VISION 20005/1999
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Du fühlst Dich grenzenlos allein, nicht wahr?

Artikel drucken Brief an eine schwangere Frau (Von Karin Struck)

Mir muß niemand sagen, wie du dich fühlst. Die Schwangerschaft hat dich überrascht, du bist entsetzt und in Panik. Alles scheint über dir zusammenzustürzen. Du willst nur noch Ruhe und hast das Gefühl, in einem Alptraum zu sein. Du siehst die Schwierigkeiten vor dir, du glaubst, es nicht zu schaffen. Nicht jetzt.

Aber da ist doch auch der Gedanke an das Kind. Du weißt, daß es schon ein Kind ist, von Anfang an. Nur du spürst noch nichts. Keine Kindsbewegung. Die Füßchen treten noch nicht gegen deine Bauchdecke, du kannst noch so tun, als sei das Kind nicht da. Du kennst es aber vielleicht von deinen vorhergehenden Schwangerschaften. Vielleicht ist es für dich aber auch das erste Mal, und da ist alles noch viel beunruhigender.

Du hast Angst vor dem Unbekannten, vor den finanziellen, den wirtschaftlichen und den zeitlichen Anforderungen. Wobei nicht ganz klar ist, ob du diese Angst wirklich selbst hast oder ob sie dir nur eingeredet wird. Wenn du ganz ehrlich bist, setzt du der Stimmng von Skepsis und Besorgnis der Umgebung wenig entgegen. Du hast dazu augenblicklich nicht die Kraft. Da müßte jemand sein, der dir Kraft gibt oder dich an deine eigene nur verborgene und verschüttete Kraft erinnert.

Aber eben der, der sie geben könnte, versagt oder ist bloß beschäftigt, vielleicht gleichgültig, vielleicht aggressiv gegen dich. Der Vater des Kindes, das du erwartest, stützt dich nicht, er macht dir Kummer, er will dich verlassen, oder du planst schon 1ange, ihn zu verlassen. Vielleicht weißt du auch bloß, daß er dir keine Hilfe sein wird. Und das reicht, um dich mutlos werden zu lassen. Oder du bist langjährig verheiratet, und Dein Mann will kein Kind mehr. Er betrachtet die Schwangerechaft als "Unfall", du bist bestürzt und verletzt, aber du glaubst, keine Argumente gegen diese massive Ablehnung zu haben. Du brauchst jetzt einen mitfühlenden Menschen, der fest an deiner Seite steht. Aber wer braucht das nicht?, sagst du dir und hoffst kaum darauf.

Du fühlst dich so grenzenlos allein. Und da sollst du einem anderen Menschen das Leben schenken, einem hilflosen kleinen Wesen, das deine ganze Liebe braucht? Ach, könntest du bloß daran glauben, daß du es schaffst!

Da sind so viele, die ganz schnell bei der Hand sind mit Rezepten und Ratschlägen. Sie sprechen das furchtbare Wort aus, das auch dich in den ersten schlaflosen Nächten nach dem positiven Test als Versuchung gestreift hat. Sie sagen: "Treib' es doch ab, du bist doch schon zu alt", oder sie sagen: "Treib' es doch ab, du bist noch zu jung". Oder sie sagen: "Du bist noch jung genug, du kannst ja später noch Kinder kriegen", oder sie sagen: "Du verdirbst dir dein ganzes Leben, bring, erst deine Ausbildung zu Ende, dann kannst du immer noch so viele Kinder bekommen, wie du willst."

Es sind alles trügerische Sätze, du spürst es, aber du merkst, wie sie ihre Wirkung nicht ganz verfehlen. Insgeheim ersehnst du jemand unter den anderen, der dir zuhört, der bereit ist, etwas für dich an Hilfe und Unbequemlichkeit zu riskieren, aber du drängst diese Sehnsucht ganz schnell zurück. Zu oft bist du schon enttäuscht worden, du willst lieber illusionslos sein, nichts erwarten. Und doch erwartest du etwas, aber es geschieht nicht. So läßt du die Dinge treiben. Und da fühlst du dich dann erhoben, wenn die eine oder andere Person mit dem Satz kommt, den du schon so oft gehört hattest in den Jahren davor, den du aber immer nur auf andere bezogen hattest.

