VISION 20005/1999
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Leopoldo - ein Wunder der Liebe

Artikel drucken Ein blind und taub geborenes Baby lernt sehen und hören (Christine Vollmer)

Die größte Angst in den Herzen junger Eltern ist, ihr Kind könnte mit irgend einer Behinderung zur Welt kommen, nicht "normal" sein. Und tatsächlich ist es auch das erste, was junge Mütter tun, wenn ihre Babys geboren sind: Sie schauen, ob alles am richtigen Ort ist. Ihre größte Freude ist es zu sehen, daß sie ein gescheites Baby haben, das sich im richtigen Takt entwickelt - oder sogar rascher, als es sollte...

Wenn aber ein Kind mit einem Gehirnschaden zur Welt kommt, wie es bei unserem Leopoldo der Fall war, so trifft die Nachricht von der Behinderung des Kindes die Eltern wie die größtmögliche Katastrophe, die hätte passieren können. Den meisten jungen Eltern gelingt es, ihre äußerste Verzweiflung mit viel Mut zu verbergen und ihre Ängste mit den Aktivitäten, die das Baby braucht zuzudecken: Tests, Untersuchungen, Therapie und so weiter. Andere behandeln ihren Schmerz mit der unrealistischen Hoffnung oder der Vorstellung, ihr Baby würde aus all dem "herauswachsen".

Tatsächlich aber ist dieser große Schmerz, den die Eltern in dieser Zeit erleiden, wie jeder Schmerz notwendig. Er hilft den Eltern, aktiv zu werden. ...

Als unser kleiner Bub geboren war, blind, taub, unfähig zu nuckeln und gänzlich schlaff, waren wir - so würde es ja den meisten Eltern gehen - vollkommen unvorbereitet und zutiefst verzweifelt. Unser Vertrauen in Gottes Güte und der Respekt vor Seinen Naturgesetzen waren die einzige Linderung für die Trauer, wie unser schönes, liebes Baby sein kleines Leben von einer so schwierigen und gefährdeten Basis aus starten mußte.

Wie viele andere Eltern gingen wir durch eine Unzahl von Tests in der Erwartung, daß die Medizin unserem Kind irgendwie helfen könne. Nach einem Jahr - in dem Leopoldo weder wuchs, noch sich sonstwie entwickelte, sondern starken und fortgesetzten Krämpfen unterworfen wurde - war uns klar, daß die übliche Medizin einem Kind wie dem unseren sehr wenig zu bieten hatte. Die Spezialisten, zu denen wir ihn brachten - darunter einige, die weltweit als höchste Kapazitäten angesehen wurden -, konnten uns keine Hoffnung machen, es sei denn die Gnade eines frühen Todes.

Damals beschlossen wir, Leopoldo zu Hause gezielt zu behandeln. Dieses Programm verlangte einen großen Einsatz von uns - acht bis zehn Stunden pro Tag. ... Während unser Kind getestet worden war, wurden wir auch über die Formbarkeit des Gehirns informiert, über seine Entwicklung und sein Wachstum. Wir begriffen, daß das Gehirn sich durch seine Nutzung entwickelte. Und die beste Art, unserem Baby etwas beizubringen, war, sein Gehirn über die Sinnesorgane zu erreichen...

Unsere Entscheidung, zu Hause ein Rehabilitationsprogramm für unseren Einjährigen zu starten, veränderte unser Leben radikal. Zunächst einmal zwang sie uns zu einer andere Geisteshaltung. Statt dauernd von Sorgen zerfressen zu werden, welche neue schlechte Nachrichten auf uns zukommen könnten, sogen wir das faszinierende Wissen über die Vorgänge in dem Gehirn unseres Kindes auf und überlegten, was wir zur Besserung beitragen könnten.

Unser erstes Programm bestand in einer Unzahl von taktilen Reizen, angefangen von den Bewegungen im Mutterleib, von denen die Ärzte meinten, er hätte sie während der Schwangerschaft nicht ausgeführt. Wir ließen uns zeigen, wie wir ein "Lebensstimulierungs-Gerät" konstruieren könnten: einen mit einer 200-Watt-Glühbirne und einer Autohupe ausgestatteten Tisch. Wenn Leopoldo auf den Tisch gelegt wurde - eine Minute lang 18 Mal am Tag -, aktivierten wir mit Unterbrechungen die akustischen und die Lichtsignale. Leopoldo schien nicht von dem Riesenlärm, den wir erzeugten, nichts zu merken. Er schlief weiter.

