VISION 20005/1999
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Darf man reich sein?

Artikel drucken Mammon ist die Anbetung des Besitzes (P. Alain Bandelier)

Für einige ergibt sich, was den Reichtum anbelangt, überhaupt kein Problem. Das Eigentum sei ein Recht des Menschen; es sei sogar Garant der persönlichen Freiheit. Nirgends verurteile die Bibel die Tatsache, daß jemand etwas besitzt. Also sei es nicht verboten, reich zu sein, solange dieser Reichtum ehrlich erworben sei, auf dem Erbweg oder durch die Arbeit. Aber ist die Sache so einfach? Einerseits kann man doch nicht so tun, als ob es die materielle Not nicht gäbe, als ob sie nicht danach verlangte, behoben zu werden - und durch wen denn, wenn nicht direkt oder indirekt durch jene, die über entsprechende Mittel verfügen?

Andererseits betont die Katholische Soziallehre - auch wenn sie die Legitimität des Privateigentums, selbst an Produktionsmitteln, hervorhebt - die universelle Bestimmung der Güter: Eigentümer sind in Wahrheit nur Verwalter...

Wir haben alle schon eindrucksvolle Predigten gegen Reichtum und Reiche gehört. Ich gestehe, in meiner Jugend selbst die eine oder andere gehalten zu haben. Sie entsprechen allerdings einem gewissen Fehlurteil. Wenn Jesus uns vor dem Mammon-Kult warnt, so sollte man dies nicht mit "Reichtum", sondern mit "Gold" übersetzen.

Reichtum ist ein Gut, eine Gabe Gottes, auch der materielle Reichtum, wenn er seine soziale Funktion behält. Kein menschliches Wesen ist ohne Reichtum: reich an Güte, reich an Fähigkeiten, reich an Bildung, reich an Glauben... Dieser Umstand begründet übrigens den Austausch unter den Menschen: Jeder ist in gewisser Hinsicht arm und hilfsbedürftig und jeder ist im Besitz von Schätzen, die zu teilen sind.

Mammon, das ist die Anbetung des Besitzes. Zu guter Letzt ist man von dem besessen, was man zu besitzen meint. Die erste Seligpreisung ist die der Armen: ungebunden, sind sie frei und lebendig, ihnen gehört das Himmelreich. Die Versuchung und das Elend des Reichen liegt darin, daß er seinen Trost schon hat: Er findet sein Glück in Dingen, die nicht viel wert sind.

P. Alain Bandelier

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