VISION 20005/1999
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Laßt euch doch mit Gott versöhnen!

Artikel drucken Der Heilungsdienst der Kirche für Frauen, die abgetrieben haben (Weihbischof Andreas Laun)

Im großen Kampf zwischen Kirche und Gesellschaft um die Anerkennung des fünften Gebotes Gottes auch für Ungeborene (1) wird meist mehr gesprochen von der Prävention, also davon, wie Abtreibungen verhindert werden können, als davon, was "danach", zu tun ist. Daß die Kirche die Frauen nicht ihrem Elend mit dem PAS ("zur Strafe") überlassen will, ist selbstverständlich.

Angesichts der bedrückenden Zahl der Abtreibungen stellt sich die Frage: Welche Hilfe bietet die Kirche den Frauen an, die abgetrieben haben? In seiner Enzyklika "Evangelium vitae" antwortet Johannes Paul II. den betroffenen Frauen:

"Einen besonderen Gedanken möchte ich euch, den Frauen, vorbehalten, die sich für eine Abtreibung entschieden haben. Die Kirche weiß, wie viele Bedingtheiten auf eure Entscheidung Einfluß genommen haben können, und sie bezweifelt nicht, daß es sich in vielen Fällen um eine leidvolle, vielleicht dramatische Entscheidung gehandelt hat. Die Wunde in eurem Herzen ist wahrscheinlich noch nicht vernarbt. Was geschehen ist, war und bleibt in der Tat zutiefst unrecht. Laßt euch jedoch nicht von Mutlosigkeit ergreifen und gebt die Hoffnung nicht auf. Sucht vielmehr das Geschehene zu verstehen und interpretiert es in seiner Wahrheit.

Falls ihr es noch nicht getan habt, öffnet euch voll Demut und Vertrauen der Reue: der Vater allen Erbarmens wartet auf euch, um euch im Sakrament der Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten. Ihr werdet merken, daß nichts verloren ist, und werdet auch euer Kind um Vergebung bitten können, das jetzt im Herrn lebt. Mit Hilfe des Rates und der Nähe befreundeter und zuständiger Menschen werdet ihr mit eurem erlittenen Zeugnis unter den beredtesten Verfechterinnen des Rechtes aller auf Leben sein können. Durch euren Einsatz für das Leben, der eventuell von der Geburt neuer Geschöpfe gekrönt und mit der Aufnahme und Aufmerksamkeit gegenüber dem ausgeübt wird, der der Nähe am meisten bedarf, werdet ihr eine neue Betrachtungsweise des menschlichen Lebens schaffen" (2).

Der erste Dienst der Kirche ist die Wahrheit. Um der Frauen willen muß sie die Wahrheit über Abtreibung sagen: mit großer Liebe, aber auch unerschütterlich. Man tut den Frauen keinen Gefallen, sie mit ihren niederschmetternden Gefühlen in der "Isolierhaft" jener Ideologie zu belassen, die es ihnen verbietet, Schmerz zu empfinden. Die Kirche gibt den Frauen recht, die Abtreibung als schrecklich erleben, sie befreit jene, die die Abtreibung "gut vertragen" haben von ihrer Erblindung.

Allerdings, diese Wahrheit ist so hart, daß sie immer verbunden bleiben muß mit der anderen, schmerzstillenden Wahrheit von Gottes Erbarmen: Gott wartet nicht nur auf den verlorenen Sohn. Genauso sehnsüchtig schaut er aus nach seinen geliebten und verzweifelten Töchtern, genauso zärtlich will er sie in seine Arme schließen. Auch von der Abtreibung gilt: Wenn wir bereuen, ist unsere Sünde wie ein Tropfen, der sich im Meer der Barmherzigkeit Gottes verliert (Mutter Angelika).

Das PAS-Syndrom ist Krankheit, aber eine Krankheit, die in einer Tat wurzelt, die objektiv Sünde ist. Auch Ärzte und Psychologen sollten das wissen: Schuld und Krankheit sind zu unterscheiden, aber nicht immer zu trennen. Das läßt sich bereits bei Shakespeare nachlesen:

In ihren nachtwandlerischen Phantasien - auch sie ist krank! - sieht Lady Macbeth noch immer das Blut des von ihr ermordeten Königs an ihren Händen und versucht vergebens, es abzuwaschen. Die Kammerzofe ruft den Arzt, der Lady Macbeth, von ihr unbemerkt, beobachtet und sich bestürzt für unzuständig erklärt:

"Diese Krankheit liegt außer dem Gebiete meiner Kunst... Und Taten unnatürlich erzeugen unnatürliche Zerrüttung. Die kranke Seele will ins taube Kissen entladen ihr Geheimnis. Sie bedarf des Beicht'gers mehr noch als des Arztes. Gott, vergib uns allen!"

Die einzige medizinische Weisung, die er der Dienerin noch geben kann, lautet: "Seht nach ihr; entfernt, womit sie sich verletzen könnt, und habt ein Auge stets auf sie."

Der Verkündigung der Wahrheit entspricht die andere große Aufgabe der Kirche: Versöhnung. Sie, die Kirche Jesu, redet nicht nur darüber, sie gibt sie auch!

Es ist tragisch: Gerade in der Zeit, in der die Abtreibungszahlen hinaufschnellen und in der viele Frauen (und auf ihre Weise auch Männer) durch Abtreibung schwer traumatisiert sind, ist die Kirche Mitteleuropas in Gefahr, das Beichtsakrament zu verlieren! Beichten ist in höchstem Grad zeitgemäß - weil "zeitgemäß" gerade das ist, was der Zeit fehlt.

Beichten ist nicht "Outen" im modernen Sinn. Denn der, der sich outet, will "zu sich stehen und zu dem, was er tut oder getan hat". Der Beichtende hingegen tut das Gegenteil: Er anerkennt die Sünde in seinem Leben und distanziert sich von ihr. Dabei macht er eine doppelte Erfahrung: Der ihm zuhörende Priester verurteilt ihn nicht. Im Gegenteil, er hört ihm zu mit jener Art von Solidarität, die den Arzt mit dem Kranken verbindet und beide in einen gemeinsamen Kampf gegen das Übel führt. Die andere, viel wichtigere Erfahrung ist: Der Beichtende hat es nicht nur mit Menschen und Menschlichem zu tun.

Denn der Beichtpriester steht im Dienst eines Höheren und sein Auftrag ist klar umrissen: Vergebung vermitteln! Außerdem ist die Lossprechung nicht ein Reden "über" Vergebung, sondern ein Wort, das gilt, unabhängig von den guten oder schlechten Eigenschaften des menschlichen Vermittlers: Es gilt, weil der Beichtvater ein geweihter Priester ist. Unwirksam wird dieses Wort nur dann, wenn der Beichtende selbst eigentlich gar nicht will, was er behauptet zu wollen: befreit zu werden von der Sünde.

Längst ist die Entwicklung weitergegangen, und das menschliche Leben ist auch an vielen anderen Stellen bedroht: Man redet über Euthanasie, man betreibt pränatale Selektion, Embryonen werden letalen Experimenten unterworfen.

Eine der ganz großen Aufgaben der Kirche von morgen wird es sein, den Kampf für das menschliche Leben mit aller Kraft aufzunehmen. Aber - er läßt sich nicht mit guten Argumenten, nicht mit politischen Programmen, nicht mit Psychologie und nicht mit bloßem gutem Willen gewinnen. Es bedarf einer anderen Kraft, der Hilfe von oben. Johannes Paul II. formuliert das Anliegen im Anschluß an sein Wort an die betroffenen Frauen folgendermaßen:

"Es bedarf dringend eines großangelegten Gebetes für das Leben, das die ganze Welt durchdringen soll. Mit außerordentlichen Initiativen und im gewohnten Gebet möge von jeder christlichen Gemeinde, von jeder Gruppe oder Vereinigung, von jeder Familie und vom Herzen jedes Gläubigen ein leidenschaftliches, inständiges Bittgebet zu Gott, dem Schöpfer und Freund des Lebens, emporsteigen. Jesus selber hat uns durch sein Beispiel gezeigt, daß Gebet und Fasten die hauptsächlichen und wirksamsten Waffen gegen die Kräfte des Bösen sind (vgl. Mt 4,1-11), und Er hat seine Jünger gelehrt, daß manche Dämonen sich nur auf diese Weise austreiben lassen (vgl. Mk 9,29).

Finden wir also wieder die Demut und den Mut zum Beten und Fasten, um zu erreichen, daß die Kraft, die vom Himmel kommt, die Mauern aus Betrug und Lüge zum Einsturz bringt, die die perverse Natur lebensfeindlicher Verhaltensweisen und Gesetze vor den Blicken vieler unserer Brüder und Schwestern verbergen, und ihre Herzen für die Vorschläge und Absichten öffnet, die sich an der Zivilisation des Lebens und der Liebe inspirieren"

Die Bewahrung des Lebens ist ein Zeichen der Zeit, und es liegt an der Kirche, darauf die gebührende Antwort zu geben.

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