VISION 20004/1999
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Der selige P. Jakob Kern

Artikel drucken Botschaft an uns (Wolfgang Stadler)

Im Römerbrief, im 5. Kapitel, schreibt der Apostel Paulus sinngemäß, daß kaum jemand für einen Gerechten, höchstens vielleicht für einen guten Menschen sein Leben wagen würde. Gott denke da anders: "Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren." Sünder sein heißt aber, sich von Gott getrennt zu haben, abtrünnig geworden zu sein. Besonders tragisch ist es, wenn ein Priester sich von seiner Berufung trennt, abtrünnig wird, weil seine Sünde keine "private" ist, sondern sich in ihren Auswirkungen vervielfachen muß. In Wahrheit ist das eine Katastrophe.

Gibt es andererseits Menschen, die, aus dem Erkennen des Unheils der Sünde, den Weg der stellvertretenden Sühne zu gehen bereit sind? Die ihr eigenes Leben still einsetzen, um die Sünde eines Abtrünnigen wieder gut zu machen?

Am 21. Juni 1998 wurde P. Jakob Kern seliggesprochen, der "durch Akte der Sühne dem heiligsten Herzen Balsam in die Wunden träufeln" wollte, der diesen schweren Weg in der Christusnachfolge, den der persönlichen Sühne für einen abtrünnigen Priester ging.

Sein kurzes Leben ist schnell beschrieben. Am 11. April 1897 wurde Franz Alexander Kern in Wien, Breitensee, geboren. Seine Eltern waren gläubige Leute, die Mutter erbat ihrem noch Ungeborenen die Gnade einer Berufung und weihte ihn schon damals der Mutter Gottes. Als kleines Kind fühlte er sich bereits sehr stark zu Gott hingezogen, spielte mit Vorliebe "Priester" und freute sich über einen Altar mehr als über eine Spielzeugeisenbahn.

Als Volksschüler besuchte er trotz des Spottes seiner Kameraden täglich die Heilige Messe und bekam offenbar schon damals die Gabe des inneren Gebetes. Für ihn stand seine priesterliche Berufung immer außer Zweifel, groß war daher seine Freude, als er 1908 in das Hollabrunner Knabenseminar eintreten durfte. Mit 15, mitten in der Pubertät, legte er das Gelübde ewiger Keuschheit ab; er liebte den Rosenkranz und die Herz-Jesu-Verehrung - und war (darin stimmen alle Zeugnisse überein) - trotzdem!? - ein fröhlicher und ausgeglichener junger Mann.

1915 mußte der Maturant zum Militär. Aber auch als Soldat blieb er seiner Berufung zum Priester treu. Wenngleich es ihm anfangs viel Spott von seinen Kameraden eintrug, als er, sooft es ihm der Dienst erlaubte, zur hl. Messe ging, blieben sein Glaube und seine Festigkeit nicht ohne Wirkung auf die rauhen Soldaten in seiner Kompanie. Bald bezeichneten sie ihn als ihren Schutzengel - und suchten an der Front möglichst seine Nähe.

Am 1. Jänner 1916 bat er in der St.Blasius-Kirche in Salzburg vor dem ausgesetzten eucharistischen Heiland, der für ihn "das Liebste auf dieser Welt" war, für Ihn leiden zu dürfen. Diese Bitte sollte ihm bald erfüllt werden.

An der Front in Südtirol bekam er zunächst eine Knieverletzung, am 11. September 1916 wurde er durch einen Gewehrschuß, der Leber und Lunge verletzte, schwer verwundet. Damit begann sein langer Leidensweg. Da die Wunde wegen einer Sepsis nicht ausheilen konnte, mußten immer wieder Operationen an ihm vorgenommen werden - ohne Narkose.

Monatelang schwebte Franz Kern zwischen Leben und Tod, aber sein Wille, Priester zu werden, blieb ungebrochen: "Lieber Gott, laß mich nur so lange leben, bis ich einmal das hl. Meßopfer dargebracht habe." Obwohl seine gesundheitliche Situation hoffnungslos erschien und von entsetzlichen Schmerzen begleitet war, empfand er sich keineswegs als arm oder leidend: "...Ich bin nicht arm".

Und er lebte aus dem Bewußtsein, "daß Gott immer und zu allen Zeiten Menschen braucht, die einen zum Arbeiten, die anderen zum Leiden. Und wenn mich der Heiland zum Leiden bestimmt hat, bin ich bereit, solange es der Herr haben will." Im Oktober 1917, als er vom Militärdienst krankheitshalber beurlaubt worden war, trat er, statt sich zu erholen, in das Wiener Priesterseminar ein, um das Theologiestudium zu beginnen.