"Du mußt selbst wissen, was du tust. Es ist deine Entscheidung." Du weißt plötzlich nicht, was diese Personen meinen mit "Entscheidung". Wofür und wogegen könntest du dich denn entscheiden? Das Kind ist doch schon da. Du weißt, daß du keine Regenwurmmutter, keine Froschlaichmutter bist. Du bist eine menschliche Mutter, und du weißt, daß du schon Mutter bist, weil du ein Kind erwartest. Könntest du es nur erwarten!

Die Panik weicht nicht von dir. Du beginnst, dich zu isolieren. Du möchtest flüchten, als sei nichts geschehen. Du möchtest mit einem Wort die Situation vorher wiederhaben. Und die verspricht man dir ja auch mit dem Lösungsweg "Abtreibung". Als könntest du den sexuellen Akt, aus dem das Kind entstanden ist, rückgängig machen!

Nur merkwürdig, daß keiner dieser Ratgebenden vom "Nachher" spricht. Sie wissen nicht, wie es dir nachher gehen wird. Du weißt nur, daß alle abstreiten, daß es ein schlimmes Nachher geben könnte. Ja, sie streiten es nicht einmal ab, sie erwähnen überhaupt kein Nachher. So als sei sie die Befreiung von all deinen Problemen. Diese Suggestion beruhigt dich und läßt dich schwanken, ob du nicht doch... Du willst ja selbst an kein Nachher denken.

20 Jahre wirst du dein Kind großziehen müssen. Allein oder mit diesem Ehemann oder Freund, der nie Zeit hat, dich nicht versteht. Oder du willst kein drittes, kein viertes Kind. Hast du denn dein "Pensum" nicht schon erfüllt? Wo bleibt noch Platz für dich? Die Lebenssanduhr läuft, und für dich bleibt nichts mehr übrig. Das ist deine Angst.

Du denkst an das grausame Wort deines Großvaters: "Kinder fressen einem die Haare vom Kopf", und du denkst an die Großmutter, die, beeinflußt, um nicht zu sagen, gedrängt vom Großvater, ihr drittes Kind mit eigenen Händen abgetrieben hat. Sie wurde 85, trotz illegaler und gefährlicher Abtreibung. Aber sie war besessen vom Thema Abtreibung, das war der Schaden, den sie davontrug. Sie versuchte, ihre Schwiegertochter, deine Mutter, zu überreden, ihr drittes Kind abzutreiben. Zwei Kinder seien genug, sie, die Schwiegertochter, werde schon sehen.

Ganz im Widerspruch dazu trauerte sie um ihr abgetriebenes Kind, das sie als Mädchen erkannt hatte. Immer hatte sie, Mutter zweier Söhne, ein Mädchen haben wollen. Paradoxerweise hatte sie gerade das abgetrieben. Du warst später dafür ihre Lieblingsenkelin geworden.

Du darfst nicht an solche Geschichten denken, und doch rauben sie dir in den immer noch halb schlaflosen Nächten den so notwendigen Schlaf. Du denkst auch an die Erzählung einer Gymnasiallehrerin, die hilflos ihre Lieblingsschülerin nach einer Abtreibung die Jahre bis zum Abitur in ausschließlich schwarzer Kleidung und immer ernst in der Bank sitzen sah.

Natürlich fallen dir gleich die Gegenargumente derer ein, für die Abtreibung nichts Dramatisches ist. Sie sagen zynisch: "Auch an einer Geburt kann man sterben." Dein Kopf ist ein Taubenschlag und viel zu sehr Redearena für fremde Stimmen. Wo ist deine eigene Stimme?