Nach einer Woche - und all den anderen Stimulierungen seiner Sinne - schien er, ein wenig die Augen zu öffnen, wenn wir ihn auf das Gerät legten. Am zehnten Tag machte er einen Satz, als wir es in Betrieb nahmen. Wir hatten nun den Beweis - den phantastischen Beweis -, daß seine Nerven, wenn sie nur ausreichend stimuliert wurden, sich ausreichend entwickeln würden, um auf die Stimulierung zu reagieren.

Unmöglich zu beschreiben, was für eine Veränderung das in unserer Familie auslöste, welche Gefühle der Befreiung, der Freude uns übermannten, als wir feststellten, daß er uns wahrnehmen konnte und wir seine Lage gegen die Meinung aller Ärzte relativ rasch verbessern konnten.

Es war für uns Eltern und für seine sechs Geschwister ein aufregendes Abenteuer zu erleben, wie wir ihm durch unsere Liebe, unsere Zeit und unsere Bemühungen helfen konnten.

Und es war auch aufregend zu erkennen, daß es in unserer Verantwortung lag, ihm zu helfen. Wir waren als erste gefordert. Als Eltern waren wir nicht durch das eingeschränkt, was die Ärzte sagten oder dachten.

... Wir machten auch die wunderbare Entdeckung, daß Gottes Vorsehung für die menschliche Entwicklung unentwirrbar verbunden ist mit der Liebe, die Eltern ihren Kindern schenken. In ähnlicher Weise erkannten wir, wie sehr die Liebe zur Entwicklung der Kinder beiträgt: eine fundamentale Glaubenswahrheit über unsere Beziehung zu Gott.

... Leopoldo wuchs und wuchs und entwickelte sich körperlich zu dem, was seinem Alter entsprach. Als Mutter würde ich gerne jede Einzelheit von Leopoldos riesigen Veränderungen erzählen, aber dazu fehlt hier der Platz. Es genügt zu sagen, daß er innerhalb einiger Monate ausgezeichnet zu hören begann. Im ersten Jahr begann er, mit Pupillen-Reflex zu sehen. Zwei Jahre dauerte es, daß er den Blick fokussieren konnte. Dann begannen wir mit Bewegungsübungen. Unserem blinden Baby das Sehen beizubringen, war die aufregendste Erfahrung unseres Lebens.

... Unser Bestes zu tun, um in einer übertriebenen Art den natürlichen Prozeß nachzuahmen, den Babys normalerweise zu ihrer Entwicklung durchmachen, erlaubte uns einen Blick auf die Methoden Gottes für die menschliche Entwicklung zu werfen. Wir lernten sie zu schätzen und zu bewundern. Die dahinter liegende Methode und Philosophie ist relativ einfach. Es ist eine Philosophie des Vertrauens in die Möglichkeiten, die in jedem Menschen liegen - eine Philosophie des Respekts, des Glaubens, der Hoffnung und vor allem der Liebe. Diese Philosophie war nicht nur für die Förderung von Leopoldos Entwicklung wirksam, sie brachte uns auch als Familie näher zueinander und näher zu Gott.

Leopoldo machte weitere Fortschritte bis zu dem Punkt, wo es offenkundig wurde, daß er die Fülle seiner Möglichkeiten ausgeschöpft hatte. Er war der Mittelpunkt und ein sehr bewußter Teil unseres Familienlebens. Er war sich sehr unserer Liebe bewußt und wir seiner. Er lernte zu kriechen und einige Worte zu sagen, konnte aber anscheinend über dieses Niveau nicht hinaus. Die Schädigung war zu groß gewesen und die jahrelangen Anfälle hatten - trotz aller Fortschritte - weiteren Schaden verursacht. Mit 14 hat das Herz unseres Leopoldos plötzlich ausgesetzt. Seine Mission hier war beendet und seine Mission im Himmel nahm ihren Anfang.

Auszug aus "the Catholic World Report" Aug.-Sept. 99

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