Das Leben während des Krieges und das Leiden, dem er ausgesetzt war, ließen ihn zur Erkenntnis heranreifen, "wenigstens einigermaßen geläutert in die heiligen Hallen des Priestertums eintreten zu dürfen ... Ich habe gesehen, wie wenig Ideale die Welt besitzt und gelernt, wie schön es ist, trotz äußerer Verachtung beim göttlichen Herzen in die Schule zu gehen."

Obwohl er bei schwacher Gesundheit war und immer wieder unter Bluthusten litt, studierte er bis zum Äußersten seiner Kräfte. Als es dann im Jänner 1920 in Prag zum großen Abfall von 140 Priestern kam, welche, angeführt vom Prämonstratenser Isidor Zahradnik, eine tschechische Nationalkirche gründeten, fühlte sich Kern von dieser Treulosigkeit zutiefst getroffen. Für ihn war diese Untreue eine Katastrophe, und wäre auch durch noch so ausgeklügelte Begründungen nicht vom Sündenmakel befreit worden.

Nun aber geschah die in seinem Leben ganz entscheidende Wendung: anstatt zu klagen und Schuld zuzuweisen, entschloß er sich, selbst in stellvertretender Sühne für den Abtrünnigen in das Prämonstratenserstift Geras einzutreten.

Am 18. Oktober 1920 wurde er in das Noviziat aufgenommen und erhielt den Ordensnamen Jakob. Im Juli 1922 hatte er seine theologischen Studien abgeschlossen und am 23. Juli 1922 wurde er von Kardinal Piffl im Dom zu St. Stephan in Wien zum Priester geweiht - obwohl große gesundheitliche Bedenken bestanden und er noch nicht die ewigen Gelübde abgelegt hatte, so überzeugend war seine tiefe Sehnsucht nach dem Priestertum.

1923 begann die Wunde seiner Kriegsverletzung wieder zu eitern, sodaß ihm vier Rippen - wieder bei vollem Bewußtsein - entfernt werden mußten. Nach einem Aufenthalt in Meran und vorübergehender Besserung mußte er im September 1924 abermals operiert werden, am 20. Oktober 1924 starb er während einer weiteren Operation im AKH in Wien.

Sein Priesterleben war trotz seiner Kürze erfüllt. Er war geschätzt und gesucht als Prediger, in der Jugendarbeit und im Beichtdienst; als Krankenseelsorger scheute er keine Mühe. Jakob Kern war sich bewußt, daß Glauben eine unverdiente Gnade Gottes ist, und immer wieder betonte er, welch großes Glück es sei, der heiligen Kirche angehören zu dürfen. Sünde war für ihn das ärgste Unglück - und kein Betriebsunfall oder eine Bagatelle; er sah ganz realistisch ihre Tücke als "mit der Gottesliebe unvereinbar ... sie ist das beständige Gift, das nach und nach den gesunden Organismus gefährdet."

Die schreckliche Kriegsverletzung stammte übrigens aus einem Fehlschuß aus den eigenen Reihen. Ob Jakob Kern damit nicht auch einem Soldaten der anderen Seite unbewußt das Leben rettete, ist ein unbeweisbarer Gedanke, denn nur Gott allein kennt die Zusammenhänge.

Daß aber Gott, wenn er jemandem Leiden zumutet, diese nie bloß auf das für uns erkennbare Maß des Verstehens beschränkt, sondern weit in Seine für uns undurchschaubaren Gedanken hineinreichen läßt, ist eine Tatsache und nachzulesen z. B. in der Apostelgeschichte und den Briefen der Apostel.

Die segensreichen Auswirkungen ihrer Leiden (und die der Menschen aller Zeiten, welche die Christusnachfolge lebten), waren stets weit größer als allein der persönlichen Heiligung dienend.

Ähnlich scheint es mir auch bei Jakob Kern zu sein: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt," sagt Jesus. Verborgen, unscheinbar, setzte Kern sein Leben durch seine Hingabe an den - auch durch Seine Kirche! - leidenden Christus ein, auch zum Zeichen für uns, wenn wir an den Vorgängen in unserer geliebten Kirche schier verzweifeln könnten.

Denn es gilt nicht nur: Was gibt mir die Kirche, sondern auch: was kann ich für die Kirche, wenn sie sich zunehmend der Welt anpaßt und das Eigentliche des Glaubens aufzugeben in Gefahr ist, ganz persönlich einsetzen?

Das scheint mir auch die Botschaft des Seligen zu sein: sich selbst in Demut durch Treue, Gebet und Ertragen (anstelle von Klagen und Anklagen) einbringen in den mystischen Leib der Kirche; denn, wie Paulus in 1 Kor. 12, 26 schreibt, "wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm."

Übrigens: Der abtrünnige Priester Zahradnik versöhnte sich vor seinem Tod mit Gott und der Kirche ...

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