VISION 20001/2006
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Christen unter dem Roten Halbmond

Artikel drucken Benachteiligung und Verfolgung kennzeichnen die Lage in vielen Ländern

Freiheit der Religionsausübung gehört zum Bestand der Menschenrechte. Daß in vielen muslimischen Staaten Christen dieses Grundrecht vorenthalten wird, zeigt der folgende Überblick.

Ägypten

Rund zehn Prozent der 66 Millionen Ägypter sind Christen, überwiegend Kopten. Unter Präsident Nasser wurde ein Großteil der Kirchengüter beschlagnahmt. Viele Christen wandern von da an aus (rund zwei Millionen Kopten leben im Ausland). Die Spannungen zwischen Muslimen und Christen steigen. Zwischen 1992 und 1997 fallen 220 Kopten in Ober- und Mittel- und Oberägypten islamistischen Gewalttätern zum Opfer. Aus Angst vor Übergriffen sowie wegen eigener und Benachteiligung ihrer Kinder, verlassen etwa 20.000 Kopten jährlich die Kirche.

Im September 2005 werden drei christliche Studentinnen Opfer eines Messerattentats und müssen in Spitalsbehandlung. Eine Nonne erliegt im Oktober den ihr zugefügten Stichwunden. Ebenfalls im Oktober kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Christen in Alexandria. Mehrere Menschen verlieren ihr Leben, sieben Kirchen wurden beschädigt.

Selbst in Dörfern mit 90 Prozent christlicher Bevölkerung darf der Bürgermeister nicht Kopte sein. Kopten bleiben höhere Funktionen überhaupt versperrt.

Indonesien

Von den 224 Millionen Einwohnern des Landes sind rund 10 Prozent Christen. Nach dem Sturz Präsident Suhartos (1998) sind diese erstmals massiven Attacken ausgesetzt und werden in einigen Regionen unterdrückt und benachteiligt. Auf den Molukken werden 1999 und 2000 rund 4.000 Menschen bei ethnischen Konflikten umgebracht, 2003 sogar 10.000. Es sind überwiegend, aber nicht nur Christen. Bei Überfällen auf Dörfer von Christen, werden diese vor die Wahl gestellt: Tod oder Konversion zum Islam. Zwischen 1945 und 2001 wurden insgesamt 825 Kirchen zerstört, beschädigt oder behördlich geschlossen (Tendenz stark steigend).

Pakistan

Nur zwei Prozent der 145 Millionen Pakistani sind Christen, 95 Prozent sunnitische Muslime. 1949 wird Pakistan zum islamischen Staat erklärt, Minderheiten werden diskriminiert: Vor Gericht zählt die Aussage von Nicht-Moslems weniger als die von Moslems, es gibt keinen eigenständigen Religionsunterricht für Christen, dafür Probleme für religiöse Minderheiten, qualifizierte Jobs zu bekommen. Nicht-muslimische Frauen leben de facto im rechtsfreien Raum. Blasphemie (Beschmutzung des Korans, abfällige Äußerung über den Propheten) wird streng bestraft (“... der Blasphemie Angeklagte (werden) schon im Polizeigewahrsam, manchmal sogar noch im Gerichtssaal von fanatischen Muslimen ermordet...")

Ein Beispiel für die Behandlung der Christen: Im November 2005 wurden in Sangla Hill zwei katholische Schulen und ein Schwesternkonvent, das Pfarrhaus, das Haus eines protestantischen Pastors, ein Mädchenwohnheim und drei Kirchen zerstört. Der Erzbischof von Lahore sprach von “geplanten und organisierten Angriffen", an denen 2.000 Muslime beteiligt waren.

Nigeria

Von den 127 Millionen Einwohnern des westafrikanischen Staates sind offiziell 45 Prozent Muslime, 49 Prozent Christen. Ihr Zusammenleben war lange Zeit weitgehend friedlich. Seitdem das Land der Organisation Islamischer Staaten (OIC) beigetreten ist (1986) und in 12 Bundesstaaten die Scharia eingeführt wurde, mehren sich bürgerkriegsähnliche Konflikte. 2001 etwa werden in der Provinz Benue 7.000 Angehörige des christlichen Stammes der Tiv von der Armee umgebracht. 2003 ließ der Gouverneur von Kano die christlichen Kirchen schließen und verwüsten. Alle Grund- und Mittelschulen müssen dort Islamunterricht einführen. Im April 2004 starben bei Angriffen militanter Muslime 1.500 Christen...