Dieses Kind, es ist jetzt so zart, so fast noch unsichtbar. Nur, ins Buch des Lebens ist es schon eingeschrieben. Was das sein soll: Buch des Lebens? Du bist nicht gläubig, sagst du. Obwohl... Manchmal hast du schon gedacht, daß es einen Gott geben muß. Rufen nicht Menschen in höchster Not fast immer nach Gott und nach ihrer Mutter? Du hast davon gelesen. Wie sehr die Menschen doch ihrer Mutter vertrauen. Wirst du jetzt eine Mutter sein, der das Kind, das in dir heranwächst, nicht vertrauen kann? Soll bloß keiner kommen und dir Schuldgefühle machen! Da wirst du trotzig, fast wie ein Kind.

All die hehren Begriffe kannst du nicht hören. Werden jene denn helfen, die sie im Munde führen, wenn du mit deinem Kind allein sein wirst, vielleicht kein Geld haben wirst und dich von den Ämtern demütigen lassen mußt? Wo werden sie sein - alle, die so viel Mitleid mit den ungeborenen Kindern haben?

In einer dieser Nächte, du hast immer noch keine Gewißheit, was du tun wirst, malst du dir die Schwierigkeiten deiner besten Freundin an die Wand, die von ihrem Mann verlassen wurde und mit ihrem Kind allein nicht klargekommen ist. Du bist verschiedentlich eingesprungen, aber das hatte nicht gereicht. Du fragst dich plötzlich, was hier los ist, daß das Kinderhaben so schwierig sein soll, wo doch die Gesellschaft, in der du lebst, so reich ist und beinahe alle medizinischen und sozialen Möglichkeiten hat. Und da soll dein Kind nicht leben können?

Es ist wie eine Wendung, ein Umschwung in dir. Dein Trotz hat plötzlich eine andere Richtung genommen, du weißt nicht, woher das kommt. Was hat man dir denn seit der Kindheit erzählt? Daß Babys immer süß und niedlich sind. "Ach, wie süß." Keiner hat dir erzählt, welche Herausforderung es bedeutet, ein Kind zu haben. Keiner hat dich und deinen Freund oder Mann darauf vorbereitet. Ist denn dein eigenes Leben bisher "süß und niedlich" gewesen? Gewiß nicht.

Und welche Risiken würden dir bevorstehen bei einer Abtreibung? Bloß dir? Und erst dem Kind! Das Kind würde es das Leben kosten. Warum sprachen sie alle davon nicht? Diese Lügner. Dich packt die Wut. Und die brauchst du jetzt. Wut als Gegenspieler zur Depression. Du springst aus dem Bett, trittst auf den dunklen Balkon und hast dich beim Licht der Sterne entschieden.

All die Reden deiner Umgebung kommen dir plötzlich wie Zigarettenreklame vor. Das Versprechen der heilen Welt, wenn du dein Kind wegmachst. Dich schaudert vor dem Wort. Nein, mit mir nicht, sagst du dir. Du denkst plötzlich an eben die Liebesnacht, aus der dein Kind wahrscheinlich entstanden ist. Dein Freund hatte etwas getrunken, und du wußtest im Grunde genau, daß du schwanger werden könntest. Das war dir in der Euphorie dieser Nacht gleich gewesen.

Oder du hast deinen Mann betrogen und willst dieses Kind nicht, weil du deine Ehe nicht gefährden willst. Aber hattest du die Ehe nicht schon durch den Ehebruch gefährdet? Warum sollte das Kind büßen müssen? Oder noch schlimmer: Du weißt nicht, von wem das Kind ist. Würde eine Abtreibung die Unordnung in deinem Leben heilen?

Hatten dir deine ungebetenen Ratgeber erzählt, welch Gewinn ein Kind sein kann? Ja, in einem Nebensatz, als sei das Glück mit Kindern eine zu vernachlässigende Größe. Waren all diese Warner nicht schreckliche Schwarzseher? Und wenn dein Kind behindert ist, woher nehmen die Warner das Recht, dir das Leben mit ihm in unangenehmen Farben darzustellen?

Woher wußten sie denn, was dich in einem Leben mit deinem Kind erwartete? Das wußten sie ebensowenig, wie du. Und wie konnten sie vorgeben, "wertneutral" zu sein? Eine der Beraterinnen hatte gleich erklärt, ihre Beratung sei "völlig wertneutral". War aber nicht schon die Mimik dieser Frau alles andere als wertneutral gewesen? Hatte sie etwa gelacht und gestrahlt: "Ach, Sie sind schwanger, wie schön!" Nein, sie hatte besorgt geschaut, so als ginge es um eine zum Tode führende Krebskrankheit...

