eigentliche Störung verbirgt sich hinter Alkoholismus und anderen Formen von Abhängigkeit häufig eine depressive Grundstimmung. Aufgrund von Mängeln in ihrer Persönlichkeitsentwicklung erleben sie sich minderwertig und schwach. Deshalb sind sie oft nicht nur von einem Stoff abhängig, sondern auch von der starken Zuwendung der Menschen ihrer Umgebung. So kommt es zu überhöhten Ansprüchen und Riesenerwartungen, die zwangsläufig zu Enttäuschungen führen. Vorwürfe und Distanzierung sind die Folge, worauf die Umgebung mit Rückzug reagiert. Dadurch isoliert sich der Suchtkranke immer mehr.

Er empfindet sein Leben zunehmend als sinn- und hoffnungslos. Um diesen Zustand ertragen zu können, versetzt er sein Gehirn durch Suchtmittel in einen Narkosezustand. Das verschafft zunächst Erleichterung gibt Scheinlösungen für die Probleme. Das Verlangen nach diesem Zustand beherrscht den Abhängigen aber mehr und mehr. Um diesen Zustand wieder und wieder herbeizuführen, setzt er alles ein, auch Unaufrichtigkeit und Täuschungsmanöver gegenüber seiner Umwelt.

Allerdings verschlechtern sich dadurch die Beziehungen zu seinem Umfeld mehr und mehr. Ein Teufelskreis hat begonnen. Aus ihm kommt kaum jemand allein heraus. Um diesen Menschen Hilfestellung zu geben, wurde in Wien vor drei Jahren eine Beratungsstelle des Blauen Kreuzes, dessen Grundlage die Heilige Schrift ist, eingerichtet. Betreuung, Beratung und Begleitung sind unser Anliegen.

Denn der Weg aus der Abhängigkeit ist lang und holprig. Es ist dann aber umso schöner, wenn ein Mensch mit dem alten Leben bricht, mit sich und Gott ins Reine kommt, und ein sinnvolles, neues Leben beginnt. Natürlich gibt es in dieser Arbeit auch genügend frustvolle Momente, wenn Leute die Begleitung abbrechen oder wieder zu trinken beginnen. Ohne Gottes Kraft, Gebet und dem klaren Wissen, daß diese Arbeit ein sehr wichtiger Dienst, ja eine Berufung ist, könnte wohl kaum jemand längere Zeit dabeibleiben. Diese "Verbindung nach oben" ist wohl die Basis für solch eine Arbeit. Gott gibt Kraft und auch die Freude für unser Tun.

Österreich zählt zu den Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum: 10,5 Liter reinen Alkohols pro Kopf werden jährlich konsumiert. Die Zahl der chronisch Alkoholkranken wird (offiziell) mit 300.000 Personen angegeben. Mindestens 500.000 sind schwer alkoholgefährdet!

In einem Land, wo ganze Landstriche nach alkoholischen Getränken benannt sind (Most- und Weinviertel), ist es natürlich nicht leicht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Deshalb ist es für jemanden, der einmal in die Abhängigkeit hineingerutscht ist, immens schwer, gegen diesen "Alkoholstrom" zu schwimmen.

Er gilt als willensschwach, wenn er in den Augen der Umwelt unmäßig trinkt, jedoch wird ihm Unmännlichkeit vorgeworfen, wenn er nicht trinkt. Kaum jemand hat Verständnis dafür, wenn zu Sylvester oder zum Geburtstag nicht mit Alkohol angestoßen wird. Es bedarf einer großen Willenskraft und Ich-Stärke, hier keinen Alkohol zu trinken. Oft wird man dann als langweiliger Außenseiter abgestempelt.

Nun ist es leider so - dieses Wissen ist leider nicht allzu verbreitet - daß ein alkoholkranker Mensch nie mehr "normal" trinken kann. Er muß sich also vom Alkohol fernhalten, da er sonst zu einem unmäßigen Trinken zurückkehren wird. Das ist sowohl für den Betroffenen wie für seine Umgebung schwer zu akzeptieren. Trotzdem ist es der einzige Weg, diese Krankheit zum Stillstand zu bringen. Aus diesem Grund leben wir Mitarbeiter abstinent. Es ist für alkoholkranke Menschen eine große Hilfe, wenn sie bei anderen sehen, daß es nicht unmöglich ist, ohne Alkohol zu leben. Die meisten können sich das am Anfang der Begleitung überhaupt nicht vorstellen.

Das Blaue Kreuz will solch eine Anlaufstelle sein, wo all die kommen können, die von ihrer Umgebung und Familie schon abgeschrieben wurden. Es wird ihnen mit Würde und Nächstenliebe begegnet. Keiner verachtet den Menschen, wenn er zum xten Mal das ganze Einkommen an einem Wochenende versoffen hat. Es ist so wichtig den Menschen ihre Würde wieder zurückzugeben, ihnen die Hand zu reichen und Hoffnung in sie zu setzen. Dann ist Heilung möglich, eine tiefe Begegnung zwischen zwei Sündern, die letztlich beide nur von der großen Gnade Gottes leben und wo keiner über dem anderen steht.

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