Iran

Nach der Revolution von 1979 werden katholische Priester und Ordensleute des Landes verwiesen, Schulen verstaatlicht bzw. geschlossen. Hunderttausende Christen verschiedener Konfessionen verlassen daraufhin den Iran. Derzeit dürften nur noch rund 120.000 Christen im Iran leben. Abfall vom Islam gilt als schweres Vergehen, das mit dem Tod bestraft werden kann. Zur Illustration: Der vom Islam zum Christentum übergetretene 50jährige Gorban Tori aus der Stadt Gonbad-e-Kavus, Leiter einer freikirchlichen Gemeinde erhielt mehrere Drohungen und wurde am 22. November 2005 erstochen aufgefunden. (Zur Situation im Iran siehe auch nebenstehendes Interview)

Saudi-Arabien

Angehörige aller Religionen, vor allem christliche Gastarbeiter (rund vier Prozent der Bevölkerung), stehen unter Beobachtung der “Religionspolizei". Diese sucht, religiöse Praxis auch im privaten Bereich zu unterbinden. Zahllose Übergriffe der Polizei sind gut dokumentiert. Kirchen dürfen nicht gebaut werden. Aus saudischen Schulbüchern erfahren die Kinder, “Juden und Christen seien Feinde Gottes und seiner Gläubigen." Religionswechsel von Muslimen wird mit dem Tode bestraft.

Irak

Saddam Hussein gilt als einer der grausamsten Diktatoren der letzten 50 Jahre. Zu den von ihm verfolgten Minderheiten zählten auch die Assyrer (zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Menschen),Angehörige der chaldäischen Kirche. Die irakische Armee zerstörte mehrfach ihre Dörfer. Tausende Assyrer wurden für den Krieg gegen den Iran zwangsverpflichtet.

2,5 Jahre nach dem Sturz Saddams haben 80 Prozent der Iraker Ende Oktober für eine neue Verfassung gestimmt. Im Artikel 2 wird der Islam zu “einer Hauptquelle der Gesetzgebung" erklärt. Somit droht im Irak jetzt die Einführung des islamischen Rechts (Scharia). Vom Sommer 2003 bis September 2005 waren im Irak rund 25 Kirchen Ziel von Bombenanschlägen. Aus Angst verließen im Jahre 2004 bereits 50.000 Christen den Irak. Bei einer stark an der Scharia orientierten Verfassung rechnet Sabah Patto, Leiter der chaldäisch-irakischen Christengemeinde in Deutschland, sogar mit dem Exodus der rund 800.000 verbliebenen irakischen Christen.

Sudan

Zwischen zehn und 20 Prozent der 33 Millionen Sudanesen sind Christen, 70 Prozent Muslime. Im März 1991 wird die Scharia im ganzen Land eingeführt, eine Verschärfung der seit 1983 ohnedies bestehenden Diskriminierung der Nicht-Muslime. 1998 tritt eine Verfassung in Kraft, die politische Öffnung signalisiert, das islamische Recht bestimmt aber nach wie vor die Rechtsordnung. In einem Rechtsgutachten erklären sechs religiöse Führer 1992 dem Südsudan den Heiligen Krieg. Ganze Landstriche und Städte werden entvölkert und ausgehungert, Dörfer bombardiert, die Männer erschossen, Frauen und Kinder versklavt. Nahrung bekommt, wer zum Islam übertritt. 1994 wird der Einfluß der Kirchen per Gesetz zurückgedrängt. Millionen fliehen.

2005 unterzeichnen Regierung und Rebellen (zwischen beiden wurden die Christen aufgerieben) einen Friedensvertrag. Dem Konflikt waren 1,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Vier Millionen wurden vertrieben. (“Sie werden euch hassen")

Die 2005 verabschiedetet Verfassung sieht im Strafrecht Strafen wie Auspeitschen und Amputationen und für “Abwendung vom islamischen Glauben" die Todesstrafe vor. (IGfM)

Türkei

Heute sind nur noch 0,15 Prozent der Türken Christen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es noch 20 Prozent. 1915 kommt es zur gezielten Verfolgung der christlichen Armenier (rund 1,5 Menschen werden zum teil unter schrecklichsten Bedingungen umgebracht). Ein Exodus der Christen setzt ein. Die Türkei, mittlerweile EU-Beitrittskandidat, tabuisiert heute noch diesen Völkermord und gewährt Angehörigen nichtislamischer Bekenntnisse immer noch keine volle Religionsfreiheit. Juden, griechisch-orthodoxen und armenischen Christen (sie gelten als Nationalitäten) genießen einen gewissen Rechtsschutz, römisch-katholische und evangelische Christen jedoch nicht.

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