VISION 20006/1999
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Die übersehene Liebe Gottes

Artikel drucken Über den Ablaß und seine Aktualität (Von Weihbischof Andreas Laun)

Ständig seiner Zeit voraus, ruft Johannes Paul II. die Kirche schon lange zur Feier des Jahres 2000, in dem sich die Geburt Jesu zum 2000. Mal jährt. Solches Feiern läßt Sekt und Feuerwerke weit unter sich und taucht das Ereignis ganz und gar in das Licht des Glaubens.

Sein vorläufig letztes Schreiben zu diesem Anlaß heißt: "Das Geheimnis der Menschwerdung - Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000". Natürlich, um sich den Reichtum eines solchen Dokuments anzueignen, muß man sich Zeit nehmen, man muß sich in Ruhe darin versenken, betrachten, wie der Papst die größten Geheimnisse des Glaubens vor unserem geistigen Auge entstehen läßt wie ein gewaltiges Panorama: Schließlich wird man das bedruckte Papier aus der Hand legen, aber die tiefe innere Ergriffenheit wird bleiben wie eine wunderbare Sättigung und Sehnsucht der Seele in einem!

Unter den darin enthaltenen Gedanken verdient einer besondere Aufmerksamkeit: jener Abschnitt, in dem der Papst - in der ihm eigenen Unbefangenheit - von einem eher in Vergessenheit geratenen, weil verpönten Thema spricht, nämlich dem Ablaß.

Die Entartung des Ablaßwesens war allerdings seinerzeit ein entscheidender Anstoß zu jenem Protest, der sich zum Protestantismus verhärtete und die Christenheit bis heute spaltet! Wäre es nicht besser, man beläßt das peinliche Thema dort, wo es derzeit "glücklicherweise" ist, nämlich im Reich des längst Vergangenen, über das nur noch die Fachleute wirklich Bescheid wissen?

Aber andererseits: Wenn hinter der Lehre vom Ablaß eine Wahrheit über die Liebe zwischen Christus und Seiner Kirche steht, ist es mit dem Glauben an Christus unvereinbar, nicht von ihr zu reden.

Tatsächlich versteht der Papst die Ablaßlehre von der Liebe und dem Erbarmen Gottes her: "Ja, durch den Dienst der Kirche breitet Gott in der Welt Seine Barmherzigkeit aus durch jene kostbare Gabe, die mit dem uralten Namen ,Ablaß' bezeichnet ist".

Natürlich, aus der Geschichte muß man lernen, und was Mißbrauch war, darf nie mehr die Kirche vergiften. Gerade dieses Vermeiden ist hilfreich, um richtig zu verstehen, welche Seite Gottes und Seines Erbarmens uns im Ablaß zuteil wird. Daher sollten wir die alte und neue kostbare Gabe in die Hand nehmen, den Staub der Vorurteile wegblasen und abwischen, um in freudiger Erwartung nach der Liebe Gottes im Ablaß zu suchen.

Der Christ sollte dabei so etwas empfinden wie die Spannung einer Frau, die das Geschenk ihres Mannes auspackt - nicht wissend, was es ist, aber sicher, daß er es mit Liebe für sie ausgesucht hat. Wenn feststeht, daß der Ablaß eine Erscheinungsform der Liebe ist, kann der Christ weder darauf verzichten, ihn verstehen zu wollen, noch darauf, ihn zu gewinnen! Also, was ist denn eigentlich ein Ablaß?

Bereits in der alltäglichen Erfahrung weiß jeder, daß Sünden ihre Folgen haben, die, äußerlich gesehen, manchmal dramatisch schlimmer sind als die Sünde selbst und die auch durch die tiefste Reue keineswegs aus der Welt geschafft werden können. Es ist wie bei einem Autounfall: Der Unfall selbst ist eine Sache, die Langzeitfolgen eine andere. Angewandt auf die Sünde heißt das: Die unmittelbare Folge der schweren Sünde ist die Trennung von Gott, aber diese bewirkt einen Dauerschaden, eine stärkere oder schwächere, sündhafte Bindung an irgendwelche Geschöpfe.

Es ist wichtig zu beachten: Es ist eine sündhafte Bindung, nicht einfach nur eine Bindung. Denn die Geschöpfe zu lieben nach der Ordnung Gottes ist nicht dasselbe wie eine "sündhafte Bindung" an sie! Anschaulich gesprochen: Goldene Kälber sind vielleicht schöne Kunstwerke, aber sie götzenhaft zu verehren - das ist Sünde!

Die sündhafte Bindung, Folge der Sünde, auch sie muß rückgängig gemacht werden, nicht nur die Sünde selbst, und das ist sowohl nach dem Tod (im Fegefeuer) als auch schon in diesem Leben möglich. Nun, beim Ablaß geht es genau darum: um die Sündenfolgen und ihre Beseitigung. Sündenvergebung und Ablaß sind genauso zu unterscheiden und gehören zugleich genauso zusammen wie die Sünde selbst und ihre Folgen.

Das heißt: Die vom Sünder bereute Tat vergibt Gott, und damit ist die unvergleichlich schlimmste Folge der Sünde, nämlich die Trennung der Gemeinschaft mit Ihm, aufgehoben. Aber die sogenannten zeitlichen Folgen der Sünde bleiben zunächst bestehen. Weil sie aber die Verbindung mit Gott beeinträchtigen, kann sie der Christ nicht einfach auf sich beruhen lassen. Er "bringt sie weg" entweder durch Leiden oder eben durch die Gewinnung eines Ablasses.

Dieser ist sozusagen eine weniger schmerzliche Reinigung der Seele, ein gütigeres Fegefeuer und ein paradox "schmerzfreies Sühnen", das zwar sehr wohl die innere Umkehr verlangt und ohne die mit ihr notwendig verbundene Mühe nicht möglich ist, aber nicht in der gleichen Weise Schmerzen bereitet.

"Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit", sagt Paulus. Das heißt: Jede Sünde, auch wenn sie im Geheimen geschieht, belastet alle. Denn die Gemeinschaft der Gläubigen (und aller Menschen) ist eine Art kommunizierendes Gefäß: Einer für alle, alle für einen.

Aber das gilt noch mehr in der anderen Richtung, der Richtung des Guten. Da gibt es eine geheimnisvolle Verbindung aller, der Christen im Himmel, derer, die im Fegefeuer noch zu sühnen haben, und uns, die wir noch Pilger sind, unterwegs im Leben, unterwegs auf der Erde. Die Heiligkeit des einen kommt den anderen zugute! Noch einmal: Wirksamer als die Sünde in der Gegenrichtung! Das heißt dann: Der Sünder kommt schneller und wirksamer von den Sündenfolgen (= Sündenstrafen) los.

Mit anderen Worten: Der Sünder kann sich nicht aus eigener Kraft von den Folgen der Sünde freimachen, aber das macht nichts, denn er steht nicht allein mit seinem "Problem" da, die Gemeinschaft der Kirche hilft ihm. Diese solidarische Zusammengehörigkeit im innersten Bereich unseres Seins nennt man theologisch die "Einheit des mystischen Leibes". Denkt man an die Heiligen, die besonders viel an geistlichem Reichtum in die Gemeinschaft aller einbringen, beginnt man zu ahnen, was es mit dem Ablaß für eine Bewandtnis hat; und man versteht: die scheinbar so periphere Ablaßlehre führt uns ins Zentrum. Sie beruht auf dem Prinzip der Stellvertreterschaft, und auf diesem gründet schließlich das ganze Geheimnis Christi! Ablaß eine Wahrheit unter ferner liefen? Keineswegs! Christus und die Werke der Heiligen sind für uns ein "Schatz".

Es war schon vom geistlichem Reichtum mancher Menschen die Rede. Dieser heißt in der Fachsprache der Tradition der Kirchenschatz, gebildet und "eingezahlt" natürlich in unvergleichlich erster Linie von Christus selbst, im gebührenden Abstand von Maria und allen Heiligen.

Was heißt dann, einen Ablaß gewinnen? Nichts anderes als: diesen "Kirchenschatz" in Anspruch nehmen. Das kann man aber nur durch die Kirche, denn sie ist es, die den Schatz gleichsam verwaltet. Es ist für den modernen Menschen und auch den heutigen Gläubigen geradezu anstößig zu hören, wie der Weltkatechismus an dieser Stelle formuliert:

"Der Ablaß wird gewährt durch die Kirche, die kraft der ihr von Jesus Christus gewährten Binde- und Lösegewalt für den betreffenden Christen eintritt und ihm den Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen zuwendet, damit er vom Vater der Barmherzigkeit den Erlaß der für seine Sünden geschuldeten zeitlichen Strafen erlangt. Auf diese Weise will die Kirche diesem Christen nicht nur zu Hilfe kommen, sondern ihn auch zu Werken der Frömmigkeit, der Buße und der Nächstenliebe anregen" (1475.).

Der letzte Satz zeigt: Auch der Ablaß ist keine Mechanik, die die persönliche Umkehr irgendwie umgehen, ersetzen, überflüssig machen könnte. Nein, der Ablaß setzt sie voraus, er will sie nur leichter machen. Daher schreibt der Papst: "Indem ich mich auf diese Lehraussagen stütze und den mütterlichen Sinn der Kirche deute, verfüge ich, daß alle Gläubigen, sofern sie angemessen vorbereitet sind, während des ganzen Jubiläumsjahres in den reichlichen Genuß des Ablaßgeschenkes kommen können", und zwar gemäß den Anweisungen.

Es ist nach kirchlicher Lehre möglich, Verstorbenen durch einen "Ablaß für sie" zu helfen, sagt der Weltkatechismus. Das ist nicht verwunderlich. Sie sind ja nicht draußen, sondern durchlaufen in Vorbereitung auf den Himmel einen Reinigungsprozeß. Man könnte auch im biblischen Bild sagen: Sie sind dabei, ihr hochzeitliches Gewand in Ordnung zu bringen (haben tun sie es schon).

Wenn sich jemand wirklich die Zeit nimmt, den genauen Sinn dieser Lehre anzueignen, wird er wohl schon zu einem guten Teil von seinen Vorbehalten geheilt sein. Aber jetzt kommt es darauf an, einerseits viele, möglichst allen Gläubigen die Augen zu öffnen für diese Seite der Liebe Gottes - die wir so lange buchstäblich übersehen haben! - und andererseits damit anzufangen, ohne entstellende Mißbräuche von früher, die Gabe Gottes namens Ablaß anzunehmen - als Reichtum unseres christlichen Lebens.

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