VISION 20006/1999
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Heute ist der Retter geboren

Artikel drucken Das Jahr 2000: Feiern, daß Gott in unseren Tagen wirkt (Urs Keusch)

Vor rund 30 Jahren las ich in den gesammelten Briefen des russischen Dichters Fjodor M. Dostojewskij ein Bekenntnis zu Jesus Christus, das mich seither wie ein Gebet und bisweilen als ein Licht im Dunkel des Glaubens begleitet. An eine Freundin, N.D. Fonwisina, schreibt er im Februar 1854:

"Ich will Ihnen von mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit, ein Kind des Unglaubens und der Zweifelsucht bin und wahrscheinlich (ich weiß es bestimmt) bis an mein Lebensende bleiben werde. Wie entsetzlich quälte mich (und quält mich auch jetzt) diese Sehnsucht nach dem Glauben, die umso stärker ist, je mehr Gegenbeweise ich habe. Und doch schenkt mir Gott zuweilen Augenblicke vollkommener Ruhe; in solchen Augenblicken liebe ich und glaube auch ich geliebt zu werden; in diesen Augenblicken habe ich mir mein Glaubensbekenntnis aufgestellt, in dem mir alles klar und heilig ist. Dieses Glaubensbekenntnis ist höchst einfach, hier ist es:

Ich glaube, daß es nichts Schöneres, Tieferes, Sympathischeres, Vernünftigeres, Männlicheres und Vollkommeneres gibt als den Heiland; ich sage mir mit eifersüchtiger Liebe, daß es dergleichen nicht nur nicht gibt, sondern auch nicht geben kann. Ich will noch mehr sagen: Wenn mir jemand bewiesen hätte, daß Christus außerhalb der Wahrheit steht, und wenn die Wahrheit tatsächlich außerhalb Christi stünde, so würde ich es vorziehen, bei Christus und nicht bei der Wahrheit zu bleiben."

Das ist kein Credo, das einem Dogmatikbuch entnommen ist, es ist Zeugnis lebendiger Erfahrung, es ist "Tuchfühlung" mit dem lebendigen Christus, es ist eine Liebeserklärung, "im Feuer geläutert und geprüft" (Sir 2,5).

Das, was Dostojewskij von seinem Heiland schreibt, würden alle bestätigen können, die Jesus Christus in ihrem ganz persönlichen Leben begegnet sind. Es gibt nichts Schöneres, nichts Tieferes, nichts Vollkommeneres. Oder wie es der Jude Albert Einstein einmal ausdrückte: "Es hat sich keiner so ausgedrückt wie er. Es gibt wirklich nur eine Stelle in der Welt, wo wir kein Dunkel sehen - das ist die Person Jesu Christi. In ihm hat sich Gott am deutlichsten vor uns hingestellt."

Es ist eine Gnade unserer Zeit, daß sich Christus heute auf der ganzen Welt - trotz der dichten Finsternisse unserer Zeit - den Weg zu Menschen bahnt und sich offenbart als der Liebende und Erbarmende des Vaters.

Auf der einen Seite erleben wir heute einen noch nie dagewesenen Rückgang des Volks- und Kulturchristentums, auf der anderen Seite bildet sich ein neues, entschlacktes, urchristliches Christentum heran, das sich von der unmittelbaren Quelle her speist und aufbaut: von der lebendigen Begegnung mit dem auferstandenen Christus, vor allem in der unmittelbaren Begegnung mit dem Wort Gottes der Heiligen Schrift.

Der Schweizer Diözesanbischof, Kurt Koch, hat diese weltweite Erscheinung kürzlich treffend "Einen neuen Frühling in der Kirche" bezeichnet. Gerade jene Menschen, die heute am Krankenbett der Volkskirche stehen und trauern, sollten ans Fenster treten und hinausschauen, um zu sehen, was Herrliches sich im Stillen vorbereitet: "Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?" (Jes 43,19)

Es ist seit dem II. Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche ein weltweites Erwachen für die Heilige Schrift festzustellen. Und überall bewahrheitet sich das Wort, daß dort, wo zwei oder drei Menschen in der Sehnsucht nach Wahrheit und Liebe sich um das Wort Gottes versammeln, es im Geiste der Kirche lesen und betrachten, einander ihre Erfahrungen mit dem lebendigen Gott mitteilen, miteinander beten und singen: daß sich dort Christus offenbart als der Lebendige. Und daß an solchen Orten Menschen Erfahrungen machen dürfen, wie sie den Jüngern zwischen Ostern und Himmelfahrt und im Ereignis von Pfingsten geschenkt worden sind.

Und diese Menschen können es bezeugen: Wir glauben nicht an etwas, was sich "bloß" vor 2000 Jahren zugetragen hat, sondern es ist unter uns gegenwärtig, es ist heute. Diese Menschen wissen, was gemeint ist, wenn Papst Johannes Paul II. schreibt: "Jesus ist die wahre Neuheit, die jede Erwartung übersteigt."

Das Zeugnis eines jungen Mannes hat mir dies neulich wieder bewußt gemacht. Er ist nach Indien gereist, um Gott zu finden. Als er ihn bei verschiedenen Gurus nicht findet und sich aus lauter Langeweile in eine Buchhandlung begibt, setzt er sich hin, öffnet das Buch, das er aus dem Regal genommen hat - eine englische Bibel -, liest im Johannes-Evangelium, und je länger er liest, kommt es wie eine Offenbarung über ihn: Das ist es! Das ist es, was ich gesucht habe, das ist der Gott, den ich suchte!

Noch am gleichen Tag bucht er seinen Flug heim in die Schweiz und ist heute ein aktives Glied einer lebendigen Christengemeinde. Dieser junge Mann hat am eigenen Leibe erfahren, was Papst Johannes Paul II. meint, wenn er schreibt: "Jesus Christus ist die Erfüllung der in allen Religionen der Menschheit vorhandenen Sehnsucht: diese Erfüllung ist Gottes Werk und übersteigt jede menschliche Erwartung. Sie ist Gnadengeheimnis."

Es kann nicht oft und schön und überzeugend genug gesagt und verkündet werden: In der lebendigen Begegnung mit dem lebendigen Christus begegnest Du dem Leben: dem Sinn, der Liebe, der Hoffnung, der Wahrheit. Von da an lebst Du nicht mehr allein, nicht mehr ohne Freundschaft, nicht mehr ohne Bruder im Leiden und in der Freude, Du bist nicht mehr ohne Ziel, nicht mehr im Dunkel.

Du wirst nicht mehr erdrückt vom bleiernen Warum, wenn Du am Morgen aufstehst. Von da an wird Dir Christus zum Freund, der mit Dir geht, zum Weg, den Du gehen darfst, zur Wahrheit, die Du suchst und zum Leben, nach dem Du hungerst und dürstest. Und Christus führt Dich heim zum Vater.

Ja, heim zum Vater! Zu Seinem Vater und zu deinem Vater, der die Liebe ist, der das Erbamen ist, der die tiefste Sehnsucht des Menschen ist!

Um Ihn uns zu zeigen - deswegen ist Jesus gekommen. Um uns seine Liebe zu offenbaren, sie uns zu schenken, deswegen ist Er gekommen. Daß wir aus dieser Liebe unser Leben lieben, es ausformen und wir dieser Liebe unsere Sehnsucht und unsere Herzen hinhalten - deswegen ist Er gekommen. Daß wir diese Liebe weiter schenken, in dieser Liebe Gemeinschaft stiften, in dieser Liebe die Welt überwinden - deswegen ist Jesus gekommen.

Darum ruft Papst Johannes Paul II. der ganzen Welt zu: "Niemand möge sich in diesem Jubeljahr von der Umarmung des Vaters ausschließen!" Denn der 2000. Geburtstag unseres Herrn ist ein großes Gnadenjahr, liebe Leser! "Die Freude des Jubeljahres ist in besonderer Weise eine Freude über den Nachlaß der Schuld, die Freude der Umkehr." Christus ruft jedem von uns zu: Komm! Bring mir dein Leben, deine Sünden, deine Schuld. Hab keine Angst! Und sind deine Sünden so rot wie Scharlach, sie sollen weißer werden als Schnee (Jes 1,18).

Komm nicht allein. Bring mir deine Freunde, bring mir die Menschen, die mich nicht kennen. Bring mir die Söhne und Töchter, die noch fern sind von mir. Es ist ein Gnadenjahr für alle, für die ganze Welt.

Ich hoffe für uns alle, liebe Leser, daß wir dieses Jubeljahr nicht ungenützt an uns vorübergehen lassen; es ist eine Gnade. Machen Sie einen neuen Anfang in Ihrem Leben! Lassen Sie sich von Christus her einen neuen Anfang schenken.

Wenn Sie nicht wissen, wie das geschehen soll, dann suchen Sie sich einen Seelsorger, einen Menschen, zu dem sie Vertrauen haben. Schließen Sie sich Menschen an, die im Geist der Kirche miteinander das Wort Gottes lesen, beten und singen.

Und bist Du der Kirche ganz entfremdet: Bete zu Gott, daß Er Dir selber den Weg zeige. Nimm an den Angeboten zum Heiligen Jahr in Deiner Pfarrgemeinde, Deiner Diözese teil. Sei aufmerksam für das, was über die Medien aus der großen Weltkirche an Dich herangetragen wird. Bitte den Heiligen Geist um Hilfe, und laß Dich nicht entmutigen!

Der Autor ist Pfarrer in der Kaplanei St. Josef/Richenthal in der Schweiz.

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