Auch wenn du ein perfektes Kind bekommen würdest, wüßten die Ratgeber denn, ob das Kind nicht in späteren Jahren durch Krankheit oder Unfall behindert würde?

Du verstehst in dieser sternklaren Nacht auf dem Balkon plötzlich, daß deine gut- und schlechtmeinenden Ratgeber, die deine eigene Zweifelstimme seit Wochen nur verstärkt haben, anstatt dir wirklich zu helfen, von einem Lebenskonzept ausgehen, das Perfektion voraussetzt und anstrebt.

Du aber bist nicht perfekt, willst nicht perfekt sein und willst auch kein perfektes Leben.

Auch dein Kind muß nicht perfekt sein!

Bei diesen Gedanken fühlst Du Dich so befreit, daß du singen könntest. Du weißt plötzlich, daß du die gewalttätige Welt um ein ganz kleines bißchen sanfter und friedvoller machen wirst, wenn du deinem Kind das Leben nicht nimmst. Und dir fällt es plötzlich wie Schuppen von den Augen, daß Hoffnung für dein Kind zu haben auch Hoffnung für dich selbst haben heißt. Das Kind ist nicht daran schuld, daß du dich von ihm bedrängt gefühlt hast, als ob du überwältigt worden wärest von einer Invasion.

Die Schwierigkeiten sind alle noch da, aber du wirst sie in Angriff nehmen. Gleich morgen.Du weißt nicht, woher deine Zuversicht kommt. Vielleicht ist es der Gedanke an deine Freundin.

Du wirst den Termin absagen - einfach nicht hingehen. Du bist nicht verpflichtet, ihn abzusagen.

Du wirst morgen mit dem Bus aufs Land fahren und alle Gedanken zu ordnen versuchen. Du wirst deine Freundin besuchen, die mit ihrem Kind isoliert dort lebt und so schwer allein klarkommt. Du wirst ihr vorschlagen, in Zukunft vieles gemeinsam zu bewältigen. Es wäre doch gelacht, wenn gerade du, die im Leben schon vieles geschafft hast, vor dieser Herausforderung kneifen würdest.

Der isolierende Ring um dich scheint zerbrochen. Du kannst den Rest der Nacht so gut schlafen, wie seit dem Test nicht mehr. Du wirst Pläne machen. Du wirst dich über alle Rechte kundig machen, die du als Mutter hast. Du denkst an die Frauen, die mit drei oder mehr Kindern einen anspruchsvollen Beruf ausüben. Warum hattest du diese ermutigenden Vorbilder ganz aus dem Blick verloren?

Du hast plötzlich keine Angst mehr, Hausfrau sein zu müssen. Du hast alle Möglichkeiten. Dein Kind wird kein Sündenbock sein und nicht dein Angstobjekt. Es hat ein eigenständiges Leben. Du beherbergst es, aber deshalb bist du noch längst nicht nur "Gefäß", wie eine deiner Freundinnnen abwertend gesagt hatte. Du wirst nicht bloß Erduldende sein, du bist auch Handelnde. Das Sanfte würde das Harte besiegen!

Als du aufwachst, fühlst du dich kräftig wie schon lange nicht. Dir ist übel. Du mußt lachen. Endlich kannst du zulassen, daß Schwangerschaft normalerweise keine Krankheit und nicht das Ende der Welt ist, sondern ein Beginn, etwas ganz Neues. Du wirst dich selbst erfahren, indem du die andere Person, die du erwartest, sie selbst sein läßt. Wie hattest du das vergessen können!

Karin Struck ist Romanautorin und Mutter von vier Kindern zwischen elf und 28 Jahren. Es tut ihr immer noch weh, daß ihr damals drittes Kind nicht leben konnte. Ihr Buch "Ich sehe mein Kind im Traum" erscheint im Oktober 1999 völlig überarbeitet im Verlag Fiat Domine in Wien